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Gabbi WernerGirl Friday – Buch des Bösen 22. Tee für gewisse Stunden

Von | 10.01.2014, 2:49 | Kein Kommentar

Während ich den Tee machte, sprach keiner ein Wort. Aber seine Augen hingen an mir, es entging ihm nichts.

Willkommen. Zu Geschichten aus vielen Hotelzimmern. Ich erzählte sie einem Mann, der nicht schlafen konnte. Ein Business-Deal. Er zahlte für meine Worte. Hier sind sie.

*

„Ich saß also fest. Kein Jules Verne.  Nur Island und fauler Geruch. Ich kehrte ins Dorf zurück, nur eine Stunde war vergangen. In der Tankstelle studierte ich die Landkarte, in der Hoffnung, eine andere Straße zu finden. Es gab nur die eine Straße. Da war kein anderer Weg. Ich musste auf den Bus warten, um von hier weg zu kommen. Ich ging ins Fast-food-Lokal. Der Platz war überfüllt, es war ein Samstag zu Mittag. Ich setzte mich an einen Tisch nahe dem Fenster zur Straße mit den fünfzehn Häusern. Alle starrten mich an. Ich bestellte Tee und Pommes, die Leute wendeten sich ihren Unterhaltungen und Flipperautomaten zu. Ich hatte kein Buch bei mir, die Magazine, die man in der Tankstelle kaufen konnte, sprachen alle isländisch, der Spielzeugladen daneben machte erst in eineinhalb Stunden auf.

Ich kaufte ein Tratschmagazin, damit ich wenigstens die Bilder angucken konnte, blickte ständig auf die Uhr, wartete auf das Aufsperren des Spielzeugladens, das könnte weitere zwanzig Minuten umbringen, wenn ich mich anstrenge.

Um Ein Uhr Dreißig ging ich in den Spielzeugladen. Dort gab es auch Haushaltsgeräte und Farben und Nägel und Hämmer. Jeder Artikel war noch originalverpackt, kein Datum jünger als 1984. Es fühlte sich wie ein Museum unerwünschter Waren an. Ich fand eine Schreibwarenabteilung und kaufte ein Büchlein und eine Feder. Die Feder war hellorange, die Tinte auch, wie sich heraus stellte.

Nach dem Einkauf ging ich die Straße von Olavsvik runter und spazierte über die Wiese, setzte mich auf einen Felsen und hatte Tee, damit sowas wie ein Gefühl von Abenteuer hoch kam. Dort machte ich das Foto.

Danach beschloss ich, dass es Zeit war, zur Tankstelle zurück zu kehren. Es gab nichts anderes zu beschließen.

In der Tankstelle war noch mehr los als zuvor, mehrheitlich Männer. Alle starrten mich an. Ich schaffte es wieder an meinen Platz neben dem Fenster und bestellte mehr Tee und mehr Pommes. Ich beschloss, dass es eine gute Zeit war, meinem nunmehrigen Exfreund einen Abschiedsbrief zu schreiben, so war die Zeit wenigstens halbwegs sinnvoll investiert. Ich schrieb den Brief, mit oranger Tinte. 

Der Kellner schaltete das TV-Gerät ein, es war zehn nach zwei. Noch zweieinhalb Stunden, dann konnte ich rausgehen und fünfzehn Minuten lang auf den Bus warten. Die Leute sahen angeregt fern und applaudierten ständig. Im Fernseher sang wer, dann wurde kommentiert, dann stimmte eine Jury ab. Dann spielte wer Klavier und sang dazu und es gab wieder Applaus und wieder stimmte eine Jury ab.

Es war der nationale Liederwettbewerb, die Ausscheidung für den Eurovisions-Song-Contest.

Die Lieder wollten nicht enden, sie wurden in isländischer Sprache gesungen, die Jury diskutierte lange, eine Art TV-Seherwahl gab es auch. Ich dachte zuerst, dass die Dorfbewohner deswegen zusammen gekommen waren, weil einer der ihren Kandidat war, aber sie reagierten auf alle Lieder gleich. Jede halbe Stunde oder so kam der Kellner an meinen Tisch, um mich zur Bestellung einer weiteren Tasse Tee oder zu was weiß ich zu nötigen. Ich hatte keinen Hunger, also blieb ich bei Tee. Die Leute im Lokal starrten auf das TV-Gerät, und wenn sie nicht die Glotze anglotzten, glotzten sie mich an. Ich tat so, als wäre ich ganz von meinem Schreiben eingenommen. Um halb fünf hielt ich es nicht mehr aus und ging raus. Der Spielzeugladen war bereits geschlossen. Ich saß auf der Bank am Rand der Straße und zählte die Minuten, bis der Bus endlich kam. Die ganze Rückreise lang war ich der einzige Passagier.

Ich legte mich zu Bett, vollkommen erschöpft. Beim Frühstück am nächsten Morgen begegnete ich dem Chirurg nicht mehr, er war wohl Gast bei seiner Tante. Am Nachmittag darauf nahm ich den Bus zu einer „sicheren“ Expedition, ich fuhr zur Blauen Lagune. Ich muss zugeben, das pastellblaue Wasser war großartig.“

*

R. zitterte ein wenig, als wollte er andeuten, dass ihm noch immer kalt war. Er lag unter der Tuchent, tatsächlich war er darin eingewickelt, er sah wie eine Mumie aus. Es war warm im Zimmer. Ich ging zum Tisch, um mir Tee zu machen. Ich fragte, ob er auch welchen wollte. Er nickte. Während ich den Tee machte, sprach keiner von uns ein Wort. Aber seine Augen hingen an mir,  es entging ihm keine Regung von mir und ehe ich denken konnte, sprudelte es aus mir heraus:

ob es ihn anmachte, wenn ich uns Tee machte.

„Warum kannst Du sowas denken? Du hast mich gefragt, ob ich welchen wollte, und ich sagte nur ja. Du bist noch immer hier, obwohl Deine Arbeit für heute getan ist, Du könntest in Dein Zimmer gehen oder sonst wo hin. Wenn ich Dich anmachen wollte, hätte ich es schon lange gemacht, oder? Ist Dir unser Deal nicht mehr recht?“

Ich fing fast an zu weinen, es war mir peinlich. Hier war ich, in diesem Zimmer, mit diesem Mann, der keinen einzigen intimen Gedanken mit mir teilte, während ich die meinen auf Bestellung preisgab.

„Hab ich Dich beleidigt? Das war nicht meine Absicht. Es ist nur schwer, immer zu reisen, Du schienst die Richtige zu sein, mir das zu erleichtern, aber wenn es Dir zu viel ist, dann sag es doch. Ich will Dich nicht küssen, ich glaube, das müsste Dir mittler Weile klar sein. Ich dachte, es würde Dir Spaß machen, von Ort zu Ort zu reisen, mit Deiner Filmarbeit verdienst Du ohnehin kaum Geld. Die Reisen mit mir könnten Dich sogar zu Dokumentationen inspirieren. Ich will nur etwas Zerstreuung, warum glauben Frauen immer, dass ich mehr von ihnen will, ist es wegen meines Geldes?  Es gibt so viele Männer, die reicher sind als ich. Oder willst Du, dass es körperlich mit uns wird, ist es das? Bist Du beleidigt, weil ich Dich nicht anmache? Ich versteh Dich nicht.“

Ich starrte auf meine Tasse Tee. Am Tassenboden war das ausgetrocknete Nass zur Gestalt eines Wals erstarrt. Ich zeigte ihm die Tasse und sagte: „Ein Wal.“

„Liebes Mädchen, in Deinem Gemüt ist ein schräger Geist am Werk. Pass auf, dass Du mit Deiner Fantasie nicht in die Tasse springst, und irgendwer putzt den Flecken weg, ehe Du bereit bist, wieder in die reale Welt zurück zu kehren.“

Er kicherte. Dann seufzte er.

„Komm ich bei Dir als einfach nur logisch rüber?“

„Ja, schon.“

„Warum sollte ich dann ausgerechnet mit Dir abhängen?“

„Wir hängen nicht mit einander ab. Sie bezahlen mich. Ich darf keine Fragen stellen.“

„Na, komm schon, frag mich was. Was auch immer.“

Ich fragte ihn, warum er mich zu seinen Reisen mit nahm.

„Ich hab es Dir schon gesagt, ich hasse es, allein zu reisen. Manchmal war ich so einsam, dass ich das Gefühl hatte, mein Gehirn verzehrt all diese Gedanken, die aus dem Nirgendwo auftauchen, es ist zum Verrücktwerden, es hört nicht auf. Mein Geist zerschmilzt in ein Chaos. Verstehst Du, was ich meine? Wenn es so schlimm wird, dass du die Schmerzen des Gehirns spürst? Das Denken, das An-die-Wand-Starren, das Hiersein. Oder dort oder wo immer. Es tut weh. Manchmal nehme ich Schmerztabletten, um mir vorzugaukeln, dass es aufgehört hat. In solchen Momenten muss ich zumachen. Ab einem gewissen Punkt beginne ich mit den Gleichungen, das hilft. Die Zahlen besänftigen immer. Sie sind angenehme Gesellschaft, diese Zahlen.  Das bist Du auch, irgendwie. Du bist so lustig. So verloren. Ich hätte nie geglaubt, dass Du das machen wirst. Mit mir zu reisen. Mir Geschichten zu erzählen. Ich dachte, Du würdest ausflippen vor Angst. Und dann dachte ich, mal sehen, wie lang sie es bringt. Und Du bist noch immer da. Erstaunlich. Sag, ist es das Geld? Hast Du das Geld so nötig, dass Du noch immer da bist?“

Seine Frage traf mich unerwartet. Es fiel mir kein veritabler Grund ein, warum ich ihn noch immer begleitete.

Ich hielt noch immer die Tasse Tee in der Hand. Ich sagte, dass es Menschen gibt, die anhand der Teeflecken die Zukunft voraus sagen. Nur dass dies einem logischen Geist wie dem seinen wahrscheinlich egal ist.

„Du hast vollkommen recht. Sag, könntest Du die Heizung ausschalten, ehe Du gehst? Mir ist jetzt warm genug.“

Fortsetzung folgt. Am nächsten Freitag. Jeden Freitag. Ab 9.00h.

Link zur Englischen Originalfassung: auf  Girl Friday – the Book of Bad 22. The Right Time for Tea klicken.

Artwork: Gabbi Werner

Übersetzung ins Deutsche: Manfred Sax

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