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Gabbi WernerGirl Friday – Buch des Bösen 21. Geh nicht nach Olavsvik

Von | 04.01.2014, 15:06 | Kein Kommentar

Wenn in Island, machs wie die Isländer: Meide Olavsvik

Willkommen. Zu Geschichten aus vielen Hotelzimmern. Ich erzählte sie einem Mann, der nicht schlafen konnte. Ein Business-Deal. Er zahlte für meine Worte. Hier sind sie.

*

„Ich war einmal in Island, im frühen Frühling. Ich machte ein Foto von mir, in der Mitte von Nirgendwo, einen Plastikbecher mit Tee in der Hand, Verzweiflung im Gesicht.

Es war mein zweiter Besuch, ein Geburtstagsgeschenk für meinen damaligen Boyfriend. Aber er musste an jenem Wochenende Fußball spielen und, nein, er war kein Profifußballer, es war eine lahme Ausrede und daher auch das Ende unserer Affäre. Aber weil ich den Trip gebucht hatte und das Geld nicht zurück kriegte, fuhr ich eben hin. Allein. Vier Tage Island können nett sein, dachte ich, man kann über das Dasein nachdenken, während man die surreale Landschaft genießt, die ich während des ersten Besuchs so liebgewonnen hatte.

Während des ersten Besuchs hatte ich die üblichen Touristensachen gemacht – die Geysire, den Gulfoss-Wasserfall, Thingvalyr und Thorsmorsk. Diesmal wollte ich was Besonderes. Ich erinnerte, dass Jules Verne den Beginn seines Buches „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ in einer Höhle bei Snaefellsjökull, dem Vulkan bei Olavsvik, angesetzt hat.

Ich hatte keine Ahnung wohin des Weges, also beschloss ich, das Finden des Eingangs zur Höhle zu meiner Mission zu machen.

Im Flugzeug hatte ich mit einem Isländer geplaudert, der sein Land hasste. Er war ein Chirurg und lebte in Kanada. Die Einsamkeit der Insel, sagte er, hatte ihn als Buben fast um den Verstand gebracht, er war froh, jetzt in einem Land mit mehr Leuten zu leben. Der Geburtstag einer Tante hatte ihn zu einem Wochenendbesuch in Island gezwungen. Er hasste seine Familie noch mehr als sein Land, sagte er.

Er fragte mich, was ich in Island machen wollte, ob ich die Gletscher und die Blaue Lagune ansehen wollte. Keine dieser Sachen, sagte ich, ich wollte Olavsvik finden, sagte ich.

Der Chirurg war ein paar Sekunden still und starrte mich ausdruckslos an. „Sie sollten nicht nach Olavsvik gehen.“

Er machte wieder eine lange Pause und meinte dann: „Die Blaue Lagune ist viel netter.“

Er verfiel wieder in Schweigen. Ich fragte ihn nach der blutigsten Operation, die er je machen musste, und die Konversation wurde wieder etwas lebhafter.

Am Flughafen nahm ich ein Taxi nach Reykjavik, um die Mondlandschaft allein erleben zu können. Die Taxlerin war circa fünfzig Jahre alt. Sie erzählte an jeder zweiten Kurve von den neuesten Ereignissen in Island. Ihr Haar war rot gefärbt, Frauen im gewissen Alter lieben das, im Sonnenuntergang kommt sowas recht künstlich rüber. Sie deutete zur Blauen Lagune. „Dort sollten Sie hingehen, es ist so nett und entspannend.“

Ich sagte, dass ich andere Pläne hatte und die üblichen Touristenplätze meiden wollte, dafür aber das wahre Island sehen, mein Ziel sei Olavsvik. Die Taxlerin drehte sich zu mir um. „Warum wollen Sie nach Olavsvik? Dort gibt es nichts.“

Ich erklärte ihr die Sache mit Jules Verne, aber sie schien nicht überzeugt.

Am nächsten Morgen traf ich den Chirurgen wieder, beim Frühstücksbuffet meines Hotels. Ich wünschte ihm viel Glück mit seiner Tante, und er sagte, er hoffe, dass mir Island gefallen werde und ob ich zufällig an Thorsmorsk gedacht hätte, das sei ein lieblicher Wald. Ich wagte nicht zu erwähnen, dass ich bereits den Busfahrplan studiert hatte und am Sprung nach Olavsvik war.

Ich spazierte zur Busstation. Der Bus ging morgens um acht Uhr irgendwas und würde Olavsvik gegen elf erreichen, und um fünf am Nachmittag ging einer zurück nach Reykjavik. Es saßen nicht zu viele Leute im Bus, nur zwei Touristen, gut so. Sie waren Deutsche und hatten Ski bei sich. Es gab eine Gruppe Frauen, die mit einander plauderten und einen Vater mit seinem zurück gebliebenen Sohn.

Der Bus fuhr und fuhr, durch flaches Gelände, das wie Kulissen eines Western von John Ford vorbeizog, dann einen Tunnel runter, der zwei Halbinseln verband. An jeder Haltestelle stieg wer aus, die Außenwelt wurde immer trostloser. Perfekt! Das war das wahre Island. An der letzten Haltestelle vor Olavsvik stiegen die Deutschen aus, und es begann tatsächlich zu schneien. Wir fuhren durch einen weiteren Tunnel. Der zurück gebliebene Junge begann gurgelnde Geräusche zu machen und wurde immer lauter. Sein Jammern schlug in einen langen Schrei um. Der Vater gurgelte zurück, wahrscheinlich um den Buben zu beruhigen, wenn auch vergeblich. Es folgten noch mehr Tunnels, jedes Mal nahm das Volumen seiner Schreie zu.

Die Landschaft veränderte sich, das Wetter erholte sich, der Vater gab dem Sohn eine Dose Dr. Pepper, was den Buben beruhigte. Eine halbe Stunde später erreichten wir mein Ziel, und ich stieg aus. Der Bub winkte mir von seinem Fenstersitz zu, ich winkte halbherzig zurück.

Ich hatte grobe, warme Wanderstiefel und eine Thermosflasche mit Tee und Sandwiches und sechs Stunden, um die Höhle zu finden. Ich blickte auf die Stadt, da waren zunächst drei Gebäude am Straßenrand. Das eine war ein Tankstellenrestaurant mit Fast-food und Videoverleih. Das zweite war ein Spielzeugladen, der aber seit ein Uhr dreißig geschlossen war. Das letzte Haus war leer. Die drei Häuser standen mit dem Rücken zum Meer. Das Wasser war dunkelblau, Möwen zogen darüber ihre Kreise. Es führte kein Pfad zum Meer, es gab keinen Strand. Es gab nur die Straße und die Klippe und den Ozean.

Auf der anderen Straßenseite zählte ich fünfzehn Häuser. Zwei weitere Straßen. Fertighäuser, eines sah wie die anderen aus. Jedes einzelne Haus hatte eine Satellitenschüssel und den gleichen Gartenzaun. Die Fenster hatten Verschläge, und die meisten waren in der Tat verriegelt. Ein Mann ging an mir vorbei, er stieg ins Auto vor seinem Haus und fuhr zur Tankstelle, wo er sein Auto parkte und verschloss und im Gebäude verschwand.

Ich wanderte bis ans Ende der Straße, ich musste die Route zur Höhle finden. Es gab eine Wiese, die voll mit Schafscheiße war, aber eine Art Pfad erkennen ließ – welchem ich folgte. Der Weg wurde breiter, mit einiger Fantasie konnte man nun in der Tat Pfad dazu sagen. Das stimmte mich enthusiastisch, vielleicht war es der Pfad zur Höhle von Jules Verne!

Der Pfad führte steil bergauf und verwandelte sich nach und nach in eine Schotterstraße. Ich hob einen runden Stein auf, vielleicht war ein Amethyst darin verborgen. Ich kletterte weiter hoch, die Straße wurde immer steiler, wand sich um den Hügel. Oben angekommen, sah ich den Ozean wieder, und es fiel mir auf, dass es hier auf der Straße mehr Möwen gab als draußen am Wasser. Einige Vögel flatterten ein Weilchen hoch, um sich dann wieder dort nieder zu lassen, wo sie zuvor standen.

Ungefähr funfhundert Meter weiter sah ich ein Straßenzeichen. Es fluoreszierte gelb dahin und hatte viele isländische Worte drauf. Jedes vierte oder fünfte Wort endete in einem Rufzeichen. Mir wurde seltsam zu Mute, beschloss aber, noch ein Stück weiter zu gehen, die Straße war breit, kein Schnee lag am Hügel, es drohte keine Gefahr, von einer Lawine verschüttet zu werden. Nach ungefähr fünfzig Metern drehte ich mich um – ich stand jetzt nicht mehr vor einem Schwarm Möwen, es war eine ganze Vogelnation. Das allein war Angst erregend.

Plötzlich fuhr mir ein fauliger Fischgeruch in die Nase und breitete sich in mir aus, ich musste mich fast übergeben. Ich war körperlich außer Stande, weiter zu gehen.

Fortsetzung folgt. Am nächsten Freitag. Um 9.00h.

Link zur Englischen Originalfassung: auf  Girl Friday – the Book of Bad 21. Don´t go to Olavsvik klicken.

Artwork: Gabbi Werner

Übersetzung ins Deutsche: Manfred Sax

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