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Gabbi WernerGirl Friday – Buch des Bösen 20. Kälte

Von | 20.12.2013, 9:00 | Kein Kommentar

Er sagte, es sei ihm kalt. Soll er doch seine Frau anrufen, wenn er es wärmer haben will …

Willkommen. Zu Geschichten aus vielen Hotelzimmern. Ich erzählte sie einem Mann, der nicht schlafen konnte. Ein Business-Deal. Er zahlte für meine Worte. Hier sind sie.

*

R. lachte, als ich ihm gestand, dass ich keine Stifte hatte. „Macht nichts, Mädchen, hast Du wirklich geglaubt, dass ich heute einen Schraubenzieher kaufen würde?“

Das hatte ich in der Tat, aber ich beschloss, es ihm nicht zu sagen.

„Ich meine, niemals würde ich einfach so eine Zeichnung machen. Ich kann gerade mal eine Kuh zeichnen, glaube ich, oder eine Wolke. Mann, es ist kalt heute, findest Du nicht auch, dass es kalt ist, ich friere hier. Ich muss die Heizung aufdrehen. Ist Dir kalt? Geht es Dir gut? Du bist so still.“

Ich erzählte ihm von den Ziegeln, die ich gesehen hatte und wollte ihm den Wert der Klimt-Bilder in Zahlen vermitteln, damit sein Geist was zu verdauen hatte, aber er stoppte mich. „Ich mag Weltkriegs-Geschichten nicht, sie deprimieren mich. Ich möchte mich wohlfühlen. Machen Dich Geschichten aus dem Zweiten Weltkrieg glücklich?“

Natürlich nicht, sagte ich.

„Das ist gut so. Sie machen mich auch nicht glücklich.“

Ich versuchte, ihm zu erklären, dass es interessant sein könnte, weil es eine Geschichte war, die viel Mathematik inkludierte, er könnte ja den geschätzten Wert jedes einzelnen Bildes addieren und dann das Geld abziehen, das Österreich zahlen würde. Ich wurde die Gedanken nicht los, die ich am Nachmittag hatte, auch wollte ich sie nicht einfach übergehen und ihm nur eine weitere oberflächliche Geschichte erzählen. Es war zu anstrengend. Aber er machte weiter, ohne zu bemerken, dass ich mich einbringen wollte, ihm vielleicht sogar gestehen, dass ich endlich mal ich selbst sein wollte, wenn ich mit ihm war.

„Was wir hier wollen, ist glücklich und leicht und entspannt. Okay?“

Ich sagte okay.

„Na, wenn Du okay bist, bin ich auch okay.  Ist es kalt hier? Ich friere!“

R. ging zur Klimakontrolle und drückte manisch auf die Tasten. „Wieso ist Dir nicht kalt? Das Ding hier funktioniert überhaupt nicht.“

Einen Moment lang wollte ich eine Antwort geben, die ich dann verschwieg. Ich wollte ihm sagen, er möge doch seine Gattin anrufen, wenn er es wärmer haben wolle.

„War Dir schon jemals so kalt?“

Ich sagte, ich konnte nicht wissen, wie kalt es war, mir war nicht kalt.

„Ich meine KALT, ich kann ja mit den Zähnen klappern, wenn Du dann besser verstehst. Gib mir eine kalte Kalt-Geschichte. Um mich zu wärmen. Eine Dickens-Geschichte. Mit all den armen Leuten, die da neben dem Ofen leiden, Du weißt schon, wenn sie nicht mehr genug Geld haben, um Kohlen zu kaufen und irgendwer wird sehr krank und stirbt beinahe, oder meinetwegen stirbt er tatsächlich, ich erinnere das nicht mehr so genau. Aber nicht noch so ein erfundenes Märchen. Ich möchte wissen, wann Dir wirklich kalt war und was Du dann gemacht hast. Gib mir Dein persönliches Little House on the Prairie.

Er ging zu seinem Bett und schlüpfte unter die Tuchent und zitterte.

Ich sagte, dass ich mal in Island war und fragte, ob das ausreichend kühl sei.

Fortsetzung folgt. Am ersten Freitag 2014. Um 9.00h.

Link zur Englischen Originalfassung: auf  Girl Friday – the Book of Bad 20. Frozen klicken.

Artwork: Gabbi Werner

Übersetzung ins Deutsche: Manfred Sax

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