Jetztzeit

Reality-Check: die Gegenwart in Wort und Bild

Netzzeit

Geschichten aus dem Leben mit dem Netz

Sexklinik

Alle Zeit bereit: Quality Time zum Thema Nummer Eins

Auszeit

Kultur & Freiheit: Doping zur Bewältigung des Alltags

Denkzeit

Die Welt ist kompliziert. Reden wir darüber

Sie sind hier: Home » Girl Friday - Buch des Bösen » Girl Friday – Buch des Bösen 19. Blumen, Fleisch & Papier
Share

Gabbi WernerGirl Friday – Buch des Bösen 19. Blumen, Fleisch & Papier

Von | 13.12.2013, 9:00 | Kein Kommentar

Wenn du durch Wien spazierst, siehst du nie das Morgen. Aber immer stolperst du über das Gestern.

Willkommen. Zu Geschichten aus vielen Hotelzimmern. Ich erzählte sie einem Mann, der nicht schlafen konnte. Ein Business-Deal. Er zahlte für meine Worte. Hier sind sie.

*

Adele Bloch Bauer erlag 1925 einer Lungenentzündung. Ferdinand wandelte den „Klimt-Raum“, wie er genannt wurde, in einen Schrein für Adele um. Jeden Tag wurden frische Blumen unter ihr Porträt gelegt. Niemand durfte den Raum betreten. Ein tägliches Ritual. Blumen wurden in den Raum gelegt und die Tür geschlossen. Ich möchte wissen, wie viele Riegel es dort gab. Und, ob Ferdinand je die Blumen betrachtete.

Ich kann mir vorstellen, dass er sie nie eines Blickes würdigte. Am Morgen. Nach dem Frühstück. Die Bedienerin geht hinein, die Blumen in ihrer Hand, so geräuschlos wie möglich. Vielleicht zieht sie sogar ihre Schuhe aus, auf Zehenspitzen in ihren Strümpfen, um Ferdinand nicht zu stören.

Er sitzt im Frühstückszimmer, hört aber das Rascheln des Papiers, in das die Blumen gewickelt sind. Er hört die Riegel, zuerst den mittleren, dann den oberen, dann den unteren. Der untere Riegel klemmt immer ein wenig, die Bedienerin muss die Blumen auf den Boden legen. Das Papier macht noch mehr Lärm, wenn sie das macht.Dann, als der untere Riegel endlich nachgibt, hebt sie die Blumen auf. Räumt die Blumen von gestern weg, sie sind immer noch schön! Aber sie wagt nie, die Blumen mit nach Hause zu nehmen, ein Hauch von Verwunschenheit umgibt sie. Die Bedienerin arrangiert die frischen Blumen in der Vase. Sie wagt nicht, das Gemälde anzusehen, sie wagt nicht, Frau Bauer zu grüßen. Dann verlässt sie den Raum und schließt die drei Schlösser.

Und Ferdinand ist nach oben gegangen.

*

In ihrem Testament hatte Adele verfügt, dass die Klimt-Bilder nach dem Tod ihres Gatten Ferdinand dem Belvedere Museum überlassen werden sollten. Das war 1925. Noch dreizehn Jahre Österreich.

Dreizehn Jahre. 1938. Die nationalsozialistische Partei nahm das gesamte Vermögen der Bloch Bauers unter „schützenden Gewahrsam“, unter dem falschen Vorwand, Ferdinand hätte Steuern unterschlagen. Das passierte vielen Juden, einige, wie Baron von Rothschild, wurden inhaftiert, bis sie ihr Vermögen der nationalsozialistischen Partei der Ostmark – so hieß Österreich damals – überschrieben hatten. Dasselbe passierte Ferdinands Bruder. Er kam ins Konzentrationslager. Um ihn rauszukriegen, mussten die Bloch Bauers all ihr Hab und Gut übergeben. Ferdinand floh in die Schweiz, sein Bruder und Adeles Schwester in die Vereinigten Staaten.

1945 lebte Ferdinand noch immer im Exil – und änderte das Testament, er widerrief die Wünsche seiner Frau. Er starb in der Schweiz, wenige Monate nach Ende des Kriegs, in vollkommener Armut. Jahre lang versuchte Familie Bloch Bauer von den Vereinigten Staaten aus, die Gemälde und anderen Besitztümer zurück zu bekommen.

Die österreichische Regierung war im Besitz von Adeles Testament, das deutlich erwähnte, dass die Bilder der Nationalgalerie übergeben werden sollten – und sie beharrte permanent darauf. Österreich sah nicht die Notwendigkeit, eine legale Angelegenheit zu diskutieren, die nach Ansicht der Regierung gegenstandslos war. Die Erben hatten keine legalen Mittel, ihren Besitz zurück zu fordern.

Das änderte sich in den Neunziger Jahren, als Ferdinands geändertes Testament von einem Journalisten, der den Fall untersuchte, entdeckt wurde. Maria Altmann, die letzte überlebende Erbin des Vermögens der Bloch Bauers, deponierte beim Obersten Gerichtshof der USA eine Klage.

Österreich behauptete dann, als souveräner Staat immun gegen amerikanische Rechtsprechung zu sein. Der Anspruch sollte in Österreich behandelt werden.

Maria Altmann versuchte, mit der österreichischen Regierung zu einer Übereinkunft zu kommen. Sie machte zahlreiche Vorschläge für eine vernünftige Lösung. Alle Vorschläge wurden von Österreich abgelehnt. Ihr letztes Angebot sah vor, dass fünf Gemälde zurück in ihren Besitz gelangen, aber sie würde Österreich erlauben, zwei Bilder permanent im Belvedere Museum auszustellen. Allerdings sollte Österreich für die fünf Bilder zahlen. Damals waren das geschätzte 25 Millionen Dollar. Dieses Angebot wurde von Österreich abgelehnt. Zu teuer, meinte die Regierung, man verfüge nicht über derartige Summen.

Schließlich erließ der Oberste Gerichtshof einen Schiedspruch, und Österreich musste einlenken, der Gerichtsfall hatte die internationale Presse erreicht. Wien zeterte: „Die Meisterwerke unseres großen Klimt werden gestohlen!“ – „Wieso kann unser Vermächtnis einfach weg genommen werden?“ – „Was geschehen ist, ist geschehen, wir haben im Krieg auch gelitten.“

Und dort saß ich also, beim Kuchen in der Aida – und betrachtete die Schokoladeschachteln. Wie sie Geld machten, mit ihrem dekorativen Gold und ihrer ornamentalen Opulenz. Ich dachte darüber nach, was wohl mit den echten Bildern geschehen werde.

*

Ich musste noch immer Kreide kaufen,  für die Zeichenstunde mit R., also begab ich mich wieder auf die Gumpendorfer Straße, dort hatte ich ein paar Geschäfte gesehen. Eines davon verkaufte wohl Blumen, weil auf einem Schild „Blumen“ stand. Ein anderes Schild sagte „Fleisch“, ein drittes „Papier“. Solide Kaufvorschläge: Blumen, Fleisch, Papier.

Die frische blaue Kälte des Morgens war einem dunklen, schattigen Nebel gewichen. Die bunten Gebäude der Straße verblichen zu Grau. Die wenigen Leute auf der Straße waren in dunkle Mäntel gehüllt. Alle Farbe war verschwunden, der Schnee zu braunem Dreck am Straßenrand verkümmert.

Ich peilte das Geschäft an. Kurz vorher stolperte ich über ein paar Ziegel. Sie waren aus Bronze, je zehn Quadratzentimeter groß. Jeder Ziegel hatte einen Namen drauf:

Hedwig Freud. Irma Kaufmann. Max Freund. Leo Spitzer. Rudolf Ambes. Max Rosenzweig. Erna Beran. Valerie Ambes. Und viele Namen mehr. Und ihre Geburtstage. Sie waren alle verschieden. Aber das Jahr ihrer Geburt war immer dasselbe, auf jedem Ziegel: 1941.

Das Geschäft war geschlossen. Ich hatte kein Material für unsere Zeichenstunde und musste ins Hotel zurück, ohne meinen Auftrag erfüllt zu haben.

Fortsetzung folgt. Nächsten Freitag. Um 9.00h.

Link zur Englischen Originalfassung: auf  Girl Friday – the Book of Bad 19. Flowers, Meat & Paper klicken.

Artwork: Gabbi Werner

Übersetzung ins Deutsche: Manfred Sax

Kommentare sind geschlossen.

ZiB21 sind: unsere Blogger