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Gabbi WernerGirl Friday – Buch des Bösen 18. Geküsst von Klimt. Eine wahre Geschichte

Von | 06.12.2013, 9:00 | Kein Kommentar

In einer Aida-Konditorei sah ich eine Bonbonniere mit Klimts „Kuss“ drauf. Seine Affäre mit Adele Bloch Bauer fiel mir ein, und wie Märchen zu Alpträumen werden.

Willkommen. Zu Geschichten aus vielen Hotelzimmern. Ich erzählte sie einem Mann, der nicht schlafen konnte. Ein Business-Deal. Er zahlte für meine Worte. Hier sind sie.

*

Hotel Sacher, Wien im Spätherbst.

Es hat geschneit über Nacht. Die Schaufelbrigade tat ihr Bestes, um die Wellen in Weiß von den Gehsteigen zu löschen. Die Autos auf den Straßen verwandelten die Schneereste in dunkelgrauen Schlamm. Es war noch nicht Winter, der Schlamm sollte also bald in den Abflussgittern verschwinden. Schnee ist nie für immer.

Ich bummelte durch die Gumpendorfer Straße. Sie war leer, vom gelegentlichen einsamen Bus abgesehen. Es war kalt, der Wind biss durch die Schichten meiner Kleider, mein Atem fror sich in meinen Schal. Ich spielte mit der Fantasie, mich auf einer sibirischen Expedition zu befinden. Ich musste Kreiden kaufen und mir vorzustellen, in der Arktis Kreide zu kaufen, machte mehr Spaß. Aber Wien ist nicht der Nordpol. Verblieb die Gumpendorfer Straße.

Die Exkursion begann trivial, ich landete in einer Aida-Konditorei, bei Kaffee und Kuchen. Das Formicaplastik-Interieur fühlte sich tröstlich an, wie ein Mutterleib. Die Serviererinnen in Rosa wirkten wie Krankenschwestern, die Schokolade und Schlagobers verabreichten, als wär es Medizin. Als ich so dort saß, fiel mir auf, dass Aida Bonbonniere verkaufte, verpackt a la Klimt. Der „Kuss“ und „Danae“ prangten auf den Schachteln. Die Klimts im Belvedere Museum fielen mir wieder ein.

Im Jahr 2002 befand sich Österreich in einem Rechtsstreit über fünf Gemälde von Klimt. Sie wurden der Bloch Bauer-Familie von den Nazis abgeknöpft, zusammen mit dem ganzen Besitz der Familie. Schlösser, die Zuckerfabrik, Porzellan und alle Bankkonten.

Der Disput zwischen den rechtmäßigen Erben der Meisterwerke und der österreichischen Regierung schaffte es bis zum Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten. Österreich beharrte auf der Meinung, Adele Bloch Bauer habe gewünscht, dass die Gemälde nach ihrem Tod im Lande verblieben. Tatsächlich hatte Adele ein Testament hinterlassen, aber die wahre Geschichte war eine andere.

Die Bloch Bauers waren reich. Beide kamen von großindustriellen Familien, Adele Bauers Vater war Bankier und Direktor des Orient Express. Ferdinand Bloch war noch reicher, seine Zuckerfabrik  machte Geld wie Heu. Die Ehe von Adele und Ferdinand schien wie vom Himmel arrangiert, ihre Liebe war eine echte Partnerschaft. Ein Märchen. Aber ohne zuckersüßes Ende. Es schmeckte bitter. Die Realität hat eine grausame Art, mit Märchen umzugehen. Als Ferdinand und Adele heirateten, machten sie ihr Liebesleben sehr publik, sie verschmolzen ihre Namen zu einem gemeinsamen Doppelnamen, das war sehr ungewöhnlich in jener Zeit. Sie waren wahre Gleichberechtigte, also wurde aus Ferdinand Bloch ein Herr Ferdinand Bloch Bauer. Sein Bruder heiratete eine der Schwestern von Adele, noch ein Paar mit Doppelnamen. Vier verliebte Menschen.

Ferdinand war viel älter als Adele, und er vergötterte sie. Sie hatte einen schnellen Intellekt, und ihre Liebe zur und Kenntnis von Kunst war fast so groß wie ihre Liebe zu und Kenntnis von Ferdinand. Und Ferdinand hörte nicht auf, sie zu vergöttern, das war, was er am besten konnte. Ich kann es mir vorstellen. Wie sie dort saßen und einander ansahen. In Stille, oder mit einander sprechend, es war egal. Solang sie nur eins waren.

Sie beschlossen, von Gustav Klimt – dem neuen heißen Ding auf Planet Kunst – sieben Gemälde zu kommissionieren. Zwei der Bilder waren Portraits von Adele, und sie trafen tadellos ihre Persönlichkeit. Sie konnte streng und karg rüberkommen, wie hohe Aristokratie. Und er malte sie königlich, Gold wurde exzessiv verwendet, die Ornamente im Hintergrund führten bis in die Zeiten der Pharaonen zurück.

Adele war häufig krank, aber sie kam in ihren kranken Zeiten fast größer und leidenschaftlicher rüber als in ihren gesunden Phasen. Sie verschrieb sich total der Quijotisch anmutenden Idee, für große Kunst zu leiden. Man könnte argumentieren, dass sie eine der ersten Performance-Künstlerinnen war, die ihr Leben und ihr Lieben und ihr Leiden zu einem großen einzigartigen Kunstwerk verschmolz. Ich kann mir vorstellen, wie es gewesen wäre, hätte sie Marina Abramovic oder Yoko Ono  als Gäste in ihren Salons begrüßen können.

Das war es, was Ferdinand und Adele für ihre Zeit berühmt machte: Sie hatten Gäste. In ihrem Haus. Um zu reden. Und zu unterhalten. Am Morgen danach sollte Adele hohes Fieber  haben, oder Husten oder Kopfweh oder Bauchweh oder eine Kombination all dieser Leiden. Aber sobald der Salon geöffnet hatte, war sie da. Scheinbar mühelos schlüpfte sie in ihre Rolle als resolute und bezaubernde Gastgeberin ihres Salons. Das Paar war der Mittelpunkt der Wiener Jeunesse Dorée Sie waren in jeder Hinsicht die Sonne des neuen Jahrhunderts. Die High Society traf sich mit den großen Künstlern der neuen Zeit und feierte eine Party. Und Adele, die stolze Gastgeberin, rauchte ihre Zigaretten,  damals nicht das, was eine Lady ihres Rangs üblicher Weise machte. Unterhielt sich mit Galan Stefan Zweig oder lauschte dem neuesten Stück von Mahler.

*

Ihr teuerster Freund war Gustav Klimt. Es wurde geraunt, dass sie eine Liebesbeziehung hatten. Viele Wiener sahen in den ausufernden Ornamenten, die er um sie herum malte, erotische Bezüge. Sie waren sich einig, dass seine sinnliche Arbeit „Judith“ nichts anderes als ein weiteres, maskiertes Bild von ihr war. Der Tratsch wurde zu einem offenen Geheimnis erhöht, als Adele einen ganzen Raum ihres Palastes ausschließlich der Kunst von Klimt widmete. Es war Adeles Lieblingszimmer. Tratsch konnte in Wien eine boshafte Sache sein.  Die langsam zum Geschwür wurde. Den Zucker schmolz. Bis er verschwand. So funktionieren Märchen im wirklichen Leben, wie die Bloch Bauers erkennen sollten.

Fortsetzung folgt. Nächsten Freitag. Um 9.00h.

Link zur Englischen Originalfassung: auf  Girl Friday – the Book of Bad 18. Kissed by Klimt. A History Lesson klicken.

Artwork: Gabbi Werner

Übersetzung ins Deutsche: Manfred Sax

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