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Gabbi WernerGirl Friday – Buch des Bösen 16. Das Gemälde

Von | 22.11.2013, 9:00 | Kein Kommentar

Wien, Teil 2. Es beleidigte meine Sinne, nur weil es dort hing. An der Wand meines Hotelzimmers. Etwas musste geschehen.

Willkommen. Zu Geschichten aus vielen Hotelzimmern. Ich erzählte sie einem Mann, der nicht schlafen konnte. Ein Business-Deal. Er zahlte für meine Worte. Hier sind sie.

*

 Hotel Sacher, Wien im Spätherbst.

Als ich R. im Hotel traf, trug er noch seine Brillen und sah müde aus. Ich fragte ihn, wie es ihm ging und ob er Ruhe brauchte. Er hatte Ruhe nötig, sagt er, je weiter ihn das Geschäft nach Osten verschlug, umso schwieriger wurde alles: „Die Leute scheinen nicht zu verstehen, wie es funktioniert, dass es bei allen Dingen darauf ankommt, ein wenig zu geben und ein wenig zu nehmen. Die glauben immer, dass wir sie reinlegen wollen. Ich will aber nur, dass am Ende des Tages alle glücklich sind. Nun, das Happy End lässt noch auf sich warten.“

Ich fragte ihn, worum es bei dem Treffen ging. Er hielt sein Handy hoch. „Darum.“

Er zeigte auf sein iBook. „Darum. Ich mach all diese Technologie möglich. Ich finde die richtigen Leute für den richtigen Job und bringe sie zusammen. Es ist einfach. Neue Produkte müssen erfunden werden, damit man was zu verkaufen hat. Das ist der eine Teil. Dann brauchst du das Rohmaterial. Das Plastik, das Kupfer, das Lithium.“

Ich unterbrach ihn. „Ist Lithium nicht eine Droge?“  

„Lithium ist einer jener Stoffe, die du für ein Handy brauchst. Indium, auch was Rares, Selenium. Und dann brauchst du Fabriken, und diese Fabriken brauchen Energie. Und dann brauchst du Transport, wenn das Produkt fertig ist. Ich bringe all diese Teile zusammen. Das ist es, was ich mache. Ich sorge dafür, dass diese Produkte passieren, indem ich all die beteiligten Parteien glücklich darüber mache, einander gefunden zu haben. Oder indem ich sie überzeuge, gemeinsam eine Firma zu gründen. Wenn mir das gelingt, bin ich der Glücklichste von allen. Von nun an, wenn Du Deine Freunde anrufst, dann sehe mich als denjenigen, der das für Dich möglich machte. Zufrieden?

Er stand auf und ging ins Badezimmer. Als er zurück kam, setzte er sich aufs Bett.

„Und Du, was hast Du gemacht?“ –

Ich sagte, ich habe mir Kunst angeschaut.

„In diesem Zimmer gibt es auch Kunst.“ Er zeigte auf ein Bild an der Wand. Es war unglaublich hässlich, ich musste lachen. Und erstmals weihte ich ihn in ein Geheimnis ein.

Kunst

„Ich weiß nicht genau, wann es begann. Es muss während einer meiner Filmreisen gewesen sein. Und so ein Hotel wie dieses hier. Als ich dort mal länger als die üblichen ein bis drei Tage verbrachte, wurde mir die unmittelbare Umgebung bewusst, und ich kippte total in die Atmosphäre. Nicht so sehr die Geräusche des Hotels oder die immer gleichen Gäste, die  jede Nacht zur gleichen Zeit ihr Zimmer betreten, wie hier im Zimmer links.

Ein Paar. Er putzt seine Zähne zuerst, bei fließendem Wasser. Sie redet unentwegt auf ihn ein, während er das genau eineinhalb Minuten lang macht. Dann die Frau mit ihrer elektrischen Zahnbürste, da gibt es dann kein Reden …

Aber es waren nicht diese spezifischen Ereignisse, die mich faszinierten, es war eher das Zeug, das normaler Weise ignoriert wird. Die Tapeten, die Vorhänge, der Plafond. Das Gemälde. Nach drei Tagen begann mich dieses Gemälde, das meinem Bett gegenüber hing, immens zu irritieren 

Es beleidigte mich, nur weil es dort hing. Es war nicht hässlicher als die meisten Hotelzimmergemälde. Möglich, dass es mal ein hübsches Bild war, aber es war eine Kopie, das machte es billig. Ich wollte das Bild nicht mehr ansehen. Hast du dich je an ein Bild erinnern können, das du in einem Hotelzimmer gesehen hast? Ich nicht. Ich glaube, sie wurden geschaffen, um keinesfalls einen Eindruck zu hinterlassen. Sie sind zur Neutralität verdammt. Anspruchslos, aggressionslos, steril. Blumen, Landschaften.

Manchmal, vor allem in diesen trendigen Designer-Hotels, sind es  ausdruckslose und unscheinbare moderne Stücke. Je mehr Businessmänner in so einem Hotel absteigen, umso weniger persönlich die Auswahl der Bilder. Billige Hotels mögen manchmal vom Geschmack oder der Absenz von Stil ihrer Besitzer profitieren. Eine Ausnahme sind natürlich die Hotels von Mr Steve Wynn in Las Vegas, dort hängt coole Kunst. Echte Picassos, Monets und ein Rembrandt. Stell dir das vor, zuerst ein Spielchen, dann willst du einen Happen essen und findest dich in einem Restaurant mit 18 originalen Picassos wieder. Das ist nett.

Das Gemälde in meinem Zimmer war es nicht.

Ab der vierten Nacht erklärte ich Krieg. Das Gemälde korrumpierte jeden einzelnen meiner Gedanken. Anfangs versuchte ich es zu ignorieren. Sah anderswo hin. Aber im Lauf der Tage hatte ich das Bild nur noch satt. Ich hängte ein Handtuch drüber. Aber das machte mir nur noch mehr bewusst, dass dort ein Bild darunter hing. Es schien mich anzustarren. Boshaft und spöttisch, als wollte es sagen: „Ich werde hier noch hängen, wenn du schon lange ausgecheckt hast, das mag dir nicht passen, es passt niemandem. Aber das ist mir egal. Ich gehöre hierher.“

In der fünften Nacht nahm ich es runter. Ich hatte genug. Solange ich im Zimmer wohnte, sollte das Bild dort keinen Platz haben. Das fühlte sich gleich viel besser an. Und am Morgen, vor dem Frühstück, hängte ich das Bild wieder hin, um die Putzfrauen nicht zu irritieren.

An jenem Abend, als ich das Bild runternahm, erkannte ich dann auch, dass dies nicht die eleganteste Lösung für mein Problem war. Ich liebe Kunst. Und der Haken, an dem das Bild gehangen war, kam jetzt so einsam rüber. Er war nutzlos geworden, hatte keinen Zweck mehr zu erfüllen, es gab keinen Grund mehr für seine Existenz an diesem Platz.

Ich wusste, dass viele Männer der Filmcrew Bilder ihrer Geliebten bei sich hatten und sie dann auf die Nachtkästchen stellten. Ich hatte keine Memorabilia dieser Art. Plötzlich fühlte ich mich nackt, es war empörend. Das Bild hatte es geschafft, dass ich mich einsam fühlte.

Ich beschloss, dass es nicht mehr reichte, nur auf den Haken zu starren. Ich könnte das Bild entweder verbrennen – oder mein eigenes Bild malen  Gleich unter das Hotelbild, damit niemand es bemerken würde. Es würde mein Spezialzimmer sein, ein Upgrade, ohne dafür extra bezahlen zu müssen. Also tat ich es. Ich kann mich nicht mehr erinnern, was ich zeichnete. Ich verwendete den Hotelbleistift und meinen Augenbrauenstift. Jeden Tag zeichnete ich etwas Neues dazu. Und jeden Morgen hängte ich das Hotelbild zurück an seinen Platz.

Es tat mir gut. Das Zimmer war mein Zimmer geworden, aber niemand würde es je wissen.

Von jenem Moment an wurde die Sache mein eigenes persönliches Ritual. Sobald ich in einem Hotel eincheckte, rannte ich in mein Zimmer, nahm das Bild runter und malte mein eigenes.

Ungefähr drei Jahre später dann dämmerte mir endlich: Ich konnte unmöglich der einzige Mensch dieser Welt sein, der sowas je gemacht hat. Es musste wenigstens eine andere Person geben, die genau die gleiche Idee hatte. Und vielleicht hatte diese Person einmal in einem Hotelzimmer geschlafen, in welchem ich mal schlafen werde. Irgendwann werde ich das Bild vom Haken nehmen und ein anderes Bild darunter entdecken.

Ich warte noch immer darauf, in diesem Zimmer zu landen.“

Fortsetzung folgt. Nächsten Freitag. Um 9.00h.

Link zur Englischen Originalfassung: auf  Girl Friday – the Book of Bad 16. The Painting klicken.

Artwork: Gabbi Werner

Übersetzung ins Deutsche: Manfred Sax

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