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Gabbi WernerGirl Friday – Buch des Bösen 15. Tod im Museum

Von | 15.11.2013, 9:00 | Kein Kommentar

Wien, Teil 1. Es war das Kunsthistorische Museum and sie lag regungslos auf einer Plüschbank bei den Holländischen Meistern.

Willkommen. Zu Geschichten aus vielen Hotelzimmern. Ich erzählte sie einem Mann, der nicht schlafen konnte. Ein Business-Deal. Er zahlte für meine Worte. Hier sind sie.

*

 Hotel Sacher, Wien im Spätherbst.

Diesmal sollte ich R. in Wien treffen. Ich beschloss einen Tag früher anzureisen. Wien war mir vertraut, ich konnte mich mit Freunden treffen, ich war dort nicht einsam. Als kleines Mädchen war ich oft in Wien. Wenn wir in die Schweiz reisten, um meine Großeltern zu besuchen, fuhren wir manchmal über ein Stück Österreich. Meine Eltern scherzten immer, sie könnten einen Urlaub von den Ferien gut gebrauchen. Ich mochte Genf, wo meine Großeltern wohnten, aber Wien fühlte sich immer wie das Richtige an, weil meine Eltern dort entspannen konnten.

Einige meiner Schweizer Freunde waren nach Wien gezogen. Am Sonntag Morgen hatten wir Kaffee und gingen dann ins Kunsthistorische Museum.

Im Raum der Bilder Holländischer Meister war eine Frau, in Begleitung ihres Sohn. Mutter und Sohn trugen die gleichen limonengrünen Parkas. Die Frau saß auf einer roten Plüschbank, direkt vor einem Gemälde. Einer Meereslandschaft von Jan van Goyen. Dem Buben war langweilig, er zog Kreise um die Bank.

Die Mutter nahm ihren Sohn nicht wahr, sie nahm überhaupt nichts wahr. Sie lag fest im Schlaf. Ihr Kopf war auf die Brust gesunken, sie schien kaum zu atmen. Es war eine seltsame Situation, das Museum war voll mit Leuten.

Der Sohn ging auf Zehenspitzen um sie herum und brachte manchmal den Zeigefinger an die Lippen, wie um sich zu ermahnen, sie nicht aufzuwecken. Ich betrachtete die beiden eine Weile, dann sah ich einen Streifen mit Tabletten auf der Bank, gleich neben der Mutter. Es waren noch zwei oder drei Tabletten übrig, sie stachen farblich vom limonengrünen Parka der Mutter ab.

Meine Freunde und ich spazierten weiter. Nachdem wir die ganze Kunst hinter uns gebracht und einige Bilder gewürdigt und andere ignoriert hatten, kamen wir wieder in den Raum mit den Holländischen Meistern. Nichts hatte sich geändert. Viele Menschen, der Kreise ziehende Bub, die reglose Mutter. Im Tiefschlaf. Der Junge setzte sich zur Mutter und seufzte.

Ein unheimlicher Gedanke fuhr mir durch den Kopf: Hatte die Mutter eine Überdosis Schlaftabletten genommen, lag sie nun im Sterben? Und hatte sie beschlossen, sich das Leben zu nehmen, aber dem Wunsch nachgehangen, am Ende zwei Dinge neben sich zu wissen – den Jungen und das Gemälde?

Das Bild war ein ungestümes Werk, zwei Schiffe in wilder See. Dunkle Farben, brechende Wogen. Ich konnte mir vorstellen, auf so ein Bild blicken zu wollen, ehe ich sterbe, aber der neben ihr sitzende Junge nahm der Vorstellung das Angenehme. Ich wagte nicht zur Frau rüber zu gehen und sie zu schütteln. Das könnte dumm aussehen, wenn sie nur geschlafen hatte. Ich beschloss den Freunden zu folgen, die gerade das Museum verließen

Wir schlenderten durch die Stadt, aber die Mutter und der Sohn wollten nicht aus meinem Kopf.

*

In jener Nacht hatten wir Dinner bei einem Freund. Dort erzählte ich die Geschichte, inklusive der limonengrünen Parkas. Das amüsierte die Gäste, wir hatten was zu lachen. Wenn die Freunde das lustig finden, dachte ich, dann sollte die Sache okay sein. Aber ich machte mir weiter Sorgen. Und wenn die Frau tatsächlich beschlossen hatte, sich umzubringen? Wie lange würde es dauern, bis die Leute es bemerken? Würde sie dort zusammen gesunken bis zur Sperrstunde sitzen und dann ein Museumswärter sie finden? Oder würde sie plötzlich von der Plüschbank fallen? Würde der Junge irgendwann zu weinen beginnen, die Kunstfreunde erst irritiert reagieren, um dann das Drama zu erkennen? Würde sich Panik breitmachen? Und was war mit dem Jungen, was würde mit ihm geschehen?

Wie bei Dinners üblich, war der Geschichte bald eine andere gefolgt und Wein und Wodka verrichteten ihr Werk. Langsam vergaß ich das Museum.

Am Sonntag wurde ich etwas nervös. Die Zeit, die ich für mich selbst hatte, verging schnell. Meine Zeit mit R. würde bald beginnen. Ich freute mich nicht auf den Abend. Theoretisch war es der einfachste Job, den ich je hatte. Geh in ein Zimmer, erzähle eine Geschichte, nimm das Geld, reise weiter.

Die Intimität des Deals machte mich unrund. Vielleicht war es auch die Absenz von echter Intimität. Ich musste laufend neue Bilder und Geschichten abrufen, in meine Erinnerung graben, mit dem einen Zweck – zu unterhalten. Ich fühlte mich korrumpiert. Dinge, die mir wichtig waren, verloren ihren Wert, weil sie nicht wirklich geteilt wurden, sie wurden serviert und konsumiert and dann stehen gelassen.

Ich hatte nicht gewagt, meinen Freunden zu erzählen, warum ich nach Wien gekommen war. Ich dachte, sie würden mich nicht verstehen. Und mein Boyfriend wollte von meinem Job nichts mehr wissen.

Auf gewisse Art war ich allein in Wien, obwohl ich unter Freunden war.

*

Wir gingen ins Belvedere Museum, um die Klimts zu sehen. Den Kuss, das Adele Bloch Bauer-Porträt und mein liebstes Waldgemälde, den „Buchenwald“. Ich hatte die Klimts schon oft gesehen, bald zog es mich in andere Räume.

Ein bestimmtes Bild tat es mir besonders an. Von Lovis Corinth. Eine Frau sitzt neben einem Aquarium und liest ein Buch. Es wurde anfangs des vergangenen Jahrhunderts gemalt, du kannst noch die Ruhe fühlen, und wie langsam die Zeit damals verging. Aber die Zukunft war gerade im Entstehen. Du spürst, wie Corinth den Pinsel schwang, seine Geschwindigkeit, als wollte er in die Zeit, die unvermeidlich näher rückte, geradezu hineinspringen. Es stand in krassem Kontrast zur entspannten sonntagnachmittäglichen Atmosphäre, die er da eigentlich malte.

Ich verliebte mich in das Bild und erinnerte die chinesische Frau vom Vortag. Sollte mir nach Ableben sein, dachte ich, dann sollte es hier bei diesem Gemälde passieren. Nicht in einer Selbstmord-Situation, mehr wie einschlafen und nicht mehr aufwachen. Es ist so ein fröhliches und achtloses Bild, ein guter Anblick, ehe man die Welt verlässt.

Es gab keine bequeme Couch in diesem Raum des Belvedere, also setzte ich mich auf einen kleinen blauen Sessel. Und schaute. Der Raum zu diesem Bild war ziemlich leer. Aber weil ich dort saß und mich dem Gemälde angespannt hingab, begannen auch andere Leute auf das Bild zu starren. Das war lustig.

Als meine Freunde mit den Klimts fertig waren, spazierten wir zu den Gärten des Palasts. Wir sprachen über die Bilder und dachten laut darüber nach, vor welchem Bild man am liebsten sterben wolle. Plötzlich bogen vier limonengrüne Parkas um die Ecke. Die Mutter und der Sohn, der Vater und ein Mädchen.

Ich war erleichtert, sie gesund und munter zu sehen und hoffte, die Frau würde beim Lovis Corinth-Bild eine Rast einlegen. Ich lächelte ihnen beim Vorbeigehen zu, und natürlich wussten sie nicht, wer ich war, noch konnten sie wissen, warum ich lächelte.

Fortsetzung folgt. Nächsten Freitag. Um 9.00h.

Link zur Englischen Originalfassung: auf  Girl Friday – the Book of Bad. Death in the Museum klicken.

Artwork: Gabbi Werner

Übersetzung ins Deutsche: Manfred Sax

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