Jetztzeit

Reality-Check: die Gegenwart in Wort und Bild

Netzzeit

Geschichten aus dem Leben mit dem Netz

Sexklinik

Alle Zeit bereit: Quality Time zum Thema Nummer Eins

Auszeit

Kultur & Freiheit: Doping zur Bewältigung des Alltags

Denkzeit

Die Welt ist kompliziert. Reden wir darüber

Sie sind hier: Home » Girl Friday - Buch des Bösen » Girl Friday – Buch des Bösen. Intermezzo – Wo Waren Wir?
Share

Gabbi WernerGirl Friday – Buch des Bösen. Intermezzo – Wo Waren Wir?

Von | 08.11.2013, 2:02 | Kein Kommentar

Ich könnte dir mehr erzählen, ehe wir weitermachen. Ich hab dir schon so viel anvertraut, da spielt es keine Rolle mehr.

Willkommen. Zu Geschichten aus vielen Hotelzimmern. Ich erzählte sie einem Mann, der nicht schlafen konnte. Ein Business-Deal. Er zahlte für meine Worte. Hier sind sie.

Wo waren wir?

Ich könnte dir mehr über mich erzählen, ehe wir weitermachen. Ich hab dir schon so viel anvertraut, da spielt es keine Rolle mehr.

R. fragte mich immer, ob ich entspannt sei. Er verwendete nie das Wort „komfortabel“. Als wäre es Zeitverschwendung, mehr als zwei Silben zu vergeuden.

Da ich nicht R. bin, möchte ich dich jetzt fragen, ob du komfortabel bist.

Ich bin es nicht.

Siehst du, ich erzähl dir alles, aber ich weiß nicht, ob du dir ein Bild machen kannst. Zum Beispiel davon, dass ich nie komfortabel bin. Wie könnte ich?

Ich weiß, dass ich eine gute Person bin, zumindest glaubte ich eine zu sein, all jene Jahre. Bis ich für R. zu arbeiten begann.

Jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher.

Aber was solls, wir sind hier.

Und ich könnte so tun, als sei ich R.

Und dann könnten wir ein Spiel spielen. R. liebt Spiele

Ich mag sie nicht besonders, aber das ist okay.

Nur müsstest du mir dann eine Geschichte erzählen. Und ich müsste gelangweilt sein. Das ist sein Lieblingsspiel.

Du magst auch keine Spiele?

Gut.

Also. Möchtest du mehr über mich wissen? Oder nicht.

Es gibt nicht so viel zu erzählen. Alles Wichtige hab ich schon angedeutet. Bitte leg den Hörer nicht auf. Ich hasse es, wenn das jemand macht.

Ach, du bleibst bei mir, gut.

Manchmal schäme ich mich. Manchmal hab ich Angst. Meistens möchte ich verschwinden.

Manchmal möchte ich unsichtbar sein, bin es aber nicht.

Leute schauen mich an. Ich weiß das. Und ich versuche sie zu ignorieren.

Aber sie schauen mich an.

Das klingt dumm, aber sie tun es. Manchmal. Natürlich nicht immer. Ich bin nicht berühmt oder sowas, dann würden sie mich ja anstarren. Die ganze Zeit. Aber manchmal erwische ich sie dabei, wie sie mich anschauen.

Vor allem dann, wenn ich mich seltsam benehme.

Nicht verrückt seltsam. Es ist nur, verstehst du. Wenn ich verloren bin. Oder die Wahrheit sehe. Oder wenn ich weiß, dass jemand sich verletzen könnte.

Manchmal blicke ich Leute an und weiß, wie traurig und leer ihr Leben ist. Das ist es, was ich meinte.

Oder wenn ich denke, dass sie sterben könnten.

Wir alle sterben.

Macht es dir was aus, wenn ich all diese Sachen sage?

Vielleicht sind das alles nur Leute, die eine gute Zeit haben wollen. Die meisten Menschen wollen eine gute Zeit haben. Ich könnte dir eine Liste meiner zehn liebsten Filme geben. Oder meiner liebsten Bücher. Oder all der Haustiere, die ich mal hatte. Wie Mädchen eben sind. Im ersten Jahr College. Die populären Mädchen. 

Diese Mädchen machen Listen, da bin ich mir sicher. Listen von allem. Listen ihrer Freundinnen, die beste Freundin über allen anderen und dann runter bis, was weiß ich, zur Nummer 27 oder so. Listen von gut aussehenden Jungs, die sie küssen wollen oder geküsst haben. Und dann natürlich, ob diese Küsse gut waren. Oder nicht gut. Oder irgendwo dazwischen. Es ist seltsam, aber selbst weiß man ja nie, ob man gut küsst. Ich weiß die Art Küsse, die ich mag. Aber vielleicht küsse ich anders. Du kannst deinen Kuss nie fühlen.

Aber die populären Mädchen. Listen von berühmten Leuten, die sie treffen möchten. Listen von Kleidern, die sie kaufen möchten. Und ihre Eltern werden die Kleider bezahlen. Und sie spielen Tennis oder was, Hockey, keine Ahnung. Und haben eine gute Zeit.

Ich war nie gut darin, eine gute Zeit zu haben

Ich habe eine Katze. Ich liebe meine Katze.

Und ich liebe meinen Boyfriend.

Aber er ist dieser Tage so beschäftigt.

Er arbeitet so viel.

Manchmal, wenn ich in den Spiegel schau, sehe ich einen Schatten. Hast du das auch manchmal?

Nein? Okay.

Ehrlich, das hast du noch nie gehabt? Dass du siehst, wie du plötzlich total schwarz wirst, oder nein, eher wie ein dunkles schmieriges grünliches Braun? Und dann bin ich nicht mehr da? Ich löse mich im Hintergrund des Zimmers auf? Die Augen verschwinden zuletzt. Das hast du nicht? Nie?

Das wüsste ich gern. Wie Leute funktionieren. Ich meine, wir können kommunizieren, durch Sprache, oder nonverbal.

Wir können aber nie wissen, ob wir alles verstehen, wie es gemeint war.

Es ist wie farbenblind sein. Was uns bewusst ist. Aber was, wenn die einen Gehirne anders funktionieren als die anderen?

Ich habe manchmal das Gefühl, dass mein Gehirn total anders funktioniert

Siehst du Dinge vor deinen Augen, über die du nachdenkst?

Als ob du die ganze Zeit eine Filmleinwand vor Augen hast?

Ich hab nur grad gedacht.

Fortsetzung folgt. Nächsten Freitag. Um 9.00h.

Link zur Englischen Originalfassung: auf  Girl Friday – the Book of Bad. Intermezzo klicken.

Artwork: Gabbi Werner

Übersetzung ins Deutsche: Manfred Sax

Kommentare sind geschlossen.

ZiB21 sind: unsere Blogger