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Gabbi WernerGirl Friday – Buch des Bösen 13. Club Exklusiv

Von | 05.07.2013, 11:33 | Kein Kommentar

Es ist ein trauriger Tag, wenn Punks und Hippies mit einander können. An jenem Tag geriet eine alte Frau an unsere Haustür und läutete an …

Willkommen. Zu Geschichten aus vielen Hotelzimmern. Ich erzählte sie einem Mann, der nicht schlafen konnte. Ein Business-Deal. Er zahlte für meine Worte. Hier sind sie.

*

„Die Geschichte“, sagte ich zu R., „hat den Titel Club Exklusiv. Ich lebte in diesem Haus, zusammen mit Punks und Hippies. Wir kamen nicht gut mit einander aus, mit Ausnahme eines Nachmittags. Und das war eigentlich ein sehr trauriger Tag. Es muss kurz nach Mittag gewesen sein, früher Frühling, aber kein sonderlich netter und sonniger Tag, eher einer von der trüben grauen Sorte. Ein Tag, der nicht in deiner Erinnerung bleiben will, deswegen versteckt er sich hinter Wolken.

Jetzt stellen Sie sich dieses wolkige Grau mal an einem Frauenmantel vor. Und die gleiche mausähnliche Färbung – nur mit einem Hauch von schillerndem Blau – für das Haar dieser Frau. Die Farbe ihrer Haut ist so aschgrau wie ihr Mantel und ihre Haare. Sie sieht aus, als hätte sie sich zu lange bei zu hoher Temperatur gewaschen.

Und nun beobachten Sie vom Fenster Ihres Schlafzimmers aus, wie ich es an jenem Nachmittag machte, wie diese Frau an Ihre Haustür gerät und anläutet.

Ich ging runter und machte auf. Die Frau stellte sich nicht vor. Sie sagte ‚hallo’ und ich ‚hallo’-te zurück. Sie nestelte in ihrer Handtasche und nahm ein schwarzweißes Foto von einem Mann heraus.

Die Frau hielt das Bild mit einem wissenden Blick vor meine Nase, als ob der schiere Anblick mir alles verraten würde.

Zuerst dachte ich, dass sie vielleicht zu einem religiösen Kult gehört und Geld von mir will, oder mich zu einem ihrer seelenheilenden Treffen einladen. Ich wollte die Tür wieder zumachen.

Aber dann stellte sie mir eine Frage. Sie wollte wissen, ob ich diesen Mann gesehen habe. Es war so ein Mann, der dir nie auffallen würde. Total eigenschaftslos und identisch mit all diesen anderen Bürohockern, die unsere Stadt offenbar millionenfach beherbergt. Daher: nein, ich hab ihn nie gesehen.

Aber sie war davon nicht im geringsten abgewiegelt, zeigte nur auf einen Datsun, der wenige Meter entfernt geparkt war. „Das ist sein Auto“, sagte sie, als ob das endlich alles erklären würde, mein Nichtverstehen des Offensichtlichen schien sie etwas ungeduldig zu machen.

„Ich weiß, dass er dort drin ist“, sagte sie. Und plötzlich dämmerte es mir. Obwohl sie mit dem Rücken zum Haus auf der anderen Straßenseite stand, wurde es mir klar.

Wir lebten unweit dieses Bordells mit Namen „Club Exklusiv“. Ein trauriger Platz, da war nichts Exklusives dran, nur das Wort „Club“ prangte in Neonbuchstaben über der Tür, wahrscheinlich war das Wort „Exklusiv“ zu teuer, um es auch in Neon zu machen. Der Gedanke, dass irgendjemand dort drinnen eine Party haben könnte, hatte was Trauriges. In diesem Platz war die Party schon lange vorbei

Ich hab nie eines der Mädchen gesehen, die dort arbeiteten. Ich wusste nur immer, wann der Besitzer betrunken war. Dann spielte er ständig ein – und dasselbe Lied, nämlich If You Could Read My Mind von Viola Wills. 

Wenn er gut drauf war, sang er auch noch mit, per Mikrophon, die ganze lange Nacht. Meistens aber war der Platz desolat, kein Business war üblicher Weise sein Business.

„Er ist dort drin, das ist sein Auto“, sagte die Frau erneut. Ich musste annehmen, dass sie recht hatte. „Kam gestern Nacht nicht nach Hause, und das ist sein Auto.“

Ich fragte sie, ob sie schon beim Club selbst gefragt hatte. Sie schüttelte ihren Kopf, starrte mich eine Weile an, in Erwartung von mehr Information. Ich starrte nur zurück, ich wollte nichts mehr sagen. Die Frau zuckte mit den Schultern und grüßte und ging zum Nachbarhaus. Sie war entschlossen, die Bestätigung zu erhalten, die sie nicht wirklich erhalten wollte.

Ich ging wieder nach oben, war aber neugierig, ob es ihr gelang, ihren Gatten zu konfrontieren. Ich sah sie noch vor vier oder fünf weiteren Haustüren das Foto zücken, wenn auch vergeblich.

Sie stand am Gehsteig und hielt das Foto in der Hand. 

Plötzlich wurden ihre Bewegungen wieder lebhafter, in resoluter Manier überquerte sie die Straße, das Foto vor sich her haltend wie einen Schutzschild – und läutete die Glocke zum Club. Der Besitzer öffnete und bemühte eine erstaunte Miene, als sie das Foto vor seine Augen hielt. Er stellte sich auf viel zu offenbare Art dumm, die Frau zeigte auf das Auto ihres Gatten, der Besitzer lächelte nur unverbindlich.

Dann verschwand er wieder im Club, die Tür fiel vor ihrem Gesicht ins Schloss. Die Frau zuckte wieder mit den Schultern, drehte sich um und ging eine Weile lang vor dem Club hin und her. Dann wandte sie sich dem Datsun zu, mit einer Entschlossenheit, die sie vorher nicht gezeigt hatte. In diesem Moment war ich sicher, sie würde das Auto demolieren. Tat sie aber nicht. Sie klemmte lediglich das Foto ihres Gatten unter den Scheibenwischer und ging zu einem Fahrrad und schwang sich darauf und verschwand.

Inzwischen hatten sich auch meine Hippie-Mitbewohner zu mir ans Fenster gesellt, um die Ereignisse zu beobachten, und wir dachten, dass dies wohl das Ende unserer Nachmittagsunterhaltung war. Jeder von uns hatte Kommentare zur Szene auf Lager, und über Prostitution allgemein. Die Feministen sagten, es war cool, ein guter Weg, um den männlichen Chauvinistenschweinen Geld aus der Tasche zu ziehen. Die Männer fanden, dass es den Girls, die im Club Exklusiv arbeiteten, ziemlich egal war.

Plötzlich öffnete sich eine Tür, zwei Häuser weiter vom Club. Der Besitzer trat heraus und sah sich um und machte eine Art Die-Luft-ist-Rein-Geste. Der offenbare Gatte rannte zum Auto und fuhr davon. Das Foto von ihm, das unter dem Scheibenwischer klemmte, war ihm nicht aufgefallen, und es begleitete ihn nun auf dem Weg nach Hause.

Fortsetzung folgt. Im Herbst. Girl Friday macht Sommerpause.

Link zur Englischen Originalfassung: auf Girl Friday – the Book of Bad 13. Club Exclusive klicken.

Artwork: Gabbi Werner

Übersetzung ins Deutsche: Manfred Sax

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