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Gabbi WernerGirl Friday – Buch des Bösen 12. Edwin, der Gott des Höllenfeuers

Von | 28.06.2013, 1:57 | Kein Kommentar

Ich roch Angebranntes, Edwin Der Hippie schrie von der Küche rüber: „Feuer! Feuer!“ Seine Linsen waren verbrannt, lachten wir. Bald brannte die ganze Parterre.

 Willkommen. Zu Geschichten aus vielen Hotelzimmern. Ich erzählte sie einem Mann, der nicht schlafen konnte. Ein Business-Deal. Er zahlte für meine Worte. Hier sind sie.

*

 Ich saß mit R. an der Bar und trank Cava, und er trank einen Whiskey, und ich dachte zurück an jene Tage in jenem Haus.

Die Hippies aßen makrobiotische Sachen, die sie Stunden lang in einem Römertopf kochten. Es roch gruselig, ich kostete nur einmal davon.

Wir Punks hatten nur Geld für Instantsuppen und Dosenravioli, und wir kauften jede Menge Pommes.

Die Küche war einer der raren Orte, wo unsere Welten beisweilen kollidierten, ich vermied die Hippies so gut es ging, man konnte sich darauf verlassen, dass ihnen irgendein Sager einfiel, wie mein Karma von all dem Schwarz, das ich trug, ruiniert wird oder was.

Noch einen gemeinsamen Platz gab es – das Badezimmer. Es war ein Ort, den ich total vermied, niemand hat es je geputzt. Es roch nach Pisse und Erbrochenem und sah auch so aus. Es gab kein Klopapier, jeder kam mit seiner eigenen Rolle und nahm sie wieder mit. Aber einige der Mieter hatten nie welches gekauft. Ich muss rückblickend zugeben, es war auch mir nie in den Sinn gekommen, das Badezimmer mal zu säubern.

Ich ging meist in öffentliche Klos, um meine Zähne zu putzen, oder in Häuser von Freunden oder schwang mich aufs Rad, um im Haus meiner Eltern zu duschen.

Es war die Zeit meiner großen Mähne, ich brauchte mindestens drei Stunden, um sie genau in die richtige Lage zu kriegen. Zuerst wusch ich mein Haar, dann kämmte ich es zurück. Dann erhitzte ich den babyliss Lockenstab, drehte die Haare ein, kämmte sie wieder zurück.

Das wichtigste war aber der Haarspray. Am Anfang, als ich noch zu Hause wohnte, versuchte ich die alten Hausfrauensachen – Eiweiß, Bier, Seife. Nichts funktionierte, es stank, und wenn es regnete, rannen mir die Sachen in die Augen und ruinierten mein Make-up. Dann kam ein neues Produkt: Haargel. Es wurde in durchsichtigen Tuben verkauft und war entweder fluoreszierend blau oder gelb. Es war ein großer Schritt vorwärts für die großen Mähnen, eine echte Revolution. Die Mähnen wurden immer mächtiger.

Dann entdeckte einer von uns ein ausrangiertes Produkt: Wella Forte. Haarspray, den unsere Mütter in den Sechziger Jahren benützt hatten. Mit der Effektivität dieses großartigen Produkts gab es keinen Generationenkonflikt. Die Dose war pures Nicht-Design – ein schwarzweiß-karierter Hintergrund, grüne Buchstaben und eine rote Rose. Aber Forte war fabelhaft und stark. Es gab keine Entschuldigung mehr, kleine große Mähnen zu haben. In der Hierarchie dieser Szene kamst du mit der Größe deiner Haare nach oben. Ich erinnere mich an eine Nacht, es war für ein Konzert von Nick Cave & the Bad Seeds. Ich war zu jung gewesen, um The Birthday Party zu sehen, aber jetzt war meine Zeit und ich konnte gehen.

Ich verbrachte mehr Zeit denn je für meinen Look, fuhr sogar zum Haus meiner Eltern, weil sie einen großen Spiegel im Badezimmer hatten. Nick Cave und Blixa Bargeld waren Gott so nahe, wie wir es nur erhoffen konnten. Wir machten uns damals Sorgen: was, wenn sie sechzig oder noch älter werden sollten? Ein wahrer Rock and Roll Held muss früh sterben, um die richtige Art Ruhm zu erlangen. Jim Morrison, Jimi Hendrix, Brian Jones – die trafen es genau richtig. Die Stones waren das beste Beispiel für den falschen Ruhm, sie waren alte traurige Parodien ihrer selbst geworden, ihre musikalische Qualität war nach dem Tod von Brian Jones total meier.

Was, wenn Cave im Mainstream landete? Es wäre der Tod seiner Glaubwürdigkeit. Im Jahr 1985 war Nick Cave Junkie genug, um uns zu versichern, dass seine Karriere nie was mit Mainstream zu tun haben werde. An jenem Nachmittag im Juni, es war ein Freitag, musste ich perfekter als perfekt aussehen. Ein langes schwarzes Kleid, Spitzenbluse, siebenundzwanzig Halsketten und noch mehr Armreifen. Spitze Schuhe, ägyptisch geschminkte Augen auf bleichem Gesicht. Meine Mutter meinte, dass ich ausgehe, um ein Konzert zu sehen, die Band werde aber nicht kommen, um mich zu sehen.

Aber vielleicht würde mich die Band in der Masse entdecken.

Ich verließ um acht Uhr das Haus. Auf meinem Fahrrad. Es gab ein Gewitter. Der Regen trommelte gnadenlos herunter, ich stülpte einen Müllsack über mein Haar und hetzte zum Club. Je näher ich dem Ziel kam, umso mehr Leute mit Müllsäcken auf Fahrrädern sah ich. Es war ein Meer aus Müllsäcken. Müllsäcke für große Mähnen, normale Plastiksäcke für die kleinen großen Frisuren.

Die Situation in unserem gemeinsamen Haus verschlimmerte sich täglich. Niemand trug je den Müll raus, wir schmissen ihn einfach aus dem Fenster. Einer der Hippies war Hasch-Dealer geworden, jetzt gingen immer mehr Hippies aus und ein und grinsten glücklich und sangen Aquarius oder Karma oder was immer in ihren entrückten Gemütern so los war.

Und dann schmiss uns der Hausherr raus, aus vollkommen ungerechten Gründen. Es hatte nichts mit unserem Haushalt zu tun. Wir mussten gehen. Er hatte einen Rechtsanwalt, wir waren zu faul gewesen, uns einen Pro-bono-Anwalt zu besorgen.

Wir wurden wegen eines Kühlschranks rausgeworfen. Es war nicht einmal unser Kühlschrank. Das Appartment in Parterre war seit Jahren leer gestanden. Eines Abends saßen wir im Dachboden zusammen, und im Fernsehen lief eine Episode von Hill Street Blues, und ich roch etwas Angebranntes. Einer der Punks meinte, das war wohl der Linsenbrei unseres meistgehassten Hippie-Nachbarn Edwin. Zehn Minuten später konnten es auch andere riechen. Vielleicht war es auch eine Glühbirne, die da einen Plastiklampenschirm schmolz, dachten wir, und drehten die Lichter ab. Fünfzehn weitere Minuten vergingen, als Eddie der Hippie von der Küche rüber schrie: „Feuer! Feuer! Feuer!“ Seine Linsen waren verbrannt, lachten wir.

Edwin kam in unser Zimmer, mit einem Eimer Wasser in der Hand. „Feuer! Alle raus!“ Er rannte die Stiege hinunter. Wir dachten, wir müssten ihm wohl helfen und folgten ihm nach. Die Küche war tatsächlich voll mit schwarzem Rauch. Einer der Punks öffnete das Backrohr, aber da war nichts. Edwin kam in die Küche zurück. „Ihr Idioten, raus hier! Die ganze Parterre brennt!“ Wir sahen die anderen Hippies aus ihren Zimmern rennen. Einer trug seine Hasch-Schachtel. Wir folgten ihm die Stufen runter, der Gang war voll Rauch. Als wir draußen waren, sahen wir die Flammen durch die Fenster der Parterre-Wohnung. Der bekiffte Hippie sagte: „Oh, mein Hund!“ und rannte wieder rein und die Stufen hoch. Das passte, zuerst das Dope, dann der Hund. Logische Reihenfolge.

Später hörten wir, dass ein alter Kühlschrank Kurzschluss hatte und Feuer fing, das auf die ganze Parterre übergriff. Und der Hausherr war glücklich. Er hatte nun einen Grund, das Haus zu renovieren und uns rauszuschmeißen. Er hasste die Hippies genauso wie wir die Hippies hassten, aber das half uns nichts, uns Punks hasste er noch mehr.

*

Ich kann mich an genau einen Nachmittag in jenem Haus erinnern, den wir zusammen in einer halbwegs friedlichen Atmosphäre verbracht hatten, und das erzählte ich R.:

Fortsetzung folgt. Nächsten Freitag. Jeden Freitag.

Link zur Englischen Originalfassung: auf Girl Friday – the Book of Bad 12. Liar, Liar, House on Fire! klicken.

Artwork: Gabbi Werner

Übersetzung ins Deutsche: Manfred Sax

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