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Mein Integrationsproblem

Von | 23.06.2013, 16:12 | Kein Kommentar

Manchmal habe ich den Eindruck, ich verstehe die österreichische Integrationsdebatte nicht – und dass das mit meiner Herkunft zu tun hat.

Von Kroaten und Deutschen

Ich bin Burgenland-Kroate. Zumindest behaupten das einige. Ich bin nämlich aus Siegendorf/Cindrof, einer kroatischen Gemeinde im Nordburgenland. Wer aus Siegendorf kommt, ist Kroate.
Allerdings: Mein Nachname stammt laut Familienlegende von “Der Rhein-Mann” ab, die im Burgenland verbreitetere Version ist Reimann. So hießen wir vor vier Generationen noch.

Warum sind Menschen mit deutschen Nachnamen Kroaten? Die Burgenland-Kroaten siedelten sich im späten 16. Jahrhundert nach den Türkenkriegen im Burgenland an und gründeten ganze Dörfer. Und in denen sprachen sie miteinander weiterhin kroatisch, Jahrhunderte lang. Das Burgenland blieb ein Fleckerlteppich aus Dörfern, in denen es jeweils eine Umgangssprache gab: Deutsch, Kroatisch oder Ungarisch. Die Menschen lebten von der Landwirtschaft, waren kaum mobil und kamen gerade mal bei Volksfesten oder für den Handel in Nachbardörfer. Ansonsten blieben sie im Dorf, da reichte eine Sprache, und das konservierte diesen Fleckerlteppich. Aber natürlich gab es weiterhin Migration und wenn ein Deutscher in ein kroatisches Dorf zog, dann behielt er seinen Namen, seine Kinder wurden aber Kroaten – und umgekehrt. Noch mein Urgroßvater hat so gelebt. Mein Großvater hat einmal das Meer gesehen: mit der Wehrmacht in Frankreich. Das wars. Er hatte keinen Führerschein, nur ein Fahrrad, er ist kaum herum und mit kroatisch sein ganzes Leben gut zurecht gekommen.

Mütterlicherseits sieht es so aus: Der Großvater hieß Dorner und war auch aus Siegendorf, Kroate also. Er heiratete nach Schützen, in ein deutsches Dorf (wir sagen nicht “deutschsprachig”, sondern “deutsch”), eine Frau namens Prawits. Dieser Name stammt aus dem Tschechischen. Meine Mutter wuchs in Schützen auf und ist deshalb Deutsche. Mein Vater ist Kroate. Sie haben geheiratet, als ich unterwegs war, und sind zu seinen Eltern nach Siegendorf gezogen. Deshalb bin ich Kroate. Wären sie – bei exakt gleicher Vorgeschichte – zu ihren Eltern nach Schützen gezogen, wäre ich Deutscher. Und das mit kroatischen Vorfahren namens Reimann und deutschen namens Prawits. Verwirrend? Schon, oder?

Die Assimilation

Dann ist aber was passiert. In der Generation meiner Eltern brach die Abgeschiedenheit der Dörfer auf: Die jungen Leute hatten Autos. Der Lebensraum war plötzlich nicht mehr das Dorf, sondern der Bezirk und sogar darüber hinaus. Die Sprachinseln mischten sich. Kroatisch wurde nun als rückständig angesehen. Es begann die große Assimilation: Die Kinder meiner Generation wurden deutsch erzogen. Natürlich nicht alle, natürlich nicht immer konsequent. In meinem Jahrgang in Kindergarten und Volksschule konnten die meisten schon noch ein paar Worte Kroatisch, aber miteinander haben wir nur und ausschließlich Deutsch gesprochen. Bei mir wurde sogar konsequent darauf geachtet, dass ich gut deutsch und gar kein kroatisch spreche. Null. Meine Großeltern haben miteinander kroatisch gesprochen und mit mir deutsch. Mein Vater hat mit ihnen kroatisch gesprochen, mit meiner Mutter und mir deutsch. Und das im selben Haushalt, fließend im Übergang, jeden Tag. Das hat sich so tief eingeprägt, dass ich später mal einen Kroatisch-Kurs besucht habe und grandios gescheitert bin. Es ist, als hätte ich eine psychologische Barriere. Als könnte ich mir in dieser Sprache praktisch kein Wort merken. Hvala und Molim schaffe ich gerade noch, alles andere vergesse ich.

Ich habe bei meiner Angelobung im Landtag den Eid auf Deutsch und Kroatisch geleistet. Ich wurde von Kroaten darum gebeten und habe das gerne gemacht. Gerade weil ich assimiliert bin, finde ich das wichtig, denn welchen Vorteil ich dadurch habe, eine Sprache nicht zu beherrschen, sehe ich bis heute nicht. Ich musste mir “Ich gelobe” auf kroatisch aufschreiben lassen und habe die zwei Worte eine viertel Stunde später wieder verdrängt. Aber im Burgenland gelte ich als Kroate.

Österreichische Identität

Mit 20 wurde ich Journalist. Ich fuhr nach Kroatien an die Front und machte Reportagen. Ein Chefredakteur sagte zu mir: “Ich hätte zum Beispiel gern einen Burgenland-Kroaten, der dort unten für seine Leute kämpft.” Ich runzelte die Stirn. Die Vorstellung, dass Kroatien die Heimat eines Burgenland-Kroaten sein könnte, ist völlig abstrus. Ich habe dann einen Österreicher gefunden, der für die kroatische Armee kämpfte. Es war ein oberösterreichischer Nazi mit Ustascha-Anstecker, der gegen die Kommunisten Krieg führen wollte. Der gehört sicher nicht zu “meinen Leuten”.

Was heißt das? Dass ich Identität für etwas völlig Relatives halte. Und dass ich nicht weiß, was eine “österreichische Identität” tatsächlich sein soll. Noch ein Schritt zurück: Ich ging in Wien in die Schule, in die erste Informatik-HTL Österreichs, und wohnte in Heimen. Meine Mitschüler und Mitbewohner kamen aus allen Bundesländern. Kärntner, Salzburger, Oberösterreicher… und die Wiener Mitschüler waren überhaupt ganz anders. Wir waren alle Nerds, bevor es diesen Begriff gab. Wir trugen alle die selbe Brille, die selbe Nicht-Frisur, die selben peinlichen Aktenkoffer mit Zahlenschlössern und stritten, ob Commodore oder Atari das bessere Computersystem sei. Wenn wir als Gruppe in den 14A stiegen, waren wir eine homogene Masse. An den Wochenenden fuhren wir alle heim. Der eine zum Fest mit Kärntner Anzügen, der andere zur Familienfeier in Hietzing, ich ins kroatische Dorf. Am Montag saßen wir wieder nebeneinander. Waren wir eine homogene Gruppe? Oder eine irrsinnig diverse?

Ich habe Österreich damals als sehr vielfältig wahrgenommen und tue das immer noch. Meine österreichische Identität besteht darin, dass ich schmunzle, wenn eine Tiroler Freundin nach zwei Tagen in Wien auf Facebook postet, dass sie froh ist, wieder Berge zu sehen – wo ich mich in einem Tal schon nach einer Woche eingesperrt fühle. Österreich ist multikulti. Ich finde das schön. Ich liebe das.

 Die Austro-Türken

Aus dieser Perspektive frage ich mich, ob schon allen klar geworden ist, dass wir in Österreich neue Volksgruppen haben? Die Ex-YUs und die Türken. Die sind gekommen, um zu bleiben. Auch wenn es gerade bei gut ausgebildeten jungen Türken wieder eine starke Rückwanderungsbewegung gibt, weil diese Leute in Istanbul bessere Chancen sehen als in Österreich.

Und was heißt dann “Integration”? Meint man “Assimilation”? Ich glaube ja, und das erklärt, warum die Ex-YUs etwas aus dem Blickfeld geraten: Sie sind christlich geprägt und sehen halt aus wie die Mehrheitsösterreicher. (Es gibt bosnische Muslime, aber die fallen offensichtlich nicht auf.) Sie sprechen in der zweiten Generation akzentfrei deutsch mit “uns”, das passt schon. Sie bleiben zwar in Freundeskreisen noch stark unter sich und reden mit ihren Eltern in ihrer Muttersprache, aber das stört weniger.

Die Türken sehen anders aus und sind Moslems. Das ist offensichtlich was anderes. In Österreich gibt es 185.000 “Menschen türkischer Herkunft”, rund 72.000 davon haben die österreichische Staatsbürgerschaft. Das sind Austro-Türken. So wie Burgenland-Kroaten und Kärntner Slowenen. Zum Vergleich: Es gab bei der letzten Volkszählung 19.374 Burgenland-Kroaten in Österreich. (Ich weiß nicht, ob ich mitgezählt bin. Wie wurde das durchgeführt?)

Nachdem die Austro-Türken nicht jahrhundertelang in Dörfern abgeschottet bleiben, sondern mitten unter uns wohnen, werden sie sich wohl anders integrieren, aber sie werden innerhalb ihrer österreichischen Identität auch eine austro-türkische Identität behalten wollen. Dagegen kann man natürlich sein – aber dann muss man auch gegen slowenische Ortstafeln in Kärnten sein. Ich hab das nie verstanden, ich bin mit kroatischen Ortstafeln aufgewachsen. Was solls? Wenn sich eine sechstellige Anzahl von Türken in Österreich integriert, lösen sie sich nicht auf. Sie werden ihre Traditionen auch bewahren wollen. Das ist Integration. Das andere wäre Assimilation.

Und die erste Generation, ja, die ist ein Sonderfall. Die wird mit dem Herzen immer in der alten Heimat bleiben. Das ist bei Auswanderern offensichtlich so. Manche kommen im Alter von 80 Jahren zurück in die alte Heimat und gründen Parteien wie Stronach. Seine Tochter, so hört man, versteht das nicht und interessiert sich dafür nicht. Die ist in Kanada geboren und angekommen.

So wie unsere Türken bei uns. Aber vielleicht hab ich ja nur eine verzerrte Perspektive, hier in Cindrof. Meine Vater lehrt meine Tochter übrigens ein wenig kroatisch. Sie wird nicht fließend darin werden, aber soll zumindest ein wenig können. Mir ist das wichtig. Aber vielleicht bin ich auch nur integrationsunwillig, hm?

Quelle: Dem Michel Reimon sein Blog

Foto: Sax

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