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Gabbi WernerGirl Friday – Buch des Bösen 11. Die letzte Nacht

Von | 21.06.2013, 2:31 | Kein Kommentar

Wir machten uns fertig für einen letzten Drink. Ein paar Businessmänner gingen vorbei, starrten mich an. Ich hörte sie flüstern, dann lachten sie.

Willkommen. Zu Geschichten aus vielen Hotelzimmern. Ich erzählte sie einem Mann, der nicht schlafen konnte. Ein Business-Deal. Er zahlte für meine Worte. Hier sind sie.

*

Hotel Majestic, Barcelona 2002, eine Nacht vor Check-out.

R. war heute anders, ich konnte es spüren, von Anfang an. Er öffnete die Tür und lächelte mich an. „Ich bin so froh, dass Du hier bist, Du weißt nicht, wie froh ich bin, dass wir das tun und wie viel es mir bedeutet, Dich um mich zu haben.“

Ich nickte. „Du hast keine Ahnung, wie schwer es sein kann, sich zu entspannen. Ich weiß nicht, wie die Leute das schaffen. Zu entspannen. Ich kann nicht verstehen, wie ein Urlaub sowas bringt, magst Du Urlaube? Musst Du wohl, sonst hättest Du nie zugestimmt, mich überallhin zu begleiten. Ich hasse Urlaube. Ich hasse Reisen, ich verachte die meisten Leute, mit denen ich zu tun habe, die ich glücklich mache, indem ich ihnen gebe, was sie wollen, indem ich Dinge ermögliche, unter Kosten, die keinem Buchhalter je unterkommen, weil es die Kosten der Lebensqualität sind.“

Er hielt inne und sah mich an. „Willst Du die Geschichte hier erzählen oder sollen wir in die Bar gehen? Ich würde gern in eine Bar gehen, gehen wir auf einen Drink in eine der Straßenbars oder bleiben wir im Hotel?“

Ich sagte ihm, dass ich genug von den Straßen gesehen habe, die Bar im Hotel sei gut genug.

„Dann lass mich was Bequemes anziehen, ich möchte neben Dir nicht zu overdressed daherkommen.“

Ich wusste nicht, was ich von seiner letzten Bemerkung halten sollte, war ich nicht fein genug angezogen? Oder wollte er nur seinen Anzug los werden? Ich ging auf den Gang und wartete, die Tür zu R.s Zimmer blieb offen, während er sich umzog.

Eine Gruppe Businessmänner tauchte auf, sie gingen am Zimmer vorbei, starrten mich an. Einer der Männer blickte in R.s Zimmer, dann blickte er mich an und grinste. Die Männer gingen langsam und richteten ihre Blicke auf mich, bis sie den Lift erreichten. Die Augen musterten mich rauf und runter, jeder Teil meines Körpers geriet unter ihre Lupe. Ich schaute weg, wagte nicht, in R.s Zimmer zu gehen, er zog sich noch immer um. Ich konnte die Männer flüstern hören, dann lachten sie. Die Lifttür öffnete sich, die Männer verschwanden.

*

R. hatte sich in Jeans und T-shirt geworfen und glich nicht mehr dem Geschäftsmann, den ich so oft gesehen hatte. Der einfache Kleiderwechsel hat ihn auch jünger gemacht, er war nicht mehr dieser erwachsene und smarte Mann. Ich fragte ihn, wie alt er war. Er sagte, er sei 42. Das waren elf Jahre, die er älter war als ich. Ich hatte eine Menge Freunde in seinem Alter. Aber keiner war ein Geschäftsmann oder war auf Reisen, kaum einer von uns hatte ein Auto.

Wir gingen in die Bar, und ich fasste den Mut zu einer weiteren Frage. Ich fragte ihn, wie er sich entspannt hatte, ehe er mich traf.

„Ich schaffte es kaum, deswegen hab ich ja Dich beschäftigt. Ich kehrte in diese Hotelzimmer zurück und sperrte mich ein, in meine Gedanken. Oder zerlegte Zahlen, blickte in Ordner, addierte Zahlen, die ich von den Firmen erhielt, jede einzelne Zahl, die mir geschickt wurde. Bis ein Resultat da war.

Nahm dann die Seitenzahlen her, für meine privaten kleinen Rechenübungen. Oder multiplizierte sie oder was. Hunderttausend minus eins. Macht neunundneunzigtausendneunhundertneunundneunzig. Minus zwei. Macht neunundneunzigtausendnerunhundertsiebenundneunzig. Minus drei. Und so weiter. Bis ich minus einhundert erreichte. Ging dann zurück auf minus eins. Das Ziel war, die Null zu erreichen. Schaffte es aber nie. Ich glaube, deswegen benutzte ich das Spiel so oft. Um mich um die Null zu betrügen. Null hätte bedeutet, dass alles gut war. Es funktionierte. Aber Du funktionierst besser.

Ich mag Dein Leben. Du nimmst nichts ernst. Du reagierst nur, Du agierst nie, Du bist eine der letzten wahren Lebenskünstlerinnen. Du hättest in den Sixties leben sollen … oder nein, hättest Du damals gelebt, wärst Du wahrscheinlich an einer Überdosis gestorben, oder schlimmer, Du hättest sie vermutlich überlebt und den Rest Deines Lebens mit den Folgen leben müssen.“

Ich hörte ihm zu. Fragte ihn, in welcher Zeit er lieber gelebt hätte.

„Ich lebe genau in der richtigen Zeit. Aber genug von mir, erzähl mir noch eine Geschichte, Du Flowerpowerpudermädchen Du.“

Ich sagte ihm, dass ich mal ein Punk-Goth-Garage-Girl war, aber niemals ein Hippy. Obowhl ich in einem Haus voller Hippys lebte. Es war Mitte der Achtziger Jahre.

Das Haus war schrecklich. Die Hippys waren jeden Tag bekifft und hörten Frank Zappa und John Lennon und Yoko Ono, die genauso bekifft waren und herumschrien. Manchmal schrie Zappa, dass er gern ein Eskimo im tödlichen gelben Schnee wäre. Die Punks stahlen Whiskey vom Alk-shop um die Ecke oder versuchten ihren eigenen Speed zu fabrizieren.

Das Haus hatte eine Parterre und zwei Oberstöcke. Die Parterre war seit ewig leer. Die Hippy lebten im Ersten Stock. Wir, die Punks, lebten im Dachboden. 

Als der Hausbesitzer uns etwas später rausschmiss, taufte er den Dachboden in ein Loft um und konnte so die sechsfache Miete für den gleichen Raum verlangen. Ich hätte gern gewusst, was R. sich wohl gedacht hätte, wäre er je in der Mülldeponie gelandet, die wir „unser Haus“ nannten.

Fortsetzung folgt. Nächsten Freitag. Jeden Freitag.

Link zur Englischen Originalfassung: auf Girl Friday – the Book of Bad 11. The Last Night klicken.

Artwork: Gabbi Werner

Übersetzung ins Deutsche: Manfred Sax

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