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Gabbi WernerGirl Friday – Buch des Bösen 10. Am Rand des Himmels

Von | 14.06.2013, 9:00 | Kein Kommentar

Er lag eingeklemmt im Auto und neben ihm saß George Michael und rammte ihm immer dieselben Worte ins Ohr: „Bring mich an den Rand des Himmels!“

Willkommen. Zu Geschichten aus vielen Hotelzimmern. Ich erzählte sie einem Mann, der nicht schlafen konnte. Ein Business-Deal. Er zahlte für meine Worte. Hier sind sie.

*

Eine Geschichte über ein Lied. Das hatte ich für R.

Am Rand des Himmels

„Es passierte 1988. Und es passierte nicht mir. Aber es fällt mir immer wieder mal ein. Und dann möchte ich wissen, ob es ein Lied gibt, das mir in dieser Situation gefiele.

Mein Freund Laurence lebte damals in Los Angeles, er arbeitete im Studio irgendeines angesagten Fotografen und beschloss, auf ein Wochenende nach Las Vegas zu fahren, um dort ein paar Bilder zu machen. Er fuhr durch die Wüste und wurde von der Schönheit der Landschaft angesteckt. Dieses Nichts, die unterschiedlichen Grautöne in der prallen Sonne, die Einsamkeit – es machte ihn einfach an. Also bog er von der Route ab und machte ein paar nette Fotos. Wahrscheinlich war er zu lange in der Sonne, kleiner Sonnenstich oder was, jedenfalls schlief er am Steuer an. Er verlor die Kontrolle und knallte sein Auto in eine Grube.

Er erwachte in seinem Mietauto und stak fest. Er konnte nichts bewegen, nicht einmal eine Hand. Seine Beine waren eingeklemmt. Nur der Kopf, den konnte er ein wenig rühren. Er war nicht verletzt, aber eingeklemmt, in diesen Platz zwischen Fahrersitz und Lenkrad. Das allein muss recht unangenehm gewesen sein. Aber es wurde schlimmer. Das Mietauto war mit der üblichen Technologie der späten Achtziger Jahre ausgestattet. Es gab also ein Kassettenradio mit dem neuesten Kassettenrecorder, der die Kassette wieder von vorne spielen würde, sobald sie zu Ende war.

O ja, wie waren wir damals doch begeistert über diese „auto-reverse“ genannte Erfindung! Ich rede jetzt von einer Zeit, als faxen – erinnern Sie Telefax? – noch einen halben Tag dauern konnte.

Die neueste Flamme von Laurence hatte ihm eine Kassette von Wham! Geschenkt, mit lediglich einer Single-Version des Liedes „Take me to the Edge of Heaven“ drauf. Es war „unser Song“, wie sie sagte.

Die ganzen sechs Stunden, die er im Auto stak, hörte er dieses eine Lied von Wham!, die vollen dreieinhalb Minuten.

Das Lied glitt wie ein dicker Strom Schlamm in seine Ohren, unerbittlich. Das Band schaltete – klick-klack – auf die Rückseite, dann war Stille, nur das Geräusch der drehenden Spulen, und jede Drehung kündigte den unvermeidlichen Umkehrpunkt an – klick-klack. George Michael und Andrew Ridgeley saßen neben ihm im Auto, wie Beelzebub und Sohn. Sie waren seine einzige Begleitung und rammten ihm grinsend die manischen Worte ins Ohr:

„Ich kann dich einsperren

aber ich kann es nicht ertragen

wenn du nach Freiheit schreist.

Ich kann dich anketten

Wenn du mir schwörst

Dass ich ich ich der Einzige bin

Der für dich zählt.

Ich kann dich angurten

Aber keine Sorge, Baby

Du weißt, ich würde dir nie weh tun

Es sei denn, du willst es von mir.

Es ist zu spät um aufzuhören

Können die Himmel mich nicht retten?

Mein Daddy sagt, der Teufel sieht genau so aus wie du.“

Und natürlich der ganze Rest vom Lied.

Und dann begann es wieder von vorn. Ab einem gewissen Punkt wurde die Stille der schlimmere Teil der Folter. In dieser Stille bohrten sich die Worte nur tiefer in sein Gehirn. Ein Auto fuhr vorbei, blieb aber nicht stehen, es fuhr nur hupend weiter.

Das Lied spielte weiter. Es gab keine Erlösung, keinen Rand des Himmels. Laurence versuchte, andere Lieder zu singen, die er eigentlich kannte. Aber mit jeder Drehung der Kassette verlor er die Melodie und die Worte zum Original. Alle Lieder, die er kannte, wurden vom Hit des dynamischen Duos korrumpiert. Das Band drehte sich erneut um und – Wham Bang! – das Lied traf ihn wieder mit voller Wucht. Er versuchte, lauter zu singen als das Band, um sein Gemüt von der Folter zu befreien, er schrie die Namen aller Länder und Hauptstädte von Südamerika heraus, versuchte, sich an die Namen seiner Schulkameraden zu erinnern, aber nichts half.

Das Band fing wieder und wieder und wieder von vorne an.

Laurence betete, dass die Autobatterie sterben würde, damit er seinen eigenen Tod in Stille und Würde umarmen konnte, denn je öfter er das Lied hörte, umso überzeugter wurde er, dass dies das Ende seines Lebens war.

Er hatte das Lied 52mal gehört, bis erneut ein Auto vorbei kam. Dieses Auto blieb stehen. Es war nicht ganz die Erlösung, die er so dringend brauchte. Der Fahrer stieg aus dem Auto, klopfte ans Fenster von Laurence´s Auto. „Alles okay da drinnen, Junge?“ Laurence versuchte zu nicken, soweit es ihm das Lenkrad erlaubte. Er murmelte ein schwaches „ja“. Der Fahrer versuchte die Autotür zu öffnen, aber es klemmte, es war von innen zugesperrt. Das Lied begann wieder von vorn.

Der Mann ging ums Auto herum, versuchte jede Tür, keine ließ sich öffnen. Er ging zurück zum Fenster, hinter welchem Laurence saß. „Die Türen sind verschlossen, muss eines dieser neuen Sicherheitsmodelle sein, das du da hast, sehr modern“, überschrie der Mann das Lied, „bist du verletzt?“

Laurence erwiderte ein schwaches „nein“. Der Mann bellte ihn an, dass er Hilfe holen werde und fuhr los, ehe Laurence ihn bitten konnte, die Autobatterie heraus zu reißen, damit das Lied endlich aufhören würde.

Da stak er also, durstig und erschöpft, und hörte das Lied noch weitere 12mal, ehe endlich der Rettungsdienst einlangte und ihn aus dem Auto befreite.

Sie können sich vorstellen, dass Laurence seither immer etwas durchdreht, wenn er das Lied hört. Und mit seiner Flamme klappte es auch nicht mehr wirklich.“

*

R. lachte. „Das war nett. Jetzt aber husch ins Bett, du alberne Göre.“

Er warf die leere Pizzaschachtel in Richtung Papierkorb, verfehlte ihn aber. Er sah sie an, dann mich. „Ach, stopf sie doch in den Korb, ehe Du rausgehst, ich bin zu müde, um aufzustehen.“

Ich legte die Schachtel in den Korb und ging zur Tür. R. stand auf.

„Ich muss die Tür zusperren. Danke jedenfalls für das Entsorgen der Schachtel. Gute Nacht.“

Fortsetzung folgt. Nächsten Freitag. Jeden Freitag.

Link zur Englischen Originalfassung: auf Girl Friday – the Book of Bad 10. The Edge of Heaven klicken.

Artwork: Gabbi Werner

Übersetzung ins Deutsche: Manfred Sax

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