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Gabbi WernerGirl Friday – Buch des Bösen 09. Vergiss Barcelona

Von | 07.06.2013, 11:51 | Kein Kommentar

Die Sonne ist aufdringlich, die Straße voll mit hässlichen Leuten. Ohne Lover hat diese Stadt nichts für mich. Aber im Hotel wartet ein Geschenk.

Willkommen. Zu Geschichten aus vielen Hotelzimmern. Ich erzählte sie einem Mann, der nicht schlafen konnte. Ein Business-Deal. Er zahlte für meine Worte. Hier sind sie.

*

Am nächsten Morgen stand mein Lover auf und ging zu seinem Kurs. Er flog nach Amsterdam, ich blieb in Barcelona, um meine Arbeit zu machen.

Es ist, als ob in Barcelona der Sommer nie weicht. Er drängt sich dir auf, ob du willst oder nicht. Es warteten noch drei Tag Arbeit auf mich. Drei Tage Sonnenschein, der mir nichts bedeutete, der Strand fühlte sich falsch an, die Straßen waren voll mit hässlichen Leuten. Ich versuchte zu schwimmen, gab etwas Geld aus, aß irgendwas. Die Stadt war mir fremd. Wenn du einen Bleistift nimmst und durch Barcelona eine gerade Linie ziehst, kannst du dich mit Paris und Brüssel verbinden. In keiner dieser Städte fühle ich mich wohl. Für mich ist es eine schlimme Gerade.

Überall waren Touristen damit beschäftigt, Touristen zu sein, ein Reisevokabular, das mir vollkommen unbekannt war. Ich ging durch die Straßen, meine Stiletto-Absätze blieben im Teer der Straße kleben. Es fühlte sich an, als ob ich in der Stadt meinen Fußabdruck hinterließ. Eine gute Methode, dich nicht zu verirren. So irrte ich herum, auf gleichen Pfaden wie zuvor, um meine Fassung wieder zu finden.

Am späten Nachmittag setzte ich mich auf einen Kaffee, zwei Männer saßen an einen Tisch neben mir. Vater und Sohn. Sie saßen dort eine gute Stunde. Der Vater muss um die fünfzig gewesen sein, der Sohn vierzehn oder so. Keiner der beiden sprach ein Wort. Der Vater bestellte zwei Bier, ein großes für ihn, ein kleineres für seinen Sohn. Der Junge trank es so schnell er konnte. Der Vater trank sein Bier auf gesetztere Art, und dann noch eines. Mit seinem dritten Bier bestellte er noch ein kleines für den Sohn, der sein Bestes gab, um es in einem Zug zu leeren. Manchmal zündete sich der Vater eine Zigarette an und inhalierte. Der Sohn saß schlampig da, sah dem Rauch beim Verschwinden zu, er schien ein sensibler Junge zu sein, die Art, wie er seinen Vater betrachtete, als ob er wüsste, dass hier keine Unterhaltung zu erwarten sei. Ich hätte gern gewusst, ob der Vater geschieden war und ob dies sein Weg war, sinnvolle Zeit mit seinem Kind zu verbringen. Nur steckte kein Sinn im Tun des Vaters. Er trank nur. Und rauchte.

Der Junge tat mir leid, er schien so verloren. Am liebsten wär ich zu seinem Tisch gegangen, um ihm einen Arm um die Schulter zu legen, oder neben ihm zu sitzen und seine Hand zu halten. Ich wünschte, ich könnte ihm sagen, dass alles besser wird, sobald er erwachsen ist. Ich tat nichts dergleichen, es hätte die beiden sicher verwirrt, sie hätten zweifellos gedacht, ich sei verrückt.

Ein tieferer Gedanke hielt mich zurück. Egal wie gern ich diesem Jungen etwas Trost vermittelt hätte, und etwas Hoffnung für eine schönere Zukunft – ich wusste, dies war keine Versicherung, dass dem auch so sein würde. Wahrscheinlich wird sein Leben mit dem Alter um nichts besser. Mein Magen drehte sich. Es war traurig. Das war alles, was war. Ein Urlaub als Höhepunkt. Danach würde er zur Schule gehen, sie mit etwas Glück hinter sich bringen, einen Job haben, Alkohol trinken. Und still sein. Und neben seinem Vater sitzen oder – später mal – neben seinen Freunden. Es wäre grausam, ihm jetzt zu sagen, dass alles mal gut wird. Dieses falsche Hollywood-happy-end, das ich ihm so wünschte, wird ihm wahrscheinlich nie passieren. Es lag keine Aussicht auf gute Zeiten in seinem Ausdruck, kein Trost in der Erscheinung seines Vaters. Der Vater war das gnadenlose Echo einer Zukunft, die dem Sohn blühen würde. Nichts als blanke Leere erwartete die beiden, größere Schwierigkeiten zu vermeiden wäre schon eine Leistung.

Ich ging zum Hotel zurück, dort lag eine Karte, R. hatte mir ein Geschenk zukommen lassen. Eine Massage im Spa im Oberstock. Das kam mir seltsam vor. Wann immer ich in sein Zimmer kam, um ihm seine Geschichte für die Nacht zu erzählen, schien er mich kaum zu bemerken. Er sah mir kaum jemals in die Augen, lag nur auf seinem Bett. Oder begann herum zu räumen, seine Papiere zu ordnen. Ging ins Badezimmer, straffte die Handtücher, kam zurück. Wenn ich mitten in einer Geschichte aufhörte, reagierte er sofort und sagte, ich solle weitermachen. Ich glaubte schon lange nicht mehr, dass er Sex oder irgendwas wollte, ich dachte, ich gefalle ihm überhaupt nicht. Aber dieses Geschenk einer Massage war sehr körperlich, wie stellvertretend.

Der mangelnde Schlaf der vergangenen Nacht, als ich meinem Lover beim Briefschreiben zusah, erleichterte mir die Entscheidung, die Massage zu akzeptieren. Ich konnte etwas Wohlgefühl ganz gut brauchen.

*

R. saß an seinem Tisch und aß eine Pizza. Er winkte mir, Platz zu nehmen.

„Hast Du schon gegessen, willst Du etwas?“ –

Ich sagte ihm, dass ich nicht hungrig war. Eine Scheibe nach der anderen verschwand in seinem Mund, er schien nicht mal zu kauen.

„So, was soll es heute werden, hast Du das Backgammon verloren?“

In der Tat, sagte ich.

„Dann bis auf weiteres keine Spiele mehr. Wie war die Massage, ich hatte auch eine, gleich nach Dir, toller Masseur, nimmt die Muskeln ganz schön her.“ –

Ich dankte ihm für die Massage und sagte, dass ich sie genossen habe.

„Ich möchte eine kurze Geschichte heute Nacht, oder ein Gedicht, kennst Du ein kurzes Gedicht?“ –

Ich sagte, ich kenne nur zwei, und keines war sonderlich gut. Ich kenne aber Lieder, ich könnte ihm ein Lied singen, wenn er wollte. Ich warnte ihn aber vor meiner Singstimme, die war schrecklich. Und dann erinnerte ich eine Geschichte über ein Lied, und wir einigten uns darauf.

Fortsetzung folgt. Nächsten Freitag. Jeden Freitag.

Link zur Englischen Originalfassung: auf Girl Friday – the Book of Bad 09. Forget Barcelona klicken.

Artwork: Gabbi Werner

Übersetzung ins Deutsche: Manfred Sax

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