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Gabbi WernerGirl Friday – Buch des Bösen 08. Das Spiel

Von | 31.05.2013, 13:29 | Kein Kommentar

„Na los doch, spiel Dein kleines Spiel!“ – Opium im Tee, Backgammon im Hotelzimmer. Und Sieger ist, wer verliert.

Willkommen. Zu Geschichten aus vielen Hotelzimmern. Ich erzählte sie einem Mann, der nicht schlafen konnte. Ein Business-Deal. Er zahlte für meine Worte. Hier sind sie.

*

R. sah mich an, sein Lächeln war ein Grinsen. Ich war still.

„Na los doch, spiel Dein kleines Spiel, sehen wir uns an, wer gewinnt.“ –

Ich erzählte weiter.

*

„Franca legt die Steine aufs Brett, sie sind nicht vollends rund, sehen handgeschnitzt aus. Der Filz, auf den die Steine zu liegen kommen, ist natürlich rot.

Franca: Du willst also gewinnen?

Ivo: Das ist nicht das eigentliche Ziel.

Franca: Sondern?

Ivo: Das Spiel, die Taktik; die Züge, mit denen du den Gegner auf die falsche Fährte lockst.

Franca: Jeder, der gegen mich spielt, will gewinnen. Weil ich nie verliere …

Ivo (unterbricht sie): Das Element des Zufalls – wenn Du nur schlechte Würfel hast, gewinne ich.

Franca (ignoriert seine Bemerkung): Wir spielen um 64 Punkte. Und es liegt an Dir zu entscheiden, wie schnell wir dort sind. Es steht uns jederzeit frei, den Einsatz zu verdoppeln.

Ivos Irritation ist unverhohlen. Ihm ist nicht nach einem Spiel, das Stunden dauern könnte. Er kann noch immer nicht glauben, dass sie ihn einlud, um ein dummes Spiel zu spielen. Er wetzt unbequem auf seinem Polster und wirft Franca einen sauren Blick zu. Seine Augenbrauen gehen nach oben, er hat keine Ahnung, worauf sie aus ist.

Franca: Wir müssen noch entscheiden, wie der Sieger belohnt und der Verlierer bestraft wird.

Ivo: Strafe …

Die Wende in der Unterhaltung gefällt Ivo nicht. Belohnung, Strafe – diese Worte machen nur Spaß, wenn es tatsächlich um ein Spiel geht. Aber Franca ist zu ernsthaft bei der Sache. Er misstraut ihrem Lächeln. Bleibt aber stumm. Widmet ihren Zügen Denkzeit, um heraus zu finden, was sie will.

Franca: Das ist ein unglaublich altes Backgammon-Brett. Hast Du gewusst, dass dieses Spiel seit Jahrhunderten gespielt wird und die Regeln kaum je geändert wurden?

Ivo: Nein, ich weiß nur, dass Backgammon in den Coffee Shops von Amsterdam gespielt wird. Von Leuten, die zu stoned sind, um was anderes zu machen.

Franca: Stimmt. Aber diese Leute spielen nur, um zu gewinnen. Ich will, dass wir spielen, um zu verlieren.

Ivo: Damit wir unsere Strafe empfangen …

Franca: Einer von uns wird bestraft.

Ivo: Und wer entscheidet, welche Strafe es sein wird?

Franca: Ach, der Verlierer wählt seine Strafe selbst.

Da ist es wieder – ihr süßestes Lächeln. Sie nimmt einen weiteren Schluck, Ivo auch.

Ivo: Du bist jenseits von seltsam. Und Dein Tee schmeckt wie Pisse.

Franca blinzelt Ivo an, aber wirklich laaaangsaam, wie in Zeitlupe, es ist eher eine Grimasse, ohne Wärme in der Geste.

Und Cut. Der Regisseur des Films unterbricht jetzt. Die Szene ist zu statisch, da geht nichts weiter, es stimmt einfach nicht. Aber die Szene wird eines Tages enden. Ich kann Ihnen sagen, wie sie enden wird. Ich weiß, dass meine Vorhersagen ziemlich punktgenau sind. Es wird kein Happy End sein. Aber es wird ein hübsches Ende sein, ästhetisch gesehen. Die beiden werden zu spielen beginnen. Und sie wird spielen, um zu verlieren und aus gutem Grund, ich habe das Gefühl, dass das Spiel Wochen dauern wird, es wird nicht leicht sein, sie zu besiegen, wenn sie tatsächlich verlieren will. Und die Strafe, die sie über sich verhängen will, wird sein, dass sie die Seine werden wird.“

*

R. setzte sich aufrecht. „Und der Tee?“ –

„Ist natürlich Opium, Dummerchen.“ –

R. rollte sich aufs Bett und gestikulierte mit der Hand um eine Zigarette. Ich gab ihm eine. Er rauchte. „Du nimmst also Drogen und liebst es, mit Männern Spiele zu spielen?“ –

Ich blieb still.

„Du magst Spiele?“ –

„Nicht, wenn Sie dieses Backgammon meinen, das ist nur eine Geschichte.“ –

R. sagte, seinem Gefühl nach war es eine Lebwohl-Geschichte für jemanden, mit dem ich mal Spiele spielte.

Ich sagte, die Geschichte war erfunden, ein Drehbuch, für einen Film.

„Diese Geschichte ist wahr. Ich kann es fühlen. Du spielst und weißt, dass Du verloren hast. Aber gut, ich muss jetzt schlafen. Bis morgen, zur gleichen Zeit.“ –

*

Ich ging zurück, ins Zimmer meines Lovers. Ich wollte wieder nicht, dass der Lift aufhört, diesmal aus anderen Gründen als vergangenen Nachmittag. Ich fühlte mich nicht mehr wohl. Vielleicht hatte R. recht, vielleicht verlor ich gerade das Spiel.

Mein Lover hatte gewartet. Wir nahmen ein Bad, wir machten an einander rum, aber wir liebten uns nicht. Während der Nacht wollte ich mich zwingen, in ihn verliebt zu sein, total sein Girlfriend zu sein, aber es wollte nicht funktionieren. Dieser ganze kostbare und sanfte erotische Traum von unserem Hiersein, der uns so zärtlich umarmt hatte, war erloschen. Wir balancierten unbequem zwischen Unbeholfenheit und der Sehnsucht nach dem Anderen. Was ein Abenteuer werden sollte, hatte sich in die schlimmste Zeit verwandelt, die wir hatten, seit wir uns hatten. Keiner von uns beiden wusste warum, noch wagten wir zu fragen.

In jener Nacht lag ich neben ihm und sah ihm beim Schlafen zu und erkannte, dass wir uns trennen könnten, ohne jeden Grund. Das kleinste Ereignis konnte uns auseinander reißen. Es gab keine Glücklich-bis-an-unser-Ende-Garantie, wie ich immer angenommen hatte. Ich würde hart arbeiten müssen, um ihn zu behalten, ich würde die Sterne bitten müssen, damit er bei mir bleibt, so lange er kann.

Nachts wachte ich einmal auf und sah ihn am Tisch sitzen, er schrieb einen Brief, sein Rücken war etwas gekrümmt. Er wählte seine Worte sorgfältig, lange Pausen zwischen jedem einzelnen Wort oder vielleicht nach einem Satz. Er änderte seine Position während des Schreibens nicht, blickte nie über das Blatt Papier hinaus. Dann faltete er das Papier sorgfältig und legte es in seine Brieftasche. Ich stellte mich schlafend, als er zu mir ins Bett kam, behutsam, um mich nicht zu wecken. Er küsste meine Schulter, drehte mir den Rücken zu und fiel in den Schlaf.

Fortsetzung folgt. Nächsten Freitag. Jeden Freitag.

Link zur Englischen Originalfassung: auf Girl Friday – the Book of Bad 08. The Game klicken.

Artwork: Gabbi Werner

Übersetzung ins Deutsche: Manfred Sax

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