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Gabbi WernerGirl Friday – Buch des Bösen 07. Das Rote Zimmer

Von | 10.05.2013, 9:00 | Kein Kommentar

Es gibt Hotels, in denen du nicht erkannt werden willst. Dieses hier ist so ein Hotel.

Willkommen. Zu Geschichten aus vielen Hotelzimmern. Ich erzählte sie einem Mann, der nicht schlafen konnte. Ein Business-Deal. Er zahlte für meine Worte. Hier sind sie.

*

„Oh ja“, antwortete ich, „es ist sehr warm hier. Wie war Ihr Tag?“ –

„Wie immer, aber gut. Was hast Du vorbereitet?“ –

Ich dachte noch immer an meinen Lover und an unseren Nachmittag und wie verrückt die Idee gewesen war, eine Affäre zu spielen. Ich würde R. die Geschichte einer Affäre erzählen, nur musste ich vorsichtig sein, ich wollte R. nicht meinen geheimen Liebhaber auftischen.

Ich beschloss, ihm ein Drehbuch zu präsentieren. Über eine Affäre. R. war mit dem Vorschlag einverstanden.

„Aber ich möchte, dass Du den Dialog mit unterschiedlichen Stimmen und Gesten führst.“

*

Das Rote Zimmer, Szene 1: Abend und Nacht

„Wir sehen ein rotes Zimmer. Es ist ein Hotelzimmer, aber anders als die meisten. Diese Art Hotels, mit eigener Küche, wird seltener in Europa. Der Nachtportier weiß, wie man Gäste grüßt ohne sie zu erkennen. Es gibt Hotels, in denen du nicht erkannt werden willst, und das ist so ein Hotel.

Es ist ein angenehmer warmer Abend, soviel wissen wir, weil wir zuvor einen jungen Mann auf der Straße gesehen haben, er trägt ein T-shirt. Draußen tragen Passanten ihre beste Sommerschule durch die Alleen, sie passen perfekt zum Asphalt. Aber wir sind im Zimmer. Die Wände sind rot, die Decke von roten chinesischen Laternen beleuchtet, der Boden ist von üppiger roter Tischlerei bedeckt.

Das Zimmer selbst ist karg, aber hochwertig möbliert, wir sehen teure antike japanische Lackarbeit. Es gibt ein Gemälde im Zimmer, ein klassisches holländisches Bild, es passt nicht zum Interieur. Nicht einer der großen Meister, weder Rembrandt noch Vermeer, aber es könnte von Ruysdaal sein oder ein van Mieris. Es ist das Portrait eines Mädchens, circa siebzehn, sie sieht uns direkt an, mit der ignoranten Arroganz wie sie nur siebzehnjährige Mädchen drauf haben. Das Mädchen weist mit der Hand nach unten.

Unser Protagonist – der Hauptdarsteller, mit dem sich unser Publikum identifizieren soll, er ist der Gute, nennen wir ihn doch Ivo – betritt das Zimmer, während die Antagonistin – in diesem Fall ein Mädchen und nein, ihr Name ist nicht Alice, denk daran, es ist nur eine Geschichte, die ich da erzähle – auf ein paar blutroten Polstern am Boden sitzt.

Wir haben das Gefühl, dass ein Gespräch im Gange war, das eine Pause machte und nun wieder anhob. Die Unterhaltung muss im Sand verlaufen sein, die Körpersprache des Jungen verrät uns, dass er noch nie zuvor in diesem Zimmer war, er war weit davon entfernt, das Territorium, das er betreten hat, zu erobern. Er fühlt sich nicht wohl. Seine Bewegungen sind voreingenommen, er ist auf das Schlimmste gefasst. Er steht dem Mädchen gegenüber, hinter ihm sehen wir den Eingang zur Küche.

Es ist dunkel in der Küche, schwer zu sagen, was darin abläuft, offenbar nur, dass dort eine andere Atmosphäre herrscht.

Wir sehen leere Schachteln, einen Haufen Geschirr, mindestens 23 Abfallsäcke, Fleischfliegen im Rundflug, diese Art Zustand. Der totale Kontrast zur kargen Reinheit im Wohnzimmer.

Das Mädchen raucht. Sehr dünne Filterzigaretten. Vor ihr steht ein winziger Tisch, darauf ein kleines Teeservice aus feinstem chinesischen Porzellan. Sie hebt eine der Tassen und nimmt einen Schluck, der Tee ist steif und schwarz. Schwärzer als der stärkste Kaffee. Schwarz wie eine mondlose Nacht.

Wie sollen wir sie nennen … und wann hören Sie endlich auf zu glauben, dass ich es bin, von der ich Ihnen erzähle? Muss ich ihr Aussehen ändern, um sicher zu gehen? Na gut, ich geb ihr rote Locken und einen tiefen Ausschnitt. Blaue Augen und Kirschenmund. Von nun an nennen wir sie Franca.

 *

Franca: Ja, aber die Frage war, ob Du erkennst, wie schlimm es ist zu verlieren, wie vernichtend.

Ivo: Ich verliere selten.

Franca: Ich hab nur dreimal verloren, abgesehen von den Zeiten, als ich dachte, es wäre weiser zu verlieren. Wenn ich immer gewinne, wird niemand mehr mit mir spielen wollen.

Ivo: Du hast mich im Ernst nur herüber bestellt, um mit mir Backgammon zu spielen?

Franca raucht und starrt Ivo an.

Franca: Du hast schon mal Backgammon gespielt, oder?

Ivo: Was glaubst Du?

Franca: Oh, wahrscheinlich sogar sehr ernsthaft.

Ivo: Und das ist der einzige Grund, warum Du mich um drei verdammt noch mal Uhr in der Nacht angerufen hast?

Franca: Ich hatte nicht den Eindruck,. Dass Du geschlafen hast.

Ivo: Hab ich auch nicht. Aber normale Leute schlafen um drei.

Franca (ätzend): Weil Du so normal bist.

Stille. Franca schenkt sich wieder Tee ein, hoch konzentriert. Füllt zuerst ihre Tasse, dann die seine. Der Tee war wie Sirup, er rann langsam runter, als wär er Kleber oder Lack, nicht eine Flüssigkeit wie Wasser. Sie warf je einen Würfel Zucker in die Tassen.

Franca: Gegen die Bitterkeit.

Sie lächelt Ivo an. Ihre großen blauen Augen fixieren ihn, sie zwinkert nicht. Ivo nimmt an der anderen Seite des Tisches Platz, hebt die Tasse, nimmt einen Schluck. Der Tee ist offenbar noch bitter, er kann die Tasse nicht leeren. Franca sieht ihm die ganze Zeit genau zu. Nach seinem dritten Schluck holt sie ein Kästchen aus Elfenbein hervor, das mit Perlmutt verziert ist.

Ein Backgammonspiel.“

*

R. unterbrach mich. „Ich möchte rauchen. Gib mir eine Zigarette.“-

Ich gab ihm eine Zigarette.

Er inhalierte langsam. Sah mich an. „Spielen wir ein Spiel? Ich liebe Spiele. Mach nur weiter mit Deiner Geschichte, mach nur weiter mit Deinem Spiel.“

Fortsetzung folgt. Nächsten Freitag. Jeden Freitag.

Link zur Englischen Originalfassung: auf Girl Friday – the Book of Bad 07. The Red Room klicken.

Artwork: Gabbi Werner

Übersetzung ins Deutsche: Manfred Sax

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