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Gabbi WernerGirl Friday – Buch des Bösen 06. Wir waren Fremde

Von | 03.05.2013, 9:00 | Kein Kommentar

Wir gingen aufs Zimmer und zu Bett, wir zogen uns aus und waren einander fremd.

Willkommen. Zu Geschichten aus vielen Hotelzimmern. Ich erzählte sie einem Mann, der nicht schlafen konnte. Ein Business-Deal. Er zahlte für meine Worte. Hier sind sie.

*

Du hast eine Ahnung von deiner Zukunft und wartest darauf, dass sie Jetzt wird – in einem Hotelzimmer wie diesem kann dich das seltsam stimmen. Du hast den Moment des Abenteuers so lang herbeigedacht. Du sitzt am Bett, bewunderst die frischen weißen Bademäntel, die so sorgfältig auf das Bett platziert wurden, wie eine Einladung, in sie hinein zu schlüpfen. Du bürstest dein Haar mit besonderer Sorgfalt, du gönnst dir ein Make-up. Und da bist du also. Allein.

Und plötzlich ist das Zimmer nicht mehr nur ein Zimmer. All die offenbaren Hotel-Standards mutieren ins Groteske und die Zeit vergeht zu langsam, viel zu langsam.

Die Verliebtheit dieser Luxushotels in falsches Gold, die uninteressanten Magazine, die den Kaffeetisch schmücken, blick doch rein, wir erzählen dir nichts, was dich interessieren könnte … leere Gesten, unpersönliche Perfektion.

Ich rauchte eine Zigarette, dann noch eine, es gab nichts anderes zu tun. Ich blickte in den Spiegel, saß am Bett, stand auf, ging zum Balkon. Beschloss, nicht noch eine Zigarette zu rauchen, betrachtete die Leute auf der Straße, betrachtete das Hotelzimmer, erneut. Das Zimmer gewann an Leere, je länger ich es betrachtete.

Ich dachte, ich wäre eine umwerfend verführerische Sekretärin und mein Lover ein Rock`n´Roll-Held von Popstar, mit Tattoos. Jeden Sommer hatte er enge ärmellose Hemden getragen. Und sah aus wie ein Rockstar, irgendwie.

Heute würde er mein Rockstar sein, das war meine Fantasie, er würde Lieder schreiben und sie mir widmen. Und dann küssen wir uns. Und küssen und machen Liebe.

Leider hatte er andere Ideen und trug eine teure Designerbluse, die seine Tattoos bedeckten. Wäre er wirklich ein Rockstar, meinte er, würde er auf Understatement setzen.

Verdammt.

Wir hatten beide unsere Erwartungen – die zum Teil erfüllt wurden, aber nie übertroffen. Es hatte Spaß gemacht, den Hotellift fünfzehn mal rauf und runter zu fahren, wir drückten alle Knöpfe, so lang dauerten unsere Küsse.

Wir ignorierten die einsteigenden Touristen, wir ignorierten sie, als sie ausstiegen. Manchmal hörte ich wen angewidert murren. Die Art, wie sie den Atem anhielten und nachdachten, ob sie uns hindern sollten. Aber es war mir egal. Wir küssten uns, wir, die neuen Wir. Der Star und sein Mädchen, ein glamouröses Paar, wagt es nicht, uns zu stören.

Wir machten es im Zimmer. Am Bett. Wir zogen uns aus und … waren einander fremd.

Wir versuchten Liebe zu machen. Aber wer waren wir? Ich war nicht ich, noch war mein Lover er. Unsere Küsse waren anders. Mein Mund war trocken, nervös trocken. Folgen des Orangensafts? Mein Lover wirkte abgelenkt, unglücklich.

Seine Küsse wurden drängend, nicht aufgeliebt drängend, eher besorgt, verloren. Wir wollten mehr machen, unseren Rollen getreu bleiben … irgendwann sagte mein Mann:

„Können wir bitte wieder wir sein, die Sache macht mir Angst, ich will dich zurück.“

Wir saüen am Bett und redeten ein wenig und küssten ein wenig mehr. Obwohl wir wieder wir sein wollten, war etwas anders.

Er küsste mich und hielt ein. Sah mich an. Streichelte meinen Arm, hielt wieder ein. Nichts kam mehr natürlich, es war alles absichtlich, als würde er sich dabei beobachten.

 *

Ich musste in R.´s Zimmer gehen, um ihm eine Geschichte zu erzählen. Eine halbe Stunde vorher wurde mein Lover still, er wollte keine Liebe mehr, er drehte mir den Rücken zu und sah fern.

„Und jetzt gehst du also zu ihm?“ –

„Ja, es wird ungefähr eine Stunde dauern.“ –

„Und du erzählst ihm Geschichten, richtig?“ –

„Ja.“-

„Nur Geschichten. Und dafür zahlt er dir scheißviel Geld.“ –

„Genau. Deswegen sind wir auch in diesem Hotel.“ –

„Ich hab noch nie von einem Mann, der dafür zahlt, um Geschichten zu hören.“ –

„Du weißt es, ich habs dir erzählt. Er kann nicht schlafen, es entspannt ihn, wenn ich ihm was von mir erzähle.“ –

„Glaubst du das wirklich? Oder willst du, dass ich das glaube?“ –

„Was willst du damit sagen – dass ich den Kerl bumse?“ –

„Nein. Aber es stinkt. Das ist alles.“ –

Ich küsste meinen Lover und sagte ihm, dass ich ihn liebe. Er küsste mich auf die Wange und zappte durch die TV-Kanäle. Er sah mir nicht nach, als ich das Zimmer verließ.

Ich fuhr rauf in den höchsten Stock des Hotels. R. öffnete die Tür und sah mich an.

„Du siehst heiß aus.“ –

„Wie bitte?“ –

„Ist dir heiß, macht dir die Hitze zu schaffen?“ –

R. bat mich in sein Zimmer.

Fortsetzung folgt. Nächsten Freitag. Jeden Freitag.

Link zur Englischen Originalfassung: auf Girl Friday – the Book of Bad 06. We Were Strangers klicken.

Artwork: Gabbi Werner

Übersetzung ins Deutsche: Manfred Sax

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