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Gabbi WernerGirl Friday – Buch des Bösen 05. Der Kuss

Von | 26.04.2013, 9:00 | Kein Kommentar

Wenn Liebe dich warten lässt und du endlich küssen willst, genau jetzt, in Barcelona.

Willkommen. Zu Geschichten aus vielen Hotelzimmern. Ich erzählte sie einem Mann, der nicht schlafen konnte. Ein Business-Deal. Er zahlte für meine Worte. Hier sind sie.

*

Ich stand vor der ersten Affäre meines Lebens, und obwohl es eine mit dem Mann den ich liebe war, fühlte ich mich unsicher. Ich war aufgeregt gewesen, jetzt kam ich mir dumm vor, so ganz ohne ihn. Ich hätte genauso gut allein nach Barcelona fliegen können.

Ich nahm mir vor, das beste aus der Situation zu machen und ging zur Kaffee-Bar, wo wir uns treffen wollten. Saß dort, trank Kaffee, versuchte die Sonne zu genießen. Es war halb zwei, in zwanzig Minuten hätte er auftauchen sollen. Nur war er bei diesem Kurs und lernte Tomaten umdrehen und machte mit Gelee herum.

Ich erkannte, dass ich ihm nie im Leben begegnet wäre, hätten wir nicht alles so gut geplant. Es war nicht das Schicksal, das ihm mein Hotel gewiesen hätte, es war unsere Voraussicht. Es gab keine unterbewusste Unrast, die ihn spätnachmittags verführt hätte, zu mir zu kommen und an meine Tür zu klopfen und mich endlich zu küssen.

Und was dann? Wäre es den Mächten die da sind gelungen, seinen Willen zu korrumpieren, bis er sich in meinem Zimmer wiederfände: Wie würde ich reagieren? Wenn ein fremder Kerl an meine Tür klopft und ich öffne und er mich dann küsst? Ich würde ihm sicher eine knallen und die Tür schließen und die Polizei rufen. Wir würden nichts mit einander haben, ich wäre für immer ohne ihn, hätte keine Erinnerung unserer Vergangenheit, keine Vision unserer Zukunft. So viel zu Schicksal.

Der Gedanke machte mir Angst.

*

Menschen gingen über den Platz und mir war heiß. Ich bestellte Orangensaft und trank ihn zu schnell. Übelkeit, Schwindelgefühle. Plötzlich hatte ich Angst, mein Lover würde es nicht schaffen. Dieses Date, unser gefälschtes Date, wenn das nicht wahr wird, es wär unser Ende. Er könnte einen Autounfall haben, vielleicht hat er heute morgen auch eine umwerfende Köchin getroffen und sich in sie verliebt.

Ich hatte Sehnsucht nach ihm. Und ich hatte keinen Grund, hier zu sitzen und auf ihn zu warten, ich wusste, er würde nicht kommen. Es war alles verloren. Wir waren verloren.

Neben mir saß ein Paar, die beiden küssten sich und hielten Hände und fütterten einander den Schaum ihres Kaffees. Ich war allein, ohne meine Liebe. Warum hatten wir uns je darauf eingelassen? Warum hab ich mein Versprechen gehalten und er seines nicht? Es konnte nur bedeuten, dass es ihm nicht mehr so wichtig war. Ich war nur Teil seines Spaßes, während er der ganze Spaß war, den ich in dieser überhitzten Stadt haben konnte.

Mir war schlecht vom Orangensaft, der Magen eiskalt, die Haut brannte. Ich musste nach Hause. Ins Hotel, das gerade mein Zuhause war.

Ich stand auf und zahlte und begann Richtung Hotel zu gehen, so schnell ich konnte, jeden Schatten nutzend, die Sonne war mir zu heftig, sie brachte meine Gedanken durcheinander.

Ich mied die Sonne und die überfüllten Straßen, die Menschen mit ihrem schnellen und harten Spanisch waren mir unangenehm. Ich verlor meinen Weg. Die Straßen und Plätze sahen alle gleich aus. Schwarze Mauern, gotische Kuppeln, enge Gassen, dann wieder ein Platz. Oder eine andere überfüllte Straße. Alle Shops und Restaurants sahen gleich aus. Ich musste das Hotel finden, gelangte an eine größere Straße und hielt ein Taxi an, „Majestic Hotel, please“.

Der Taxifahrer sagte nein. Warum nicht, fragte ich in meinem gebrochenen Spanisch. Nicht weit genug für eine Fahrt, ich kann zu Fuß gehen, sagte er in ebenso gebrochenem Deutsch, als wäre es egal, in welcher Sprache er mich anredet. Ich bot ihm zwanzig Euro. Er seufzte und startete das Auto und fuhr eine halbe Minute und hielt die Hand auf.

Ich schämte mich. Ich war auf dem richtigen Weg gewesen, ich hatte ihn nicht verloren.

Ich zahlte die zwanzig Euro und sagte gracias und ging ins Hotel, als wär alles in Ordnung, schlich mich an der Rezeption vorbei und fuhr rauf in mein Zimmer und öffnete die Fenster und ging auf den Balkon und blickte hinunter. Ich sah die Straße und die Route, die ich genommen hatte. Ich hatte mich nicht verirrt. Ich war richtig gegangen. War wohl die Sonne.

Ich ging zurück ins Zimmer. Wartete auf meinen Lover. Und wartete.

Fortsetzung folgt. Nächsten Freitag. Jeden Freitag.

Link zur Englischen Originalfassung: auf Girl Friday – the Book of Bad 05. Imagine The Kiss klicken.

Artwork: Gabbi Werner

Übersetzung ins Deutsche: Manfred Sax

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