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Gabbi WernerGirl Friday – Buch des Bösen 03. Karriere-Opportunisten

Von | 12.04.2013, 9:00 | Kein Kommentar

Es war eine Zeit, als Yuppies aus einem Meer von Dollarnoten auftauchten, die sie mühelos angehäuft hatten. Ich war arbeitslos. Und ich hatte Träume.

Willkommen. Zu Geschichten aus vielen Hotelzimmern. Ich erzählte sie einem Mann, der nicht schlafen konnte. Ein Business-Deal. Er zahlte für meine Worte. Hier sind sie.

*

Metropole Hotel, Brüssel. Als es an der Zeit war zu R. zu gehen, fiel mir ein, dass es vielleicht höflich wäre, ihn auch einmal zu befragen. Diesmal würde ich die Fragen stellen, wie in einem Interview, um die Unterhaltung ins Rollen zu bringen.

Ich klopfte an die Tür. Er öffnete sie, noch immer im Businessanzug.

„Wie war Dein Tag, was wirst Du mir erzählen?“

„Da gibt es nicht viel zu erzählen“, antwortete ich, „ich machte einen Spaziergang, nahm ein Bad. Wie war der Ihre?“

„Das ist nicht unser Deal, ich möchte abschalten, eine andere Welt betreten. Die Privatsphäre meines Gemüts kann mir da nicht helfen. Ich kenne mich gut genug, danke sehr. Dich aber kenne ich nicht. Ich brauche Dein Innenleben. Ich möchte in Deine Gedanken eindringen.“

Er ging zum Tisch und machte mir Tee.

„Hast Du Dir je vorgestellt, dass dies Deine Karriere sein würde – eine Geschichtenerzählerin?“

Ja, sagte ich, es gab einmal eine Zeit, in den Achtziger Jahren, da hatte ich an so etwas gedacht. Es war die Zeit, als die Yuppies aus diesem Meer von Dollarnoten auftauchten, die sie so mühelos angehäuft hatten. Die Yuppies hatten mich immens fasziniert. Sie repräsentierten alles, was meine Generation verachtete, waren ruchlos, effektiv, reich. Und waren stolz auf jede einzelne dieser Qualitäten. Es machte ihnen nichts aus, dass Geld weder Stil noch Klasse kaufen konnte, solange das Label „sauteuer!“ schrie, waren sie glücklich. In Filmen und TV-Serien und Videoclips – wo immer du auch hin blicktest, sahen diese breitschultrigen und fesch gekämmten Formalisten auf die kümmerlichen Sterblichen runter, die den Rest der Welt darstellten. Es war nie klar, was sie erreicht hatten, sie hatten weder etwas erfunden noch der Gesellschaft Gutes angetan, sie waren nur sehr gut im Anhäufen von unglaublich viel Geld gewesen, das sie unglaublich schnell wieder ausgaben.

Damals war ich arbeitslos. Und weil ich viel Zeit zum Schlafen hatte, konnte ich mir vorstellen, meine Träume – die äußerst aufregend und exotisch waren – zu verkaufen. An Businessmänner, die keine Zeit für den Luxus des Schlafes hatten. Aber es gab keinen Weg, das technisch umzusetzen. Ich konnte träumen, die Träume verkaufen konnte ich nicht.

R. staunte über meine Arbeitslosigkeit. „Wirklich, Du hattest damals keinen Job? Ich begann mit zwölf zu arbeiten. Das Geld zu zählen, das ich machte, war großartig. Ich sammelte Nägel und andere Eisendinge, die ich auf der Straße fand, verstehst Du, und verkaufte die Sachen. Brachte mir ein nettes Taschengeld. Du hast also nichts getan, um Dir Dein Leben zu finanzieren – was hast Du dann den ganzen Tag gemacht? Das musst Du mir erzählen.“

Also erzählte ich.

*

Karriere-Opportunisten

„Vor Kurzem stöberte ich in meinem Papierkram und fand den Entwurf des Bewerbungsschreibens eines Freundes, addressiert an ein Museum.

‚Sehr geehrte Herrschaften,

im Interesse meines Arbeitslosengeldes sende ich Ihnen diesen Brief. Seien Sie doch so lieb und teilen Sie mir in Ihrer Antwort mit, dass Sie keine Arbeit für mich haben. Gezeichnet, mit Dank im voraus.’

Man muss verstehen, es waren die Achtziger, als arbeitslos zu sein eine modische Haltung war und einen Job zu haben mit dem Gefühl einherging, deine Seele einem alten Teufel namens Vereinigte Corporative Staaten von Amerika verkauft zu haben. Die Musik zu unserer immerwährenden Freizeit hieß „No Future“.

Und so machten wir aus unserer Arbeitslosigkeit eine Karriere.

Am Morgen schliefen wir, am Nachmittag wurde geschminkt, am Abend gingen wir aus. Männer kauften uns Drinks, andere Männer setzten uns auf die Gästeliste, das Leben war einfach, das Leben war gut.

Um unsere Pflicht gegenüber dem Arbeitsamt zu erfüllen, kamen wir jeden Monat an einem Nachmittag zusammen und schrieben die perfekten Bewerbungsschreiben. Perfektion war gegeben, wenn die Bewerbung tatsächlich so geschrieben war, als wollte man ernsthaft Arbeit, unser potenzieller Boss aber gleichzeitig motiviert war, die Bewerbung abzulehnen.

Wir brauchten zumindest drei ablehnende Bescheide pro Halbjahr, man kann sich also die Mühe vorstellen, mit der wir uns an meinem Küchentisch der Aufgabe widmeten. Wir waren die Stars der Ablehnung. Die Details, mit denen wir unsere Bewerbungen würzten, garantierten, dass wir im schlimmsten Fall zu einem Job-Interview eingeladen wurden.

Es kam die Zeit, da genossen wir diese Interviews sogar mehr als das Schreiben. Im Rückblick würde ich sagen, wir erhöhten uns auf ein respektables Niveau in diesem Kalte-Schulter-Geschäft. Es entstand Wettbewerb unter uns, wer war näher dran, das ultimative Ziel zu erreichen, nämlich, die ausgeschriebene Position so majestätisch wie möglich nicht zu bekommen, durch subtilen Gebrauch des gelegentlichen Schimpfworts, durch tadellos manikürten Dreck unter den Fingernägeln oder durch schlaue Demonstration der totalen Absenz von Kompetenz selbst für die einfachste Arbeit. Zutaten, die wir jedenfalls knapp dosierten, aber stets effektiv.

In besonderen Notfällen, wenn die Arbeitgeber verzweifelt willens waren, praktisch jeden Bewerber zu beschäftigen (was wahrscheinlich ohnehin der Grund war, uns zum Termin zu laden), machten wir von unserer Geheimwaffe Gebrauch – plötzlicher Verfall in totalen mentalen Rückzug, inmitten eines Satzes. Wir starrten auf den linken Ohrlappen des ungewollten Arbeitgebers und verloren uns das gewisse Etwas zu lang in einer abseitigen Nische des Gemüts. Und nach diesem Starren setzten wir den Satz fort, als wäre nichts geschehen. Drei – oder viermal in zehn Minuten wiederholt verschuf diese simple Aktion eine Erfolgsgarantie. Der Brief mit dem ablehnenden Bescheid lag binnen sieben Tagen im Postfach.“

Fortsetzung folgt. Nächsten Freitag. Jeden Freitag.

Link zur Englischen Originalfassung: auf Girl Friday – the Book of Bad 03. Career Opportunists klicken.

Artwork: Gabbi Werner

Übersetzung ins Deutsche: Manfred Sax

 

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