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Gabbi WernerGirl Friday – Buch des Bösen 02. Martini Memories

Von | 05.04.2013, 9:00 | 2 Kommentare

Martini-Männer, Frauen im Rolls Royce und Luxus mit Lorelei: eine Nacht im Bellevue am Rhein.

Willkommen. Zu Geschichten aus vielen Hotelzimmern. Ich erzählte sie einem Mann, der nicht schlafen konnte. Ein Business-Deal. Er zahlte für meine Worte. Hier sind sie.

*

„Eins müssen Sie wissen: Ich hab schon lange vor jenem Nachmittag in Den Haag Luxushotels besucht und von den Zimmern geträumt. Als kleines Mädchen, ich muss elf oder so gewesen sein, war ich auf einem Ausflug in Deutschland, den Rhein entlang. Die Art Ausflug, Du weißt, wie er von 70jährigen unternommen wird. Meine Eltern wollten ihn unbedingt machen.

Ich war gelangweilt, wie Elfjährigen eben langweilig ist. Weil sie die Fähigkeit erlangen, gelangweilt zu sein, ohne einen Grund dafür zu brauchen. Wenn das Gefühl immer noch ein Sichgehenlassen ist, eine betonte Ermüdung, ein Luxus, von dem du nicht genug kriegen kannst. Ein Vergnügen. Also gab ich mir die betonte Fadesse, bis meine Eltern nervlich am Ende waren.

Nichts interessierte mich, der Fluss war blöd, unser Auto war hässlich und stank, das Essen, das meine Mutter gekocht hatte, war ungenießbar. Es war jene Art Ausflug, Ferien die du dir gibst, um deine Eltern auf den ersten Urlaub ohne sie vorzubereiten. Fünf Jahre dieser subtilen Folter mehr, und sie würden dich gern alleine ziehen lassen.

Der Rhein ist ein endloser Fluss. Wenn ich daran zurück denke, ist mir mein Benehmen noch immer peinlich. Ich war den ganzen Tag launisch.

Aber insgeheim genoss ich die Tage. Ich erinnere die Geschichte der Lorelei, einer Meerjungfrau, die Schiffsleute kraft ihrer betörenden Schönheit und eindringlichen Lieder ins Verderben stürzte. Und ich erinnere das Hotel. Nicht das Hotel, in dem wir wohnten. Wir bewohnten ein schlichtes Hotel mit zwar sauberen Tüchern, aber Toilette am Gang.

Neben unserem Hotel stand das Hotel Bellevue.

Das war das Hotel für mich. Luxus vom Eingang bis zum Abstellraum, von den vielen Bars über den vergoldeten Aufzug bis hin zu den Restaurants. Luxus überall.

Ich konnte das Bellevue von unserem Fenster aus sehen. Warum wohnen wir nicht dort, fragte ich die Eltern, in diesem purpurglänzenden und goldenen Himmel? Sie lachten nur, es sei viel zu teuer und unnötig. Ich dachte, das konnte nicht stimmen. Wie kann etwas so Großartiges unnötig sein? Und wie kann das nicht gerade die wichtigste Sache der Welt sein? Ich hatte Sehnsucht nach dem Bellevue und verbrachte den ganzen Abend am Fenstersims unseres Zimmers und schaute durch den Vorhang, hinüber ins Bellevue.

Ich stellte mir abendliche Festessen vor und Tänze, die dort sicher stattfanden. Wie ich zu einer Soirée aus dem Auto steige und über den roten Teppich wandle und Walzer tanze und alle Menschen mit meinem schönen Spitzenkleid betöre und mich am Licht der Kristall-Luster berausche und über das polierte Tanzparkett gleite. Ich würde Grafen und Herzöge treffen und in sieben Sprachen mit all den Botschaftern parlieren, die es dort sicher geben musste.

In meinem Kopf wurde die Martini-Werbung der 70er Jahre lebendig, erinnern Sie die Martini-Werbung? Die toll gekleideten Männer und die Frauen im Rolls Royce, wie sie Martini trinken? Ich war so enttäuscht, als ich herausfand, wie billig dieser Drink ist.

Der Tag nach dem nächsten Morgen war nicht sonderlich schön, wir verließen unser Hotel, im grauen Licht des Tages wirkte es noch bedrückender. Aber ich hatte ohnehin meine Nacht im Bellevue verbracht.“

*

Ich sehe ihn an. Das ist alles, was ich heute Nacht für ihn tun kann, erkenne, wie schlecht vorbereitet ich für den Job war. Er seufzt.

„Das war eine nette Geschichte. Ich kann jetzt ruhen und an Dich denken, wie Du warst, als kleines Mädchen. Zwölf. Warst Du damals zwölf?“

„Vielleicht elf, vielleicht dreizehn. Aber jedenfalls hässlich.“

Er lacht. „Sicher, ich wette Du warst hässlich.“

„Mögen Sie diese Art Geschichten?“

Ich hoffe, er ist zufrieden. Mir fallen keine entspannenden oder amüsanten Geschichten ein. Wenn er noch eine will, müsste ich tiefer in mich hinein als ich kann oder will.

Ja, ich kann damit schlafen. Ich werde mich ins teure Hotel begeben und durch einen Gang gehen und vom Fenster aus zu Deinem Fenster rüberschauen. Und Dich dort sitzen sehen, wie Du herüber blickst … Ich hab morgen den ganzen Tag Meetings. Lass uns danach wieder zusammen sein, zur gleichen Zeit.“

Gut, sage ich, und dreh mich zur Tür, sag im Hinausgehen gute Nacht und er erwidert den Gruß.

Ich geh durch den leeren Gang des Hotels, versuch eine Freundin anzurufen, aber sie meldet sich nicht. Meine Liebe arbeitet noch, es hat keinen Sinn, ihn anzurufen. Was wäre gewesen, wäre etwas geschehen? In meinem Zimmer nehme ich ein Bad, ich muss mich gereinigt fühlen. Dann geh ich zu Bett.

Welche Art Geschichte er wohl morgen hören will?

Ich verschlafe das Frühstück. Es ist zwei Uhr Mittag, als ich aufwache, und ich bin immer noch müde.

Ich sehe zur Straße hinaus, sie ist leer und in Sonnenlicht gebadet. Ich beschließe einen Spazierganz durch die Stadt, will erstmals in meinem Leben eine echte Touristin sein und einfach genießen. Es ist kein angenehmer Spaziergang. Ich hab hier nichts zu tun, keinen Grund hier zu sein. Die Stadt gibt mir nicht das Gefühl, auf mich gewartet zu haben. Ich trinke irgendwo einen Kaffee und noch einen Kaffee irgendwo anders, werde von Kellnern bedient, die mir kaum in die Augen schauen. Noch nie in meinem Leben war ich so gelangweilt. Ich suche ein Kino, aber das eine, das ich finde, hat nur abends offen. Ich kann mit meiner Umgebung nichts anfangen. Die Straßen wirken feindlich, ich kenne sie nicht, ich habe keine Beziehung zu den Häusern und Geschäften, die ich sehe.

Ich bin wie ein blinder Passagier in dieser Nachbarschaft und werde etwas panisch. Keine Ahnung, ob ich die nächste Straße überqueren soll oder nicht. Ich überquere die Straße, gehe wieder zurück, auch an der nächsten Ecke gibt es nichts für mich, nur weitere Häuser und weitere Shops. Ich komm mir dumm und beobachtet vor, mit meinem seltsamen Benehmen. Ich eile zurück ins Hotel und leg mich aufs Bett und zappe durch die TV-Kanäle und warte bis es Abend wird, um irgendwo zu essen.

So waren sie, meine ersten 24 Stunden als R.´s persönliches Mädchen.

Fortsetzung folgt. Nächsten Freitag. Jeden Freitag.

Link zur Englischen Originalfassung: auf Girl Friday – the Book of Bad 02.  Martini Memories klicken.

Artwork: Gabbi Werner

Übersetzung ins Deutsche: Manfred Sax

2 Kommentare »

  • saxo sagt:

    ist es nicht schön? die sehnsucht, dieses geheime wissen, dass die lösung im vollkommenen, im schönen, im perfekten liegt.
    und
    ist es nicht traurig? dass das erlauben, das zulassen, das hingeben so leicht langeweile sein kann?

    alles liebe

    • gabbi werner sagt:

      danke dir, saxo, das sind schöne worte, und wahre worte! alles liebe gabbi

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