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Gabbi WernerGirl Friday – Buch des Bösen 01. Wunschlos

Von | 29.03.2013, 9:00 | Kein Kommentar

Vor ungefähr drei Jahren buchte ich ein Hotelzimmer. Für mich und meine Liebe. Ich weiß, was Du jetzt denkst, aber …

Willkommen. Zu Geschichten aus vielen Hotelzimmern. Ich erzählte sie einem Mann, der nicht schlafen konnte. Ein Business-Deal. Er zahlte für meine Worte. Hier sind sie.

*

Hotel, Zimmer 01. Wunschlosigkeit

„Vor drei Jahren buchte ich ein Hotelzimmer, für mich und meine Liebe. Ich weiß, was Du jetzt denkst, aber … nein, ich meine nicht jene fleischliche Wunschlosigkeit, die Dich da anmacht. Das Glücksgefühl, das ich erlebte, ist was Anderes.

Um zwei Uhr Nachmittag kam ich ins Park Hotel in Den Haag.

Zunächst schien alles schrecklich falsch zu laufen. Ich hatte ausdrücklich um ein Zimmer mit Bad gebeten. Das Hotelpersonal aber wollte mich überzeugen, dass ein Zimmer mit Dusche reichen würde.

Würde es natürlich nicht.

Das Glücksgefühl setzte in dem Moment ein, als ich mein Zimmer mit Bad ausdrücklich verlangte und es bekam. Meine Liebe würde erst nachts eintreffen, also hatte ich Stunden nur für mich.

Am wichtigsten war das Bad. Mit Schaum. Das Badezimmer war größer als das Schlafzimmer, gut 25 Quadratmeter. Boden wie Wände aus weißgrauem Marmor. Mit Ausnahme von vier weißen Handtüchern, drei Flaschen Badeschaum, Shampoo und Body Lotion war das Badezimmer komplett leer. Das eine verfügbare Licht kam von einer grünlichen Neonlampe über einem der Spiegel. Die Atmosphäre war erstarrt.

Als ich mich langsam in die Wanne sinken ließ – nachdem ich sie mit heißem Wasser gefüllt hatte, das muss nicht extra erwähnt werden – überkam mich das Gefühl, in einem Leichenhaus zu liegen. Es war eisig, kalt, desolat, unpersönlich. Totale Stille. Das eine Geräusch, das mir gelegentlich bewusst wurde, war jenes vom heißen Wasser, das in die Wanne floss. Ich fühlte mich tot. Nicht schlecht tot, mehr wie im Wartezimmer zum Leben nach dem Tod.

Nach Monaten und Wochen und Tagen aus Chaos und harter Arbeit entpuppte sich diese vollkommene Absenz von Stimuli als die eine Stimulanz, die mich glücklich machte.

Ehe ich das Hotel betrat, hatte ich mir im Stadtzentrum noch eine kleine Box sehr teurer Schokolade gekauft.

Nach zwei Stunden eines Bades, das daraus bestand, kaltes Wasser aus – und heißes Wasser plus etwas mehr Badeschaum einzulassen, mein Haar zu waschen, meine Beine zu rasieren und noch einmal heißes Wasser einzulassen, machte ich mir eine Tasse Tee und legte mich aufs Bett. Es war eine typisch luxuriöse Businesshotel Art von Bett. Saubere Tücher, zwei Kästchen mit identischen Lampen beiderseits des Bettes – und natürlich die obligate Bibel.

Ich hatte alle Vorhänge zugezogen, sobald ich das Zimmer betreten hatte. Es gab kein weiteres Licht im Zimmer, nur das gruselig grüne Licht aus dem Bad, der grauen Leichenhalle. Ich lag am Bett, zwang mich manchmal zu einer Entscheidung, welche der verschiedenen Schokopralinen ich als nächste in meinen Mund stecken sollte.

Das war alles was war, vom Gedanken abgesehen, dass ich nie zuvor in meinem Leben einen besseren Kauf getätigt hatte als diese vier Stunden des perfekten Nichts. Und so beschloss ich, in Zukunft mehr Geld für einsame Hotelzimmer auszugeben …“

*

Er seufzt: „Du wärst also gern tot?“

„Nein, ich mag es sehr, am Leben zu sein, nur manchmal hab ich den Drang, aus mir zu verschwinden, mich zu vermeiden, meine Vergangenheit, meine Zukunft.“

Ich komme mir dumm vor, ihm das laut zu sagen. Aber er lächelt.

„Kann ich auch eine Zigarette haben?“

„Ich dachte, Sie wären Nichtraucher.“

„Bin ich auch, aber vielleicht ist dies der kleine Tod, den ich mir gebe.“

Ich geb ihm eine Zigarette, zünde sie für ihn an.

„Hat Ihnen meine Geschichte gefallen, sind Sie entspannt?“

„Ein wenig, aber sie war etwas kurz. Erzähl mir noch eine.“

Fortsetzung folgt. Nächsten Freitag. Jeden Freitag.

Link zur englischen Originalfassung: auf Girl Friday – the Book of Bad 01. Bliss klicken.

Artwork: Gabbi Werner

Übersetzung ins Deutsche: Manfred Sax

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