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Daniela KrammerDas Unbehagen mit der PC-Sprachpolizei

Von | 21.03.2013, 15:34 | Ein Kommentar

Wie BigBrother ist PC? Darf man klassische Worte je nach Zeitgeist ändern? Gesucht: eine moralische Korrektheit, die der politischen Korrektheit gegenüber steht.

Da gibt es Kinderbücher, die von allen Kindern meiner Generation gelesen wurden, und die wir dann unseren Kindern wieder vorgelesen haben. „Pippi Langstrumpf“, „Räuber Hotzenplotz“, „Die kleine Hexe“, „Jim Knopf“. Herrlich harmlose Literatur, wo es um die Freiheit geht, um Freundschaft, um den eigenen Weg.

Das kann doch nur gut sein, so was seinen Kindern auch zu vermitteln. Und zwar nicht nur jene Teile, die irgendwann verfilmt wurden, sondern per allabendlichem Vorlesen. Schließlich haben wir ja auch eingeimpft bekommen, dass das Vorlesen wahnsinnig wichtig ist, weil die Kinder sonst nicht gerne/leicht/begeistert lesen lernen und wir wollen doch gute Eltern sein.

Mein Mann und ich waren sensationell gute Eltern, wir wetteiferten begeistert darin, wer länger und besser in verteilten Rollen vorlesen darf. Mit dem Resultat, dass beide Söhne es vorziehen, sich vorlesen zu lassen statt selber zu lesen. Nur so nebenbei. Also: Vorlesen ist gut.

Aber jetzt wird’s schwierig, weil man nämlich draufgekommen ist, dass da böse Worte verwendet werden. Worte, die heute nicht mehr benutzt werden dürfen. Worte, die ausgrenzen, abwerten, verletzen. Also, nicht so was wie: Alle Leute vom Balkan sind halt gewalttätig. Sondern so was wie: Die Kinder verkleideten sich als Neger, Zigeuner und Eskimos.

„Das wird wohl ein kleiner Neger sein …“

Ich muss gestehen, ich hab meinen Kindern das einfach so vorgelesen. Aber es gibt Menschen, die sind da sehr sensibilisiert drauf, die stocken dann beim Lesen und suchen politisch korrekte Begriffe. Habe ich jetzt meinen Kindern unterschwellig rassistische Werte beigebracht, weil ich bei Jim Knopf einfach vorgelesen hab, was drinnen steht? („ Ein Baby, ein schwarzes Baby“. – „Das wird wohl ein kleiner Neger sein“, sagte Herr…) Naja, der Jim ist am Ende der Geschichte ein Prinz und im Grunde die ganze Zeit der Held. Sehr rassistisch ist mir das nicht vorgekommen. Auch jetzt noch immer nicht.

Falle ich auf den Spin der FPÖ rein, wie Michel Reimon mir auf Facebook vorwarf?  

Es gibt großartige zeitgenössische Kinder -und Jugendliteratur, in der selbstverständlich keine dieser Worte mehr verwendet werden. Sie sind ein Abbild unserer Zeit, und die nächsten 20 Jahre werden uns lehren, ob wir dann auch alle Begriffe, die wir heute als selbstverständlich ansehen, von den Nachgeborenen noch genauso gesehen werden. Aber wo führt es hin, wenn wir anfangen, historische Literatur aus ihrem Kontext zu reißen und umzuschreiben? Wo endet denn dann die persönliche Betroffenheit?

In zeitgenössischer Jugendliteratur ist mir immer wieder ein Typ aufgefallen, der sich wahnsinnig wichtig macht und ein bisserl übergewichtig und der Chef irgendeiner Bande ist, der am Ende aber blamiert wird von einem kleinen sympathischen Kerl, der sich nach oben kämpft. Darf ein pummeliger Bub sich davon auch betroffen fühlen? Werden wir das auch umschreiben? Welche Geschichten darf man denn dann noch schreiben?

Oder Opern: die Zauberflöte muss ohne Mohr auskommen? Aber ist es denn opportun, überhaupt jemanden in dienender Position darzustellen? Wen darf man denn noch in die Position des Dieners schreiben? Keine Angehörigen einer Minderheit, keine dunkelhäutigen, keine Homosexuelle oder Eunuchen, Frauen sowieso nicht. Wo endet das?

Es gibt einen Umgang mit den Worten im Hier und Jetzt, und es gibt einen geschichtlichen Kontext. Ich finde es wahnsinnig wichtig, genau diesen geschichtlichen Kontext niemals zu vergessen. Aber wie sollen wir uns daran erinnern, dass es so war, wenn diese Sprache verschwinden muss?

Wie Großer Bruder ist PC?

Im Klassiker „1984“ von George Orwell wird im Wahrheitsministerium die Historie permanent umgeschrieben. Jede einzelne Aufzeichnung wird andauernd durchforstet nach der Stimmigkeit mit der jetzt gültigen Wahrheit. Das erspart natürlich das eigene Denken. Was natürlich im Interesse des Großen Bruders liegt. Nur nicht selber denken, denn das ist gefährlich, der Große Bruder weiß, was richtig und gut für dich ist.

Aber was kann unser Hirn schon anderes als Denken, und Nach-denken – im Sinne von Hinterher-Denken – führt doch immer zu Rebellion. Wenn wir denken, mit der Korrektur dieser Bös-Wort in eine uns genehme Sprache wäre die Gesellschaft „gut“ gemacht, lügen wir uns doch so was von in die Tasche. Wenn Jugendliche sich freundschaftlich beschimpfen, nennen sie einander heute Opfer, Jude, Aggro, Pole, Türke, … weil sie alle rassistisch unterwandert sind? Oder weil sie sich halt abgrenzen wollen und genau jene Worte verwenden, die bei den Erwachsenen so verpönt sind?

Ich wünsche mir einen angemessenen Umgang, eine moralische Korrektheit, die der politischen Korrektheit gegenübersteht. Ein Bewahren von großartiger Literatur von Titanen wie Astrid Lindgren, Michael Ende und Otfried Preußler mit begleitender, ergänzender Pädagogik. Als Grundlage im Deutsch -Unterricht zu philosophischem Denken. Und nicht geglättet und gleichgemacht als langweilige Pflichtlektüre.

Wie gehe ich hier und jetzt mit dem Wort um? Wie viel und welche Sprache verwende ich im Umgang mit meinen Kindern? Die Antwort zu diesen Fragen führt uns eher zu einer freien und offenen Gesellschaft als das Herumwerken in großartiger Literatur. Ich stelle mir gerade vor, wie das wohl wäre, wenn Engländer plötzlich anfingen, Shakespeare mit der Brille der politischen Korrektheit zu durchforsten. Haben sich die Dänen noch nie darüber aufgeregt, dass diese blutrünstige Geschichte in Dänemark spielt?

Darf man einen Othello überhaupt noch aufführen?

Foto: 1984, Ozeania in DDC by Abode of Chaos, Lizenz: CC BY 2.0

Ein Kommentar »

  • FNF sagt:

    pc ist ja die real existierende implementation der newspeak, „angemessen“ ist übrigens das pc-wort schlechthin.
    aber man kann das ganze auch von der heiteren seite nehmen, mein abs fav disebezüglich die kreation von fb-user „udo symbiont ziegenzottel“: „es heißt nicht mehr wichser, sondern single mit masturbationshintergrund“.

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