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Das Mädchen Ikran & das Asyl

Von | 30.12.2012, 18:02 | 2 Kommentare

Sie geriet vor zehn Jahren in die Welt, und seit sie denken kann, weiß sie, dass keiner sie will. Gestatten: Ikran, Asylwerberin.

Alle Fotos: Purple Sheep

Das Mädchen zum Foto heißt Ikran, sie ist zehn Jahre alt und seit fünf Jahren in Österreich, und ehe du jetzt kraft des ersten Eindrucks – Hautfarbe, Kopftuch – gleich wieder wegsurfst, hier ein paar Details: Ikran spricht hervorragend deutsch, in der Schule hat sie „lauter Einser“ (Ikran), bis auf Mathe, da reichte es nur zu einem Zweier. Sie hat Träume, sie will Ärztin werden. Kinderärztin, weil da „weniger Blut“ im Spiel ist.

Ich hab Ikran bei einem Fest des Vereins Purple Sheep im „Freunde schützen“-Haus in Meidling kennen gelernt, dort wohnen im Schnitt 15 bis 22 Familien, die Gemeinsames im Nenner haben, sie sind unbescholten und bestens integriert und haben eine langjährige Geschichte als Asylwerber, und natürlich ist Angst ihr ständiger Begleiter, jeden Tag kann die Fremdenpolizei anklopfen und jemanden holen und in den Flieger stecken, retour ins Land, aus dem sie geflohen sind.

Die Familien kommen aus Tschetschenien, Armenien, Kosovo, Sudan, Georgien und so weiter, von überall, wo die Welt am Kopf steht.

Ikran kam vor fünf Jahren aus Somalia, zusammen mit Bruder und Mutter. Sie kam mit Knochen-TBC, das kriegte man weg, wenn auch erst nach einem Luftröhrenschnitt und zwei Monaten Koma. Andere Wunden blieben, zum Beispiel die eine, die immer zu Festtagen hoch kommt, sie hat einen Wunsch, aus dem nie was wird, sie hätte gern einen Freund oder eine Freundin, sagt sie.

Sie lässt sich einiges einfallen, um sowas zu kriegen, in der Schule stellt sie sich um Molke an, obwohl die schwerer zu bekommen ist als Schulmilch. Hätte sie Molke, meint sie, dann könnte sie den Drink einer/m KlassenkollegIn schenken und wer weiß, vielleicht wär das der Beginn einer Freundschaft.

Geklappt hat es noch nicht, in der Schule redet niemand mit ihr, die Hautfarbe und das Kopftuch, wie gesagt, Kinder lernen schnell, wie ihre Eltern zu sein.

Wär ihre Welt eine bessere, hätte sie das Problem mit der Einsamkeit nicht, Ikran hatte mal elf Geschwister, neun sind heute tot, umgebracht wie der Vater. Ein Bruder, der ist siebzehn, steckt irgendwo in Kenia. Bleibt der kleine Bruder Ahmed. Und die Mutter, die macht einen umwerfend warmherzigen Eindruck, man sieht ihr nicht an, dass in ihrem Kopf noch eine Kugel steckt und in den Eingeweiden die Pein ob der Verluste.

So sieht das aus, mit den Augen von Ikran gesehen, du kommst auf die Welt, und kaum kannst du denken, kriegst du auch schon mit, dass keiner dich will. Dann schaffst du es ins zivile Österreich – wo dir langsam dämmert, dass sich gewisse Dinge nicht ändern, die Obrigkeit schikaniert dich erneut, die Angst ist weiterhin omnipräsent wie auch dieses elende Gefühl, nicht erwünscht zu sein, egal, wie gut du in der Schule bist, egal, welch Ärztin in dir wohnt.

*

Alle Bewohner des „Freunde schützen“-Hauses können ähnliche Geschichten erzählen, Xue (30) aus China ebenso wie Valbone (38) aus Kosovo oder die vierfache Mutter Heda (29) aus Tschetschenien, da gibt es keine Ausnahmen. Und alle erzählen es in gutem Deutsch, sie sind schon so lange hier, und sie warten. Und warten. Auf eine Antwort zum Antrag. Die nicht kommen will. Das hat Methode.

Eine „menschenwürdig“ zu nennende Immigrationspolitik gibt es in ganz Europa nicht, bist du mal am Kontinent, bleibt nur die Asylschiene. Das heißt, du bist gleich einmal illegal und stellst einen Antrag, der wird abgelehnt, du stellst einen zweiten Antrag – und dann wird die Sache hier spezifisch österreichisch, meint Rechtsberaterin – und Mitbegründerin des Vereins Purple Sheep – Karin Klaric: „Wenn die Flüchtlinge mal in Europa sind, ist dort der Umgang mit ihnen humaner. Österreich aber ist rechtlich ein Vorreiter in Fremdenfeindlichkeit.“ Heißt im Kern: Das Rechtsverfahren wird Jahre hinausgezögert, und solange der zweite Antrag nicht behandelt wird, kann die Fremdenpolizei trotzdem kommen und die Antragsteller abschieben. Wie sie das macht, wissen wir – von unlängst bei der Votivkirche, von Arigona, von der Familie Komani, vom Fall Sans Papier, von unzähligen Episoden: in aller Kaltschnäuzigkeit und Würdelosigkeit und Menschenverachtung. Als wären diese Leute Sklaven. Wer braucht das?

*

Somit zum Verein Purple Sheep. Der wurde vor zwei Jahren ins Leben gerufen, es gibt Leute wie Karin Klaric und Kurosch Allahyari, die ob der Zustände nicht nur zuschauen oder Facebook-posten wollten. Das „Freunde schützen“-Haus wurde ihnen vom Immobilientreuhänder Hans Jörg Ulreich zur Verfügung gestellt, nachdem dessen 9jähriger Sohn mal von einem Fußballmatch mit der Hiobsbotschaft nach Hause kam, dass der beste Kicker der Mannschaft plötzlich nicht mehr da sei – er war abgeschoben worden, einfach so aus seiner Gemeinschaft gerissen, seiner sozialen Identität beraubt.

Bei Purple Sheep passieren feine Sachen, die Asylwerber haben ein Dach über dem Kopf, sie lernen, dass es in diesem Land auch menschliche Wärme gibt, sie tauschen einander aus, sie erwerben ein erstes Minimum an Selbstwertgefühl, sie schöpfen Hoffnung.

Sie sind endlich Menschen.

Der Verein ist unabhängig, öffentliche Gelder gibt es nicht, es gibt viel zu tun, die Behörden müssen dazu gebracht werden, die Gesetze einzuhalten, die Gesetze müssen außerdem verbessert werden. Es mangelt an allem, dein Besuch ist hochwillkommen, deine Unterstützung wär ein Hammer. Mädchen wie Ikran haben immens was zu geben, man muss sie nur lassen. Und wenn du sie mal kennst, verschwindet das Fremde. Da ist nur noch ein fabelhafter Mensch.

Reichen dir die Zustände? Hast du fürs Neue Jahr schon Vorsatz? „Erheben, immer und immer wieder“, sag ich, „bis aus Lämmern Löwen werden.“ Und aus lila Schafen Menschen mit Rechten.

Spenden- und Vereins-Konto
Bank: Erste Bank der oesterreichischen Sparkassen AG
Ktnr: 28438941208
BLZ: 20111
IBAN: AT15 2011 1284 3894 1208
BIC: GIBAATWW

http://www.purplesheep.at/

 

 

2 Kommentare »

  • saxo sagt:

    ich hoffe, die reisegutscheine sind schon verlost. dann würde ich nämlcih jetzt überweisen.
    fühlt sich irgendwie total schräg an, dass man mit reisegutscheinen zum spenden verführt werden soll. auch, wenns vom reisebüro ein netter schritt ist. aber vielleicht sollten die den gegenwert der gutscheine einfach auch überweisen. ich hab ja schon die erfahrung gemacht, dass die menschen gerne helfen wollen…wenns leicht geht.
    herzlichst

    • Manfred Sax sagt:

      Wenn Du auf die roten Kontoziffern klickst, saxo, gerätst Du auf die PS-Seite mit dem einfachsten aller Überweisungswege, wurde mir versichert. Und: danke!

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