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Der unabsichtliche Black Power Hero

Von | 01.07.2012, 20:04 | Kein Kommentar

Mario Balotelli oder: Es gibt Dinge, die können nur passieren, wenn dir bei einem Mann zunächst die Hautfarbe ins Auge fällt.

Mario Balotelli@work in Euro 2012 by football.ua, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Mario Balotelli hatte seinen großen Auftritt kaum hinter sich, schon wurde er wieder einkassiert. Diesmal von der politisch-korrekten Front. In der deutschen TAZ widmete sich ein Autor namens Georg Seesslen seinem großen Moment.

Ja, die Pose. Zugegeben, sie war stark und gab anderntags auf den Sportseiten mächtig was her, der Italiener hat ein imposantes Sixpack. Aber über die Maßen ungewöhnlich war sie nicht. Profikicker machen das eben. Wenn ihnen ein besonders wichtiges oder wuchtiges oder anderswie Aufsehen erregendes Tor gelingt und sie momentan verblüfft vom eigenen Genie sind, dann erstarren sie in die Pose – ohne zu lächeln, das ist wichtig.

In England taufte man die Pose einst „The Cantona“, der französische Fußballer dazu gilt als Urheber dieses jubelfreien Torjubels (wenn auch ohne entblößten Torso, dafür war er zu fett), er würdigte damit einen Geniestreich, der seinerzeit auch zum Tor des Jahres gewählt wurde. Seither machen es viele. Balotelli selbst hat es zuvor auch schon gemacht, zuletzt nach einem Doppelpack gegen ManU (nur trug er darunter ein Leiberl mit der Legende „Warum Immer Ich“). Die Pose ist die keineswegs unübliche Würdigung eines besonders guten Treffers, aber der TAZ-Schreiber reduzierte sie auf seine persönliche Vision: Er sah gleich mal schwarz.

Sollten Sie von der Fußballszene null Ahnung haben: Mario Balotelli ist nicht nur ein junger Mann, nicht nur ein Fußball spielender Italiener, er ist auch schwarz. Weil das von Erwähnung des Namens allein nicht ablesbar ist, hat ihn Seesslen im Vorspann als Mario Barwuah Balotelli vorgestellt (ad hoc: Wenn du die Stirn hast, Balotelli mit „Barwuah“ anzusprechen, wird er dir wahrscheinlich eine knallen, aber davon weiter unten).

Für den TAZ-Mann stand also ein Schwarzer am Rasen, somit gleich mal „ein Held, zweifellos“, dessen Pose nichts anderes war als „die Geste des stolzen Sklaven … die klarmacht, dass die Ketten zerbrochen werden.“

Allerhand. Sein „Barwuah“, der später in den Interviews nur vom glücklichsten Moment seines Lebens sprach, war plötzlich ein „großer Mensch“, der sich allein per starker Geste gegen Italiens Rassismus stemmte. Black Power, Leute! Bilder des legendären Saluts der siegreichen amerikanischen Sprinter Tommie Smith und John Carlos anlässlich der Olympischen Spiele 1968 werden wach, die den Moment ihres großen Triumphes zur machtvollen politischen Demonstration gestalteten. Nur hinkt der Vergleich. Die Geste der US-Sprinter war eine bewusste Aktion von Männern, Balotellis Pose die instinktive Reaktion eines Boys, dem alle ihm Wohlgesinnten wünschen, dass er endlich erwachsen wird – ohne ihm dabei allzu eifrig zu assistieren.

Die Geschichte des Mario Balotelli ist weniger der Knüller „Allein gegen die Rassisten“, sie ist noch immer die des 1990 in Palermo geborenen Immigrantensohnes Mario, dessen biologische Eltern Thomas und Rose Barwuah ihn zweijährig zur Adoption freigaben. Ein Umstand, den er nie verarbeitete, nie verzeihen konnte. Die biologischen Eltern kriegen nie Tickets zu seinen Spielen, noch erreichen sie Karten zu Weihnachten. Die „Mutter“, der er vergangenen Donnerstag seine Tore widmete, war die Pflegemutter Silvia Balotelli.

Die Geschichte des Mario Balotelli ist vor allem jene widerliche des profitgetriebenen Fußballs, die dem Boy 200 000 Euro Taschengeld pro Woche auf „amüsier dich“ in die Hand drückt und ihn abseits des Fußballs sich selbst überlässt. Seine „Bubenstreiche“ sind großartiger Lesestoff. Kauft sich am ersten Tag in Manchester einen Maserati. Fährt den Hobel am zweiten Tag zu Schrott. Kauft sich ein Haus. Zündet es per Feuerwerk an. Es gibt viele solcher Geschichten und bezeichnend ist, dass seine Teamkollegen nie dabei sind. Der Boy, den seine Eltern „verstießen“ (Balotelli), ist privat im fremden Manchester auf sich allein gestellt, die Pflegeeltern leben in Italien. Und wenn erkorene Vaterfiguren wie Manchester-Coach Roberto Mancini ihn mal – aus disziplinären Gründen, was sonst – mit den Junioren trainieren lässt, schießt er mit Darts-Pfeilen auf die Buben. Das alles kann man zwar nun unter „Bubenstreiche“ verbuchen. Aber du musst kein Psychologe sein, um derlei Exzesse als Hilfeschreie zu verstehen.

In Italien-Coach Cesare Prandelli scheint er nun wieder eine Vaterfigur gefunden zu haben. Prandelli selbst ist überzeugt, Balotelli sei in den vergangenen drei Wochen zu einem Mann mit entsprechendem Verantwortungsbewusstsein gereift. Zu wünschen wäre es ihm. Aber die Befürchtung, Mario Balotelli sei ein Unfall, der nur darauf wartet zu passieren, ist nicht von der Hand zu weisen. Black Power Hero, my ass. Ist auch nur eine weitere Ausbeutung, die er nicht braucht. Gib ihm ein paar Menschen, die ihn einfach nur mögen, weil er Mario ist.

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