Jetztzeit

Reality-Check: die Gegenwart in Wort und Bild

Netzzeit

Geschichten aus dem Leben mit dem Netz

Sexklinik

Alle Zeit bereit: Quality Time zum Thema Nummer Eins

Auszeit

Kultur & Freiheit: Doping zur Bewältigung des Alltags

Denkzeit

Die Welt ist kompliziert. Reden wir darüber

Sie sind hier: Home » Alexander-Platz » Frauenquote: Irgendwie anders
Share

Frauenquote: Irgendwie anders

Von | 27.06.2012, 12:43 | Kein Kommentar

Die Diskussion um eine Frauenquote in deutschen Medien nimmt groteske Züge an. Und nebenbei wird so der Kampf um Frauenrechte auf eine Miniatur seiner selbst zusammengeschnurrt.

Vor zwei Wochen saß ich auf dem Panel des Mainzer Mediendisputs. Schauplatz: die Landesvertretung von Rheinland-Pfalz in Berlin. Moderator: Thomas Leif. Thema: die Frauenquote in journalistischen Berufen. Dazu hatte ich in den Wochen zuvor ein Editorial publiziert. Als Gegner der Quote. Oder genauer: Als Gegner der Argumente, die die Befürworter der Quote ins Felde führen. Denn wenn die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender und Rundfunkanstalten aus Gründen ihrer gesellschaftlichen Relevanz und ihrer Finanzierung aus Geldern von Gebührenzahlern einen Geschlechterproporz einführen möchten, dann können sie das freilich. Nur begründet werden die Vorstöße in die Richtung nicht auf diese Weise, sondern mit anderen, diffusen Argumenten. Dazu später mehr.

Alles beginnt schon mit dem Begriff der Quote. Eine Quote braucht man, um gesellschaftlich am Rand stehende Gruppen in definierter und festgelegter Weise einzubeziehen. Wie marginalisiert sind Frauen in unserer Gesellschaft? Brauchen Frauen eine Form von Quote wie Menschen mit Zuwanderungsgeschichte oder wie Menschen mit Behinderungen? Nein. Frauen sind keine Minderheit. Es gibt mehr Frauen in Deutschland als Männer. Und es gibt im Journalismus viele gute und selbstbewusste Kolleginnen, die ich sowohl beim ZDF als auch beim SWR kennengelernt habe, als Redaktionsleiterinnen, als Schlussredakteurinnen der Nachrichtensendungen oder als Moderatorinnen. Sie waren alle richtig auf ihrem Posten, gute Journalistinnen. Solche Kolleginnen bekommen ihren Job wegen ihrer Qualifikation, nicht wegen ihres Geschlechts.

Der, der gegen die Quote ist

Meine Aufgabe auf dem Panel war nicht auf diese Differenzierung angelegt: Ich sollte der sein, der gegen die Quote ist. Die vier weiteren TeilnehmerInnen der Diskussion waren für die Quote: die Chefredakteurin des Deutschlandfunks, Birgit Wentzien, die Chefredakteurin der Deutschen Welle, Dagmar Engel, eine Kollegin des „Spiegel“, Elke Schmitter, und der Herausgeber der Wochenzeitung „Der Freitag“, Jakob Augstein.

Zu Beginn der Veranstaltung durften die Aktivistinnen von ProQuote den Saal befragen, wer für die Quote sei. Rund 60 Prozent der anwesenden hoben die Hand, vielleicht waren es auch 65. ProQuote setzt sich dafür ein, dass im Journalismus künftig mindestens 30 Prozent der Führungspositionen mit Frauen besetzt sein sollten.

Mit Raffinesse verhöhnt

Die Veranstaltung nahm Fahrt auf, als Jakob Augstein sagte, dass es doch über das Thema eigentlich nichts zu diskutieren gäbe. Es wäre klar. Man muss für die Quote sein. Damit hat der Macher von „Der Freitag“ einmal mehr und eindrücklich zur Schau gestellt, wie im linken Spektrum argumentiert wird: Wer nicht für uns ist, der kann nur dumm sein. Es ist der Beginn der Entmenschlichung des Anderen. Denn wenn er dumm ist, dann muss man ihn auch nicht zu voll nehmen. Wenn er nicht voll zu nehmen ist, braucht man ihm auch nicht zuzuhören. Da spielt es keine Rolle, dass im Publikum circa 35 Prozent der Anwesenden nicht für die Quote waren.

Auf dem Panel stand es vier zu eins. Wenn das der repräsentative gesellschaftliche Schnitt wäre, dann würde es doch passen. Dann wäre es angemessen, der Minderheit, in dem Fall vertreten durch mich, Gehör zu schenken. Dem war nicht so. Nicht auf der Veranstaltung, auch nicht in der Berichterstattung tags darauf: „taz“ und„Tagesspiegel“ nahmen meinen Namen nur ungern in den Mund, in der „Süddeutschen“ wurde ich mit besonderer Raffinesse verhöhnt: Die Kollegin, Frau Friederike Grasshoff, nannte mich einen „Pausenclown“ und einen „Pfälzer“. Da der Unterschied zwischen Rheinhessen und Pfälzer all jene zwischen Mann und Frau übertrifft, musste ich eine Korrektur des Textes an dieser Stelle bei den Kollegen von „Süddeutsche Online“ erbitten.

Nicht empirisch

Die Kolleginnen auf dem Panel haben vor allem ihre Biografie in die Argumentation einbezogen. Das ist natürlich in Ordnung, aber nicht empirisch. Empirisch ist sicher belegt, dass derzeit auf den Chefsesseln, beispielsweise der öffentlich-rechtlichen Anstalten, mehr Männer als Frauen sitzen. Das liegt vielleicht auch daran, dass dort Positionen quasi auf Lebenszeit vergeben sind, wer einmal auf der Chefebene angekommen ist, der verlässt sie nicht mehr. Da ist es schwer für neue Aspirantinnen und Aspiranten.

Ich meine, vieles an dem Problem wird sich demografisch lösen, wofür ich beim Mediendisput auf dem Panel heftig Widerspruch erntete. Die Zahlen sprechen aber für diese These: Es gibt mehr Hochschulabsolventinnen als -absolventen (nahezu überall die Voraussetzung, um festangestellt journalistisch arbeiten zu können), bei den Bewerbungen an den Journalistenschulen liegen die Frauen vorne.

Natürlich ist es richtig, dass Kolleginnen in den vorangegangenen Jahrzehnten es schwerer hatten, in eine Führungsfunktion zu gelangen, als heute. Über diese Lebenszeugnisse müssen wir in den Redaktionen sprechen. Hier lernen die jungen von den älteren Kolleginnen. Nachfragen, das Verstehen von Gründen sollte im Kerninteresse des journalistischen Arbeitens stehen – auch bei Themen, die uns JournalistInnen selbst betreffen. Die Kolleginnen auf dem Panel haben glaubhafte Zeugnisse abgelegt, aber nicht zwingend valide empirische Befunde. Das müssen sie an der Stelle auch nicht sein. Einen Mangel muss man nicht beheben, nur weil er ein bestimmtes arithmetisches Mittel überschritten hat.

Der Kampf als Miniatur seiner selbst

Leider fehlt den Diskussionen um die Frauenquote in den Redaktionen oft diese Empirie. Das Problem ist, dass aber am liebsten mit dieser Empirie argumentiert wird, was aber nicht zu dem Fortgang der Diskussion passte, im Allgemeinen und auch beim Mainzer Mediendisput im Besonderen: Die eine Kollegin sagte, dass, seit sie Chefin ist, die Konferenzen im Haus kürzer seien. Die andere sagte, dass sie sicher etwas anders führe als Männer.

Wenn die Frauenquote in deutschen Redaktionsstuben nur dafür sorgt, dass die Sitzungen fünf Minuten kürzer sind, was ist dann gewonnen? Der Kampf um mehr Frauenrechte ist dann nur auf die Miniatur ihrer selbst zusammengeschnurrt. Kein Journalist, ob Frau oder Mann, kann das wollen.

Foto: audreyjm529, Lizenz: CC BY 2.0

Kommentare sind geschlossen.

ZiB21 sind: unsere Blogger