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Eure Freiheit kotzt mich an!

Von | 23.06.2012, 8:34 | 10 Kommentare

Im Sommer könnte meine Stadt der beste Ort der Welt sein. Nur leider sind zu viele Autos darin. Und Menschen, die ihre Autos als Instrument der Freiheit missverstehen.

Pünktlich mit dem Sommer kommt auch der Frust. Es reicht. Die Stadt. Der Dreck. Die Leute. Und natürlich vor allem: die Autos der Leute überall, die einem in der Hitze noch näher wirken, als einem sonst schon angenehm ist.

Und dann das alles auch noch in einer Stadt, in der das Auto als heilige Kuh gilt, und – wie die hiesige Stadtzeitung zusammen fasst – nun auch von der Opposition angewandt wird, um die rotgrüne Koalition zu schlachten. Diese hat sich nämlich entschlossen, in mehreren Stadtbezirken (konkret: den äußeren) ebenfalls Gebühren von jenen zu kassieren, die mit ihren Wägen öffentlichen Raum vollzustellen gedenken.

Das, so sagt die Opposition, geht nicht. Das ist ein Eingriff ins vermeintliche Menschenrecht auf motorisierten Individualverkehr. Das dürfen doch um Gotteswillen keine Grünen mit entscheiden. Da muss ein Volksentscheid her, direkte Demokratie für Führerscheinbesitzer, jawoll!

Warum ich hier dieses glücklose Stück Lokalpolitik nacherzähle?

Ganz einfach: Weil es mich anekelt. Weil hier alles verkehrt ist: Die Kampagne gegen eine verkehrspolitische Maßnahme mit Steuerungseffekt kommt als Plädoyer für mehr Mitbestimmung des Volkes daher. Und das Mittel zum Zweck ist obendrein das Automobil mit all der ihm anhaftenden Symbolik: Individualität, Mobilität und – natürlich – Freiheit.

Sagen wir es so: Dieser Freiheitsbegriff stammt aus dem tiefsten 20. Jahrhundert. Als Menschen die Landschaft zersiedelten und lokale Infrastruktur zerstörten, weil sie nicht zu Fuß zum Fleischhauer, sondern mit dem Auto zum Supermarkt hinter der Ortstafel fuhren. Und als der Führerschein das einzige Dokument war, das einen zuverlässig zum Erwachsenen stempelte.

Mag sein, dass dieser Freiheitsbegriff noch immer die meisten Anhänger hat. Und mag schon sein, dass wir in der Stadt ganz andere Probleme haben als die am Land und leicht auf Autos verzichten können – doch ich kann es nicht mehr hören, wenn sich jemand in seinem Leben eingeschränkt fühlt, weil er seinen Wagen nicht mehr gratis abstellen darf.

Wenn schon Freiheit, warum dann nicht zur Abwechslung einmal so: Als Freiheit zu arbeiten, die einem eine Zugfahrt beschert. Als Freiheit, in halbwegs gesunder und sauberer Umgebung zu leben? Oder als Freiheit, seine Kinder ohne Sorge von der Schule nach Hause gehen zu lassen?

Ich weiß, was ihr mir jetzt sagen wollte: Dort wo ihr wohnt, fährt kein Zug hin. Wenn ihr gesunde Luft wollt, fahrt ihr aufs Land. Und die Schule liegt am anderen Ende der Stadt: Es ist viel zu gefährlich, die Kinder allein dorthin zu schicken. Viel zu viele Autos auf viel zu gefährlichen Kreuzungen.

Foto: Douglas Sprott, Lizenz: CC BY NC 2.0

10 Kommentare »

  • samot sagt:

    Ich frag mich ja immer warum eine kleine Minderheit versucht der Mehrheit ihre Meinung aufzudrücken. Wer sagt eigentlich das es für die Allgemeinheit besser ist, wenn es in Wien keine Autos gibt? Klar gibt es einige Vorteile, aber auch nur solange man sich nicht aus der Stadt hinausbewegt. Im Sommer ist es besonders lustig, vor allem in den nicht klimatisierten Schnell und Regionalbahnen…

    Die Grünen haben sowieso bei mir jeden Kredit verspielt. Seitdem sie zugelassen haben das die Studententarife der Wiener Linien angehoben werden, nur damit die Pensionisten billiger fahren dürfen. Ich muss mir das jetzt mal durchrechnen, aber es kann sein das es für mich bald billiger ist mit dem Auto nach Wien auf die Uni zu fahren.

    • Frank sagt:

      Wer sagt denn dass es GAR KEINE Autos mehr geben soll. Es sollte aber sehr sehr viel weniger geben, vor allem für den Individualverkehr. Dafür soll man Car-Sharing Autos benutzen.

      Und das schlimmste sind gar nicht so sher die fahrenden Autos sondern die stehen. Und es ist schon gar nicht einzusehen, dass dieser Platz gratis sein sollte. Und auf der Straße geparkt gehört das Blech auch nicht, sondern in eine Quartiersgarage am Rande des jeweiligen Quartiers.

      Alles andere wurde in dem Artikel ja schon gut beschrieben.

    • Frank sagt:

      Sehr geehrter Herr Lauth,

      willkommen bei den CARambolisten.
      Schreiben sie doch mal was für uns!

      Weiter so!

      Liebe Grüße
      Frank Möller
      CARambolagen

  • martin koeck sagt:

    die Krokodilstränen sind entbehrlich. In vielen Bereichen wurde und wird das Auto mehr als 100 Jahre lang (und wird tw noch immer) als Inbegriff von Freiheit, Fortschritt, Wachstum etc gefeiert.

    da wundert es wenig wenn sich die solcherart gezüchteten Süchtigen sich beschweren wenn der Stoff ein bisschen teurer wird.

    eine Abkehr von dieser Politik müsste in vielen Bereichen gleichzeitig ansetzen – aber das passiert halt einfach nicht. Und daher wird halt dort hingehackt wo es sich gerade anbietet – auf die 10€ pro Monat fürs Parkpickerl.

    die Parkraumbewirtschaftung in Wien müsste flächendeckend im ganzen Stadtgebiet eingeführt werden, evt in Zonen unterteilt, je nach Zentrumsnähe. Und die verantwortlichen Politiker müssten die Eier haben, das gegen die Opportunistenriege durchzustehen. Jahrelang war Zeit ein entsprechendes Landesgesetz vorzubereiten, passiert ist genau gar nichts. Die Früchte ernten wir jetzt.

  • Maxi sagt:

    Das Auto gehört einfach dazu..egal ob im Winter oder im Sommer..Und gerade im Sommer möchte ich in keiner vollen, meist ungelüfteten Bahn mit schwitzenden und stinkenden Menschen meine Zeit verbringen.

  • sauer sagt:

    uijeeeh … der alljährliche, lauthsche amoklauf … naja, jetz is dann wenigstens wieder a zeiterl a ruh …

  • […] man zudem mit zunehmendem Stirnrunzeln sieht, auf welch erbitterten Widerstand die Grünen in der Landeshauptstadt stossen – ok, sie […]

  • Özlem sagt:

    „Bei einer Befragung, ob jemand zukünftig mehr zahlen soll, weiß man doch, was rauskommt. Politik bedeutet, Entscheidungen zu treffen, die nicht alle zufriedenstellen, aber die für das Allgemeinwohl wichtig sind“ – Petra Roth, Franfurter Oberbürgermeisterin im Standard! bit.ly/LK0eVQ

    Recht habt ihr!!

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