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Goisern, Europa

Von | 13.05.2012, 17:44 | Kein Kommentar

Wichtigster heimischer Künstler? Hubert von Goisern, Europäer.

Hubert von Goisern by Erich Reismann

Ich hab mich gefreut. Wie ein Kind. Dass er abgeräumt hat, beim Amadeus. Kategorie Pop&Rock. Großartig. Nicht weil mir das Lied vom brennbaren Geld so gut gefällt. Er hat bessere Lieder. Viele. Die gab es halt oft nur live. Wegen des Ö3-Separatismus – den er immer wieder zur Sprache brachte. Nicht nur für sich, auch für die Kollegen, für die Kunst und ihre Funktion, eine Auseinandersetzung mit deinem Sein, deiner Kultur, deinem Land zu gestatten.

Identitätsfindung im besten Sinn, nur im Staatsfunk lange nicht drin. Da wurde gespalten. Klangst du wie Britney, warst du auf Powerplay, wurde eine Ziehharmonika aufmüpfig, warst du abgeschoben, Haltestelle Provinzradio. Ein No der Werbung zuliebe.

Ich hab mich gefreut, er ist seit 30+ Jahren auf meinem Radar, wir hatten eine gemeinsame Freundin. Eine fantastische Freundin. Sie hatte ein großes Herz (solange es pochte), sie bot ein Dach, als niemand Geld hatte. Dort schneite er herein, etwa nach einer Nacht in der Staatsoper, Stehplatz um 20 Schilling, und gab spontan seine Version von Pavarotti. Genial. Er beraubte uns früh aller Illusionen, wir wussten immer, dass er es schaffen würde.

Es dauerte. Jahre später mutierte er zu 50% der „Alpinkatzen“, die andere Hälfte hieß Wolfgang Staribacher und war geläufiger, weil Sohn eines Ministers. Sie tingelten eine schiere Ewigkeit, an manchen Tagen wuchs das Publikum in Lokalen wie dem „Roten Engel“ in Wien auf zweistellige Größe. Selten, aber doch, wurden die Medien ihrer Musik gewahr und gaben sich verwirrt. Was sollte diese Musik sein – Folk, Pop, Rock, Jazz oder was? Die Antwort konnte nur „ja“ sein.

Für mich waren die beiden Künstler wie Don Qijote mal zwei, nur eben ohne Sancho Pansa. Die Windmühlen dazu waren, klar, Österreich. Die beiden Alpinkatzen versuchten das Unmögliche, nämlich eine Identität aus Bergland (HvG) und Flachland (Staribacher) zu schaffen. Vergeblich, logisch. Also Trennung. Und Neubeginn.

Transitland

Wenn in einer Debatte am Sozialen Netzwerk das Wort „Österreich“ erwähnt wird, ist es selten weit zu „Identität“. Mit traditionellen Konsequenzen – „kein Land, sondern eine Konstruktion“, „zusammengepudert“, „Bella gerant alii“, „Ihr seid Deutsche mit komischem Dialekt“ und so weiter. Vergleiche mit anderen Ländern werden gezogen, Conclusio: „Schweizer und Holländer und Dänen (usw) haben Jahrhunderte lange Geschichte als Nationen, Österreich nicht.“ Stimmt auch.

Allerdings brauchst du auch Chronisten, um Geschichte zu haben, so beginnt es nun mal. Um Identität zu haben, brauchst du Geschichte, du brauchst Erzähler, die dich mit deiner Umgebung, deiner Umwelt verknüpfen. Eine zwiespältige Sache in Österreich. Damit meine ich nicht „den“ Krieg, ich bleibe geografisch.

Ein heimischer Bergmensch hat es mit seiner Identität leichter, die Berge, in deren Tälern du klebst, fordern heraus, es geht um den „Wetterstoa“, das „Wildern wider das Establishment“ und so weiter (siehe Musikkatalog HvG). Anders das österreichische Flachland. Der Donauraum. Ein Durchzugsgebiet par excellence. Ein Zustand wie geschaffen für Identitätskrise. Die historisch erste Prägung des „österreichischen“ Raumes ist eine als Transitland, nämlich die Donau aufwärts.

Jeder bewusste Europäer weiß, wie Europa besiedelt wurde. Vor 40 000 Jahren geriet „der“ Afrikaner am Schwarzen Meer an die Mündung der Donau – und folgte ihr, Richtung Quelle, der Sonne nach. So begann Europa, so begann Österreich. Das sind die „Roots“. Der Rest ist europäische, ist österreichische History.

Hubert von Goisern ist der einzige Musiker, der das bewusst an Bord genommen hat, sein „Goisern Goes East & Goisern Goes West“ (2007 – 2009) im historischen Kontext für mich das großartigste Projekt, das ein (zeitgenössischer) heimischer Künstler je durchgezogen hat. Prädikat Völker Verbindend. Zurück zu den wahren Roots. Dort bist du nicht nur Ösi, du bist Europäer. Deswegen freu ich mich über die Auszeichnungen für von Goisern. Die Preise mögen „Amadeus“ heißen und nur landesweit was bedeuten. Für mich sind sie nobler.

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