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Die Unfreiheit des Fotografen

Von | 06.05.2012, 17:11 | 17 Kommentare

Beim aktuellen Kampf der heimischen Fotografen um Gewerbefreiheit geht es nicht nur um eine Branche. Thema ist auch die Europareife Österreichs.

Breaking Glass by Erich Reismann

Jeder Mensch hat Träume, meiner war einmal, Fotograf zu werden und im Idealfall damit mein Leben zu finanzieren. Das sollte kein Problem sein, jeder Mensch hat das Menschenrecht, seine Träume zu verfolgen, so sie nicht Menschenrechte verletzen.

Weiters bin ich Gnade meiner Wahlheimat vom Glück begünstigt, als dortiger Bürger bin ich Teil der europäischen Gesellschaft, ich hab in EU-Ländern Erwerbs – und Niederlassungsfreiheit, meine Rechte in der Wahlheimat sind auch meine Rechte in den anderen EU-Ländern, die ich als Gast heimsuche.

Fotografie in meiner Wahlheimat ist ein freies Gewerbe, niemand kann mir den Zugang zu Kunden verwehren, die ein Foto von mir wollen. Dieses Recht hab ich dann auch in Österreich. Als Fotograf mit Geschäftssitz in meiner Wahlheimat kann ich in Österreich ohne Kundeneinschränkung fotografieren, vom kleinen Passfoto für den Nachbarn bis zum Großereignis für die Zeitung und warum auch nicht, Österreich ist Teil der EU – gleiches Recht für alle, nicht wahr?

Nun, in der Tat (noch) nicht wahr. Bist du Österreicher und in deiner Heimat gemeldet oder hast du auch nur deinen Geschäftssitz im Alpenland, ändern sich die Verhältnisse signifikant. Du magst einen Gewerbeschein als Pressefotograf haben, mit langjähriger professioneller Erfahrung inklusive Portfolio mit Veröffentlichungen von Gott und der Welt – wenn du hier einem Bürger von nebenan gegen Entgelt ein Hochzeitsfoto machst, kannst du dafür angezeigt und bestraft werden. Ungeachtet deiner Qualität als Fotograf.

Ein italienischer Fotograf mit auch nicht mehr – und oft weniger – Qualifikationen als sie ein heimischer Fotograf hat, darf in Österreich auf eine Art seinem Gewerbe nachgehen, wie sie seinen hier ansässigen Kollegen versagt ist. Zumindest bis zu einem Punkt. Etabliert der Italiener mal seinen Geschäftssitz in Österreich, ist er ebenso bedient wie die hiesigen Pressefotografen.

Profi oder nicht Profi

Wie das möglich ist? Ganz einfach. Weil Fotografie in Österreich kein freies Gewerbe ist. Du magst verdienter Pressefotograf sein und somit ein Profi, bist aber deswegen noch kein Profi – nämlich das, was die Mächte die da sind als „Berufsfotograf“ verstehen wollen.

Sogar exzellente Fotografen werden unter der derzeitigen Gesetzeslage an der vollständigen Ausübung ihres Berufes gehindert. So will es die Gewerbeordnung von 1994, für die ein Pressefotograf was anderes ist als ein Berufsfotograf. Eine Regelung, die de facto auch den Euro-Gedanken verunziert und das Land dazu entblößt: Österreich ist Teil der Euro-Gesellschaft, funktioniert aber anders. Nicht angenehm anders oder modern anders, nur peinlich anders – es hat offenbar nicht die notwendige Reife.

Natürlich gibt es Wege, wie sich ein (lediglich) Pressefotograf zum Berufsfotografen quasi adeln lassen kann. Du kannst etwa den klassischen Ausbildungsweg der Lehre bis zum Meisterbrief antreten, wenn auch nur theoretisch. Es gibt, erstens, kaum Lehrplätze. Zweitens unterhalten etablierte „Meister“ Lehrgänge, für die sie bis zu 15 000 Euro pro Lehrgänger einstreifen. Den Meister, der lieber einen Lehrling einstellt (und entschädigt) als einen „Lehrgänger“ aussackelt, musst du erst erfinden. (HIER mehr darüber).

Seit 2001 gibt es zudem Ausnahmeregelungen, nur wird es da kafkaesk. Ein Beispiel: Ein Pressefotograf kann um die „formelle Befähigung“ zum Berufsfotografen ansuchen, die ihm nach fünfjähriger „einschlägiger“ Tätigkeit als selbständiger Fotograf gestattet wird. Ein „Catch 22“, wenn du mich fragst. Wenn du im Sinne der Fotografen-Innung „einschlägig“ gearbeitet hast, hast du nämlich illegal gearbeitet (es sei denn, du hast dir einen „Meister“ als Geschäftsführer über dir geleistet), bist also straffällig.

Es gibt einige Wege, alle führen ins Gewerbeamt, sie sind immer teuer, meist scheitern sie an bürokratischen Widerständen, sie erinnern an den Ostblock anno Eiserner Vorhang, sie entblößen Österreich im EU-Kontext als unmündig, sie hinterlassen in der Branche ein Unbehagen ob der Realität einer betonierten Zweiklassengesellschaft innerhalb einer Zunft: hier die Fotografenmeister, die nicht notwendiger Weise Meisterfotografen sind, dort die Pressefotografen mit durchaus wesentlichen Erfahrungen in allen Fotogenres, die zwar einen Obama fotografieren dürfen, andererseits aber weniger Freiheiten als ein Passbildautomat haben.

Tatsache: Es gibt in diesem Land Passbildautomaten, die als kompetent genug eingestuft werden, ein legales Passfoto von dir zu machen. Einem Pressefotoprofi wird diese Kompetenz abgeschminkt.

Countdown 18. Mai

Seit gut 30 Jahren wird versucht, diesen Filz aufzubrechen, das gelang nie, Fotografen sind unter anderem auch Individualisten, die Möglichkeiten, an einem Strang zu ziehen, waren immer rar. Nun aber gibt es auch das Soziale Netzwerk. Auf Facebook wurde die Gruppe Freie Fotografie gebildet, getragen von FotografInnen, die beschlossen, dass was geschehen müsse. Die Gruppe tauschte Erfahrungen, zog Gleichgesinnte an, wuchs bald auf einen harten Kern von 50 Betroffenen, die durch Diskussionen und Treffen eine Strategie entwickelten, wie Aufmerksamkeit und Druck erzeugt werden kann.

Aus aktuellem Anlass – das Wirtschaftsministerium hat im Parlament eine Novelle zur Gewerbeordnung 1994 eingebracht, nach der das Gewerbe der Fotografen frei wie in den Rest-EU-Ländern werden soll –  hat die Gruppe eine Petition verabschiedet, um den demokratischen Prozess (die Frist beim Parlament läuft bis 18.5.) mitzugestalten und entsprechend zu beeinflußen. Die Petition läuft seit wenigen Tagen und hat bereits 6600+ Unterzeichner. Die, klar, nicht nur Fotografen sind. Weil die Sache alle Österreicher angeht.

Es geht um das Menschenrecht, deine Träume verfolgen zu dürfen, ohne schikaniert zu werden, es geht um das Recht auf eine Freiheit, die der Rest der EU-BürgerInnen als selbstverständlich genießt. Es geht um das Recht auf ein Heimatland, in dem die Uhren nicht vorsintflutlich anders ticken als die Zeit, in der wir leben.

PS. Zum Text der Petition, Unterstützung willkommen, klick auf FreieFotografie.at

17 Kommentare »

  • Maxl sagt:

    Wann passiert hier endlich wieder was? Das ist ja wirklich jetzt nur eine Übergangslösung…

  • Kurt sagt:

    Was hat Digitale Fotografie mit Handwerk zu tun
    Der Vergleich mit dem Mediziner ist krank Sorry
    Österreich wird belächelt,bleibt nur eins Auswandern nach Deutschland die sind EU reif wir nicht

  • Ein schöner Beitrag, aber ich muss sagen, du verwechselt Äpfel mit Birnen. Mein Traum wäre es nämlich Arzt zu werden, ich habe auch schon zwei Bücher gelesen und ein Pflaster geklebt udn ÜBERLEBT.

    Das Problem sind nicht jene Fotografen, die etwas können aber per Gesetz nicht dürfen. Da muss wirklich etwas passieren. Angst machen mir nur jene, die nicht können und glauben sie sind als Fotografen zur Welt gekommen.

    • UA sagt:

      …und die anderen glauben ein guter fotograf zu sein, weil sie einen schein haben wo draufsteht „meisterfotograf“

  • Ein schöner Beitrag, aber ich muss sagen, du verwechselt Äpfel mit Birnen. Mein Traum wäre es nämlich Arzt zu werden, ich habe auch schon zwei Bücher gelesen und ein Pflaster geklebt udn ÜBERLEBT.

    Das Problem sind nicht jene Fotografen, die etwas können aber per Gesetz nicht dürfen. Da muss wirklich etwas passieren. Angst machen mir nur jene, die nicht können und glauben sie sind als Fotografen zur Welt gekommen. Die werden mir in Zukunft meinen Brotjob streitig machen.

    • Störebrö sagt:

      Der Markt wird sich selbst bereinigen und die Spreu vom Weizen trennen, da braucht es keine veraltete Regelung. Wer als Fotograf nichts taugt, bekommt keine Aufträge. Freier Markt – freie Fotografie

  • Ein schöner Beitrag, aber ich muss sagen, du verwechselt Äpfel mit Birnen. Mein Traum wäre es nämlich Arzt zu werden, ich habe auch schon zwei Bücher gelesen und ein Pflaster geklebt udn ÜBERLEBT.

    Ich bin Pressefotograf und würde natürlich auch gerne für große Werbekunden fotografieren oder gar einmal Austrias Next Topmodels werbeträchtig im TV ablichten. Nur weiß ich nicht, ob ich das auch ohne Ausbildung hiinkrieg und bewirb mich gar nicht. Das Problem sind nicht jene Fotografen, die etwas können aber per Gesetz nicht dürfen. Da muss wirklich etwas passieren. Angst machen mir nur jene, die nicht können und glauben sie sind als Fotografen zur Welt gekommen. Die werden mir in Zukunft meinen Brotjob streitig machen.

    • Manuela sagt:

      Wenn du Angst hast, dass dir jeder dahergelaufene Möchtegernfotograf deinen Lebensunterhalt streitig machen kann, dann dürfte es mit der Qualität der von dir abgelieferten Bilder hapern.

  • Benny sagt:

    Fotografie mit Menschenrechten zu verbinden ist ein interessanter Bogen, der da gespannt wird :)

    Trotzdem, Zustimmung und – toller Satz: „Tatsache: Es gibt in diesem Land Passbildautomaten, die als kompetent genug eingestuft werden, ein legales Passfoto von dir zu machen. Einem Pressefotoprofi wird diese Kompetenz abgeschminkt.“

    • Manfred Sax sagt:

      Thx. Und, ja: Beim Ausüben deines Gewerbes kaltschnäuzig schikaniert zu werden, ist wider die Menschenwürde. Ihr sax

  • mare sagt:

    danke frater, mit ihrem segen kann/wird es jetzt endlich gelingen! auf das die vernunft und freiheit s i e g t.

  • pilo pichler sagt:

    das ist kein wort zum sonntag, sondern eine ansprache zur lage der nation

  • nic_ko sagt:

    wunderbar. danke!

  • zorro sagt:

    diese predigt gehört den betonierern in den gremien in das stammbuch geschrieben!

  • Papa Schlumpf sagt:

    Die Sonntagspredigt auf den Punkt gebracht. Eine „Europareife Österreichs“ (was auch immer das sein mag) am Fotografengewerbe festzumachen, hat allerdings etwas übertrieben Missionarisches ;-)
    Hier hinken wir ausnahmsweise einmal nach, während Österreich normalerweise doch so gern dem vorauseilenden Gehorsam frönt.

  • Sebastian sagt:

    Toller kommentar zum thema.

  • Der Suderer sagt:

    Danke für die korrekte Verlinkung!

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