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Das Märchen vom unpolitischen Sport

Von | 05.05.2012, 7:00 | Kein Kommentar

Im Sport hat Politik nichts verloren, heißt es. Vor allem dann, wenn bei großen Sportfesten die Wahl des Gastgeberlandes wieder einmal daneben gegangen ist.

Ist es sinnvoll, Politik, Menschenrechte und Sport zu verknüpfen? Die Frage drängt sich anlässlich der demnächst in Polen und der Ukraine stattfindenden Fußball-Weltmeisterschaft wieder einmal auf. Schließlich neigt man in letzterem Land gerne dazu, Menschenrechte etwas anders auszulegen als wir Mitteleuropäer es tun, und das wird pünktlich zur EM auch noch an der Causa Julia Timoschenko sichtbar.

Und die Frage ist eigentlich auch obsolet. Sport im Sinne einer Massenveranstaltung ist immer ein Politikum. Er dient einerseits als Repräsentationsfläche – und andererseits als willkommene Propagandaveranstaltung, um über existierende Missstände hinweg zu täuschen.

Hatten wir schon oft, bei den Olympischen Spielen in China etwa, bei der Fußball-WM 1976 in Argentinien, vor ein paar Sonntagen auch in Bahrain beim Formel 1-Grand Prix – die Liste der Beispiele ist zu lang, um sie hier vollständig wiederzugeben. Und die Argumente, mit denen die – nun ja – fragwürdige Toleranz gegenüber Gastgebern gerechtfertigt wird, sind ebenfalls bekannt: Sport ist Sport. Politik ist Politik. Und Bier ist Bier.

Das Böse sitzt vor dem Fernseher

Mag ja sein, dass einem sportliche Großereignisse wie eine Fußball-EM in manchen Zusammenhängen wie völkerverbindende Friede-, Freude- und Weltrekorde-Feste vorkommen. Trotzdem bleibt es eine absurde Annahme, dass vor lauter Toren, begnadeten Körpern und Wundermitteln aus den Labors der Pharmaindustrie auch das Böse lieber vor dem Fernseher sitzt und nachher mit besserer Laune zur Tat schreitet.

„Die Politiker sollten sich jetzt beziehen auf die Werte des Sports. Und bevor sie von Boykott sprechen, sollte man sich überlegen, was das nach sich zieht“, sagt Sepp Blatter. Er steht der FIFA vor, dem Welt-Fußballverband, einer der Korruption im großen Stile nicht ganz unverdächtigen Organisation, aber man will ja nicht vorverurteilen.

Was es nach sich zieht

Die Fußball-EM wird den Umsatz der UEFA und ihrer angeschlossenen Fernsehanstalten in erstaunliche Höhen treiben. Die TV-Einschaltquoten werden super sein. Es wird Geld regnen. Und wer mit gutmenschelnden Hinweisen auf Rechtsstaat und Demokratie gar Boykotte oder sonstiges Brimborium erwägt, sorgt womöglich dafür, dass es nur nieselt. Das ist es, „was es nach sich zieht.“

Zugegeben, das ist auch keine neue Erkenntnis. Aber da sie während sportlicher Feste gerne in Vergessenheit gerät, kann man sie davor gar nicht oft genug wiederholen.

Und ja, es ist unerlässlich, Politik, Menschenrechte und Sport zu verknüpfen. Ja, die EM gehört boykottiert. Und das sage ich nicht nur, weil mir Fußball egal ist.

Dieser Artikel erscheint auch auf The European.

Foto: Armando Sobrino, Lizenz: CC BY-ND 2.0

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