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Das Drachenmensch

Von | 29.04.2012, 17:05 | Ein Kommentar

Sie ist eine starke Frau neuen Wassers, quasi in Drachenblut gebadet. Sie macht Männern Angst. Sie ist, klar, ein Fall für James Bond.

Dragon Tattoo by Philippe Leroyer, Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0

Sie ist 23 und hat ein riesiges Drachentattoo am Rücken. Es muss höllisch weh getan haben, sich das in den Körper stanzen zu lassen, wenn auch läppisch im Vergleich zu den realen Narben ihres Lebens: kaputte Familie, vom Staat im Stich gelassen, vom anderen Geschlecht missbraucht, vergewaltigt, brutalisiert – nenne die Qual, sie hat sie genossen.

Gemeinhin sind das die Eckdaten für ein beschissenes Leben, Drogensucht und Prostitution und Selbsthass und so weiter. Sie aber hat „einen Münchhausen“ hingelegt (= sich an den eigenen Haaren aus dem Schlamm gezogen) und sich Fähigkeiten zugelegt, ihrer Lage entsprechend: Sie lernte Kickboxen (Selbstverteidigung), Motorrad fahren (abhauen können) und den Computer beherrschen (Unabhängigkeit). Sie wurde Hackerin jenseits der Legalität, verständlich, wen das Gesetz nicht schützt, für den oder die endet dessen Relevanz.

Sie ist die ultimative darwinistische Kreatur, quasi in Drachenblut gebadet, trotz ihres jungen Alters gewohnt, auf sich allein gestellt zu überleben und wurde bekanntlich als solche vom schwedischen Autor Stieg Larsson per „Millennium-Trilogie“ (Verblendung, Verdammnis, Vergebung) auf die – Multimillionen zählende – Leserschaft losgelassen: Supernerd, optisch ein Lasst-mich-in-Ruhe-Punk, Hoodie obligat, Kettenraucherin und Pizzafreak, Gesundheit so what. Als deine Feindin wird sie zum Zorn Gottes, hast du ihr Vertrauen (Chancen darauf: gleich null), ist sie wie Gold. Und ist ihr nach Sex, labt sie sich an einem Girl-next-door, Männer lässt sie außen vor, siehe ihre Geschichte.

Ihre fabelhaften Fähigkeiten als Hacker bringen sie mit einem Journalisten namens Blomkvist zusammen, der ist zum nichtaushalten gutmenschlich unterwegs, am liebsten würde er alle Schwachen dieser Welt schützen, ohne Rücksicht auf persönliche Verluste. Als solcher schafft er es sogar durch ihren eingebauten Bullshit-Detektor, sie vertraut ihm, einmal hat sie auch Sex mit ihm, nichts Persönliches, es war gerade kein Girl zur Hand und sie wollte Entspannung.

Tatsächlich war es ein bemerkenswerter Sexakt, den die schwedische Aktrice Noomi Rapace da mit ihrem übergewichtigen und pockennarbigen Landsmann Michael Nykvist auf die Leinwand zauberte (Verblendung, Män som hatar kvinnor, 2009). Sie zauberte, er ließ zaubern.

Nach Norden

Die Frage ist natürlich: Was soll das, warum jetzt eine Story aufwärmen, die schon ein paar Jahre Staub angesammelt hat? Na, mir ist grad danach, in meiner Wahlheimat herrschen soeben skandinavische TV-Wochen. Larssons Drachenmensch (deren Erfolg er nicht erlebte, weil das Leben eine Schlampe ist) wurde zum Sprungbrett für eine Welle großartiger (TV)-Filme, die angenehm „anders“ als die übliche Kost sind und jeweils eine starke Individualistin mit Macke zur Hauptdarstellerin haben, z. B. – die soziopathische – Kommissarin Lund (Sofie Gräbol, Forbrydelsen), Gefährliche Seilschaften (Borgen, mit Dänemarks großartiger Sidse Babett Knudsen) und jetzt gerade Die Brücke (Bron, mit Schwedens Topstar Sofia Helin, siehe auch Arn – der Kreuzritter). Helin, zum Beispiel, ist in der „Brücke“ nicht nur eine Top-Kriminalistin, sie leidet auch an Aspergers.

All diese Filme sind von nüchternem Realismus getragen, sie sind gesellschaftskritisch (glaubhaft deswegen, weil es sich bei den skandinavischen Ländern, anders als im historischen Durchzugsland Österreich, tatsächlich um homogene Gesellschaften handelt), sie laden zum Dialog zwischen den Geschlechtern ein. Ganz nebenbei liefern sie den Beweis, dass kleine Länder sehr wohl großartige Filme schaffen können, sie entlarven Hinweise auf die geringe Einwohnerzahl als Ausrede. Aber gut, es hilft wohl, wenn die Vorzeigeregisseure Namen wie Ingmar Bergman haben, klingt anders als, sagen wir, Franz Antel.

Zweitens ist seit wenigen Tagen das Hollywood-Remake von „Verblendung“ (The Girl with the Dragon Tattoo) auf DVD erhältlich. Ich war verblendet genug, mir das zu geben und bin nun Verdauenmüsser eines Anschauungsunterrichts, wie das ist, wenn Hollywood antritt, um beispielsweise den Dialog zwischen den Geschlechtern weichspülermäßig zu verunzieren. Überhaupt hier. Wie entschärft man so ein Drachenmensch?

Das ist recht simpel, wenn du Hollywood fragst. Man nehme James Bond und lasse ihn den Journalisten Blomkvist spielen, ActionMan-Bizeps statt SchreibtischHengst-Bauch etcetera, wahrlich, bei so einem Body hätte eigentlich der halbe Film im Fitness-Center spielen müssen und klar, wer mit Bond das Kissen teilt, der ist selbst mit einem Lebenslauf wie jenem des Drachenmädchens – nun von einer hochinteressanten Rapace in eine vergleichsweise schnuckelige Rooney Mara verwandelt – nicht vor den Reizen so eines Mannsbilds gefeit, geh du mal mit Daniel Craig ins Bett.

Und so verfällt ihm das Drachenmensch, rettet ihm nebenbei das Leben – und wäre am Ende willig, sich von Ritter Bond in ein Happy End führen zu lassen – nur ist „Bond“ Blomkvist da bereits wieder in den Armen seiner – anderweitig verheirateten – Chefredakteurin, weil, Shit happens nun mal.

Es gibt Geschichten, wie sie nur Hollywood schreibt. Sei gewarnt, alte Schwedin. Du bist besser drauf, als die Amis begreifen wollen.

PS. Trailer zur DVD Broen – The Bridge. Auf einer Brücke im Niemandsland zwischen Dänemark und Schweden wird eine Leiche gefunden, zwei Kriminalbeamte – ein Däne, eine Schwedin (Sofia Helin) – ermitteln, ein essenzieller Dialog zwischen den Geschlechtern beginnt sich zu entfalten. Und, na gut: Empfehlung. Aber muss ich das extra erwähnen?

Ein Kommentar »

  • m sagt:

    Der Satz: weil das Leben eine Schlampe ist, gefällt mir gar nicht. Macho-Spruch, den niemand braucht. Ansonsten gut und interessant zu lesen.
    danke
    m

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