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Warum ich die Piraten mag

Von | 28.04.2012, 7:15 | 3 Kommentare

Niemand kann so viel falsch machen wie den Piraten dieser Tage vorgeworfen wird. Abgesehen davon: Irgendwer muss sich schließlich der Kampfzone Internet annehmen, oder?

Eigentlich wollte ich zu diesem Thema gar nichts sagen. Erstens, weil ich fürchte, dass es niemand vermisst hätte. Zweitens, weil alles gesagt ist. In Großbuchstaben, Fettdruck und Kursiv, in Hingerotzt, Durchdacht und Nebensächlich, in wasweißich. Und drittens, weil ich vor lauter Wortmeldungen und vorauseilender Analyse gar keine Ahnung mehr habe, wie ich inhaltlich zu den Piraten stehe.

Aus anfänglicher Hoffnung war so zuerst ein großes Fragezeichen und dann ein Egal geworden. Doch, und das ist die gute Nachricht, der inhaltlichen Ratlosigkeit steht nun zusehends echte Sympathie gegenüber.

Dafür gibt es mehrere Gründe. Allein, was in die alles hinein interpretiert wird, weil sie angeblich ja Diebe und Chaoten sind. Wie alle lachen, weil sie sich manchmal zerfleischen und übers Ziel hinaus schießen. Wie alle anderen politischen Gruppierungen behaupten, dass sie ihre angeblichen Randthemen ja ohnehin längst zeitgemäß besetzen. Und wie ihnen vorgehalten wird, rechte Deppen in ihren Reihen zu haben.

Rechte Deppen gibt es auch anderswo

Ja, selbst der letzte Punkt stiftet meine Sympathie, denn ich schreibe diese Zeilen aus einer Stadt, die mehrere Jahrzehnte brauchte, um den nach dem Antisemiten Karl Lueger benannten Abschnitt der Wiener Ringstraße umzubenennen – und aus einem Land, das den Umgang mit rechten Deppen zur Genüge kennt. Die sind nämlich keine Frage des Totenkopfes, sondern meistens eine Frage fehlenden Köpfchens. Und dieses Defizit, behaupte ich, ist in den meisten Lagern gleichmäßig verteilt. Und die mit der höchsten Deppen-Dichte sind garantiert nicht die Piraten.

Soll heißen: Ich mag die Piraten, weil sie in einer versteinerten politischen Landschaft für Aufruhr sorgen können – und weil sie in einem Punkt für fortlaufende Diskussionen sorgen, der mir sehr wichtig ist. Es wird endlich mehr über Netzpolitik geredet, und auch darüber wie man mit Werken im digitalen Zeitalter sinnvoll umgehen sollte. Und vor allem, wie man Begriffe wie geistiges Eigentum oder Urheberrecht mit der gelebten Praxis sehr vieler Menschen in Einklang bringen kann, ohne sie zu kriminalisieren, weil: Filesharing wie Tausch von Kinderpornos verfolgen ist bitteschön auch nur unverhältnismäßige Rhetorik bar jeder Logik.

Die Partei aus der Kampfzone

Es handelt sich hier um eine der großen Kampfzonen der Gegenwart, weil sich daran noch viele andere Fragen heften, sei es der Umgang mit Privatem und Öffentlichem, sei es der Umgang mit Datenspuren und wem diese gehören.

Sagen wir es so: Viele der Rahmenbedingungen, innerhalb derer wir unsere Leben leben, sind schon längst vom technologischen Fortschritt überholt worden. Und den Fortschritt mit neuen Gesetzen und drakonischen Strafen zu behindern, hat noch keiner Gesellschaft einen Dienst erwiesen. Mindestens genau so wenig wie einer Gruppierung mit Spott und Häme zu begegnen, die sich dieser Kampfzone annimmt. Ich finde das einfach tapfer. Und Tapferkeit ist mir sympathisch.

Dieser Artikel erscheint auch auf The European.

Foto: Fräulein Schiller, Lizenz: CC BY 2.0

3 Kommentare »

  • saxo sagt:

    genauso herr lauth :)
    die piraten mit herkömmlichen parteien vergleichen zu wollen, ist etwa so, als würde man homöopathie mit aspirin vergleichen. was zugegebener maßen manchmal passiert, aber immer zum scheitern verurteilt ist.
    herzlichst

  • tscheh sagt:

    Karl Renner? Meinst du nicht Lueger? Wobei man den rennerring ruhig auch umbenennen könnte…

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