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Out of Stützenhofen

Von | 22.04.2012, 19:02 | 8 Kommentare

Ein schwuler Pfarrgemeinderat, sein Pfaffe und dessen Geliebte: Wenn das so weitergeht, ist Stützenhofen im Weinviertel bald berühmter als die Gemeinde Fucking.

Screengrab

Ich war noch nie in Stützenhofen, bis neulich hab ich von der Existenz des Örtchens nicht gewusst, heute weiß ich, dass mir die Stützenhofener grundsätzlich sympathisch sind. Das hat mehrere Gründe. Erstens, das Weinviertel. Wie schon mal erwähnt, steige ich gelegentlich in Mistelbach – der geistigen Heimat von Michael Jackson – aus dem Zug. Die Weinviertler sind verdammt Rock ´n´Roll. Zweitens sind sie „sehr offen“, wie mir M, die Kruterin, heute flüsterte. Der Pfarrer von (Groß)krut, zum Beispiel, ist ein Schwarzer oder, wie die Kruter sagen, „a Nega“. Und wo Offenheit mit Rock ´n´Roll gewürzt ist, da ist es halt nicht weit zum Sex.

Willkommen in Stützenhofen.

Bekanntlich haben die Stützenhofener, das weiß heute ganz Österreich, unlängst einen jungen Schwulen und bekennenden Katholiken namens Florian Stangl (26) in den Pfarrgemeinderat gewählt. Mit überwältigenden 80% der Stimmen. Das ist erstens wunderbar, nicht wahr, zweitens sind 80% nicht ganz hundert Stützenhofenerinnen und Stützenhofener.

Stützenhofen ist so klein, dass es fast nicht existiert, es gibt weder Wirtshaus noch Geschäfte, wenn wer dem Dorf den Rücken kehrt, ist das eine prozentuelle Größe, die Ortschaft ist nicht einmal wiki-notiert, wenn du dort nachschlägst, wirst du nach Drasenhofen umgeleitet.

Wenn du schwul in Stützenhofen bist, hast du herzlich wenig Auswahl, dass Herr Stangl also dort seine Liebe fand und mit ihr (= ihm) eine eingetragene Lebensgemeinschaft einging, muss „von oben“ gewollt sein. Kardinal Schönborn sah das wohl ähnlich, nach einem Essen mit Stangl & Lebensmensch gab er seinen Segen zu dessen Wahl in den Pfarrgemeinderat.

Alles paletti also, theoretisch, nur hat jede Pfarre auch einen Pfarrer. Der für die Stützenhofener Schäfchen verantwortliche Hirte heißt Gerhard Swierzek – will aber die Gemeinde nun aufgeben. Weil „in Sünde zu leben“ nicht die Norm sein dürfe, wie er meinte.

Das war der Tropfen, der das offene Fass der Stützenhofener zum Überlaufen brachte. Pfarrer Swierzek ist im Dorf schon lange nicht gut angeschrieben. Vor allem, weil er die „schöne Stützenhofener Tradition“ der Ratschenkinder als „Unfug“ bezeichnet hatte, das war der Hammer.

Weiters hatte er sich eine Affäre mit einer Pressbaumerin geleistet, na gut, war dorfbekannt, wer also im Glashaus sitzt und so weiter. Aber jetzt stellte er sich auch noch gegen den Willen der Gemeinde. Wenn du mich fragst, hat Pfarrer Swierzek in Stützenhofen ausgespielt, die letzte Messe hat bereits Priesterpensionist George van Horick zelebriert.

In Stützenhofen ist das Thema denn auch gegessen, dort dominiert schon lange das Problem, „eine schöne Birke für den Maibaum“ zu finden, die kollektiven Kanäle zwischen den Schläfen.

In Restösterreich allerdings macht das Thema weiterhin Wellen, weil die Pfarrersgeliebte, eine Frau Mahrer (55), dem Drang nachgab, massenmedial zu beichten. Wodurch auch der Klub der üblich verdächtigen liberalen Kirchenleute wieder Wind in die Segel bekam. Adolf „Bei-mir-haben-sich-Frauen-immer-wohlgefühlt“ Holl, seit 1976 Expriester, entstaubt wieder seien Evergreen vom „dringendsten Reformbedarf“. Kirchenrebell Helmut „Aufruf-zum-Ungehorsam“ Schüller badet ohnehin in Euphorie, weil seiner Forderung nach Aufhebung des Priesterzölibats (angeblich lebt jeder vierte österreichische Priester in einer Beziehung) sogar bei Papst Benedikt ein Feedback widerfuhr. Der Papst! Hat ihn erwähnt! Wow! Man kann so richtig mitvollziehen, wie Schüller das Video von der päpstlichen Erwähnung wiederholt runter spielt und die darob getriggerte Erregung nicht mehr ganz eine keusche ist.

Die liberale Front wird bei diesem Papst nicht sehr weit kommen. Der ist hardcore, Leute, asexuell bis in die Knochen, der sieht das „große“ Bild, in Versuchung führst du ihn mit irdischer Macht und sonst mit nichts. Das Thema Homosexualität lässt er außen vor, ich auch, sollen andere diskutieren, ist überdies gerade bei Protestanten aktuell (siehe die Osterpredigt des neuseeländischen Anglikaners Paul Oestreicher: „War Jesus schwul? Wahrscheinlich“), wenn auch ein alter Hut, Jesus liebte nun mal seinen Vorzugsschüler Johannes, so what? Immerhin war Johannes der einzige Jünger mit ausreichend Mumm, unter dem Kreuz zu stehen, die anderen schissen sich an.

Jesus und Tabu

Foto: Jesus und Johannes beim letzten Abendmahl (Valentin de Boulogne) by irish Pearl, Lizenz: öffentliches Eigentum

Im übrigen gelten bezüglich Zölibat weiterhin die via Neuem Testament kolportierten Jesusworte (Matthäus 19.12) vom Verzicht auf die Ehe „um des Himmelreiches willen“. Aufhebung des Zölibats ist was für Warmduscher. Umso mehr, als der Papst seit seinem Besuch in Großbritannien (2010) klerikales Oberwasser verspürt. Beim gemeinsam zelebrierten Gottesdienst mit dem Erzbischof von Canterbury kam der kleingewachsene Papst vergleichsweise wie ein Riese rüber. Der Erzbischof aber, ein großartiger liberaler Intellektueller, hat unlängst abgedankt. Warum? Weil der englische Klerus gegen all die Liberalität zu rebellieren begann und viele von der päpstlichen Einladung Gebrauch machten, in den Schoß von Rom zurück zu kehren.

Ich hab lang darüber gegrübelt, was die protestantischen Geistlichen, denen die horizontalen Freuden gestattet sind, am Katholizismus attraktiv finden. Eine mögliche Antwort: Protestanten leiden an akutem Tabumangel, wo bleibt da der Spaß?

Die andere bot Englands berühmtester Neokatholik Tony Blair: Als Katholik kannst du beichten. Das ist der Köder. Du kannst Scheiß bauen und Tabus brechen – und eine Session im Beichtstuhl plus ein paar Vaterunser später bist du wieder sündenfrei. Sehr nützlich, wenn du so viel Dreck am Stecken hast hattest wie der englische Expremier. Sowas läuft bei den Anglikanern nicht. Die halten Beichte für so bescheuert wie sie nun mal ist.

Womit ich wieder in Stützenhofen bin. Nein, nicht bei Florian Stangl, der kommt derart brav monogam rüber, dass es geradezu langweilig ist. Ich meine Pfarrer Swierzek, der bei seinem Tabubruch vermutlich ziemlich auf seine Rechnung kam, was gibt es in der Sexualität Heißeres als einen Tabubruch?

Im Zuge ihrer massenmedialen Beicht-Tournee hat o.a. Frau Mahrer, eine Sängerin, auch verraten, dass sie dem schnackselnden Pfarrer „immer wieder das Halleluja“ singen musste. Jetzt läuten aber die Glocken! Bin ich der Einzige, der gern die Details wüsste? Zum Beispiel: Davor? Danach? Während? Kniend? Am Rücken? Hat sie ihn geritten, während sie trällerte?

Das sind die Fragen, die wirklich bewegen. Die Wahrheit, bitte! Gestehe, Pfaffe!

8 Kommentare »

  • saxo lady sagt:

    Sehr poetische. Da macht sich jeder sein seelenfriedenchen. Und das ich nicht lache. Von wegen protestantisch. Am katholischsten sind mir immer noch die, die über so menschliche kinkerlitzchen ein bahö machen. In der Ablehnung steckt immense Kraft und Verbindung. Herzlichst

  • Birgitta sagt:

    Herrlich – so bekommt man doch immer wieder Nachrichten aus der alten Heimat. Apropos F***ing (danke, Have I got News for you) – wieso hat noch niemand aus dem deutschsprachigen Raum versucht, Englaender davon zu ueberzeugen dass Furze leider bei Germanophonen halt nicht so klingt wie hier?

  • mare sagt:

    manchmal sind die schäfchen weiser als die schäfer!;-) mich überzeugen nur mehr „taten“, bin der worte und bekenntnisse überdrüssig geworden, egal aus welcher überzeugung und windrichtung diese kommen. alles auf dieser welt ist so atemberaubend schön und einzigartig, dieses erkennen macht einem wortwörtlich sprachlos. nur der mensch steht wertend sich selbst und vielen anderen gegenüber im weg…. statt erfreut sich selbst zu (er)leben!!

    • Frater Gladius sagt:

      Eben, mare. Auch ich werde nicht müde, mich gelegentlich selbst zu erleben, eigentlich sollte mann ja seine Hand heiraten. Noch dazu jetzt, wo Frühling ist, überall die Farbenpracht, sogar der Flieder blüht wieder, welch ein Duft aber auch, hat denn niemand Augen um zu sehen und Nasen um die Nüstern aufzublähen? Schönheit pur, bisweilen so schier, dass sie kaum durchzudrücken ist. Dein FG

  • saxo sagt:

    da landet ungewollt ein news in meinem postkaslt. das geheimnissvolle schriftverbreitungsuniversum weiß nur zu gut, dass ich an geschriebenem nicht vorbeikomme, kruzitürken, dann les ich es halt.

    und bin wieder einmal gescheiter. nach einer news lektüre.
    nicht lachen.
    mein wissen hat sich bereichtert um die tatsache, dass es geschriebenes und vor allem begleitende bilder gibt, die man unter keinen umständen, garnicht, garnie und überhaupt bis in alle ewigkeiten nicht an sich ranlassen soll.
    möge das bild der madonna, die die dame da vor dem kruzifix abgibt, andere beglücken, verärgern, aufregen. ich weigere mich.
    es lässt mich ganz kalt.

    und ich will wirklich nicht wissen, garnicht garnie und bis in alle ewigkeiten nicht, wie sie es mit einander trieben.
    herzlichst

    • Frater Gladius sagt:

      Herrje, saxo. Erlaube mir, hier dagegen zu steuern. Das Bild „When Frau Mahrer met the Pfarrer“ sollte in der Tat in den Vordergrund geraten. Denn der Hintergrund ist fatal. Mit Benedikts Brille betrachtet sind wir hier knapp vor Ausbruch des 30jährigen Krieges (1618), in den Nachwehen der post-Luther´schen Erleuchtung (nach dessen Übersetzung des Bibeltextes ins Deutsche), dass Rom alle Gläubigen mit dem Mittelfinger grüßt.

      Die Übersetzung ins Deutsche machte klar, dass Rom anders handelt als es predigt, die Konsequenz war aber nicht eine – faktisch berechtigte – Abkehr von Rom, sondern ein Massen-Exodus der „humanistischen“ Muskel in den Norden.

      Wusstest du, dass 90% der Österreicher damals Protestanten waren?

      Natürlich hatte der Aufstand (er wurde von den Habsburgs in Co-op mit Hardcore-Jesuiten niedergeschlagen) seine Berechtigung, allerdings litt er auch an dem, woran Muslim World heute leidet – er war eine Fundi-Sache, eine Szene der Selbstgerechten.

      Die Schüllers und Holls, so katholisch sie sich gebärden, sind im Kern Protestanten – die also in einer Szene umrühren wollen, die sie nicht braucht. Sie braucht reale Seelsorger, die deine Angst vor dem Tod mit Visionen lindern, dass irgendwo auf Wolke sieben Elvis wartet, um mit dir Bauern zu schnapsen. Und da sind halt bisweilen auch Pfaffen darunter, die sich dafür die gelegentliche Sünde leisten, für ein Halleluja. Fast poetisch, no? Dein FG

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