Jetztzeit

Reality-Check: die Gegenwart in Wort und Bild

Netzzeit

Geschichten aus dem Leben mit dem Netz

Sexklinik

Alle Zeit bereit: Quality Time zum Thema Nummer Eins

Auszeit

Kultur & Freiheit: Doping zur Bewältigung des Alltags

Denkzeit

Die Welt ist kompliziert. Reden wir darüber

Sie sind hier: Home » Wort zum Sonntag » Bernie4Bahrain
Share

Bernie4Bahrain

Von | 15.04.2012, 17:31 | Kein Kommentar

Der Unterschied zwischen Bahrain 2011 und Bahrain 2012? Bernie Ecclestones GlobalBrand-Zirkus findet heuer statt. Hin und wieder degeneriert Sport zum politischen Akt.

Bernie Ecclestone by ArwinJ, Lizenz: öffentliches Eigentum

Der heutige Sonntag begann für mich ungewöhnlich. Ich hatte den Formel 1- Grand Prix von China zum Frühstück. Faszinierend. Weniger die Hypnose, der du nicht entkommst, wenn 20+ Geschosse zwei Stunden lang im Kreis fahren. Mehr die Details am Rand, die gelegentlich hochkommen, man kann nicht ständig rennfiebern.

Die Details also. Der Aufschrei des Kommentators am Ende der Show: „Welch große Nachricht für die Mercedes-Verkäufe in China!“ In der Tat.Oder: die EhrengardInnen für die Sieger, in den Suzie Wong-Outfits. Aber vor allem Shanghai.

An einer Kurve schwenkte die Kamera gelegentlich zur Silhouette der radikal expandierenden Millionenstadt. Ja, die Kräne im Smog. Zeig mir Bilder von den Industrieländern der Zukunft und ich zeig dir Kräne. Die nun dort stehen, wo mal das Salz der Erde hauste, ehe die armen Schweine weggeprügelt wurden. Pech, Leute. Der Markt braucht neuen Lebensraum, muss expandieren um zu existieren, das ist das Molochhafte an diesem Betriebssystem.

Womit ich, pardon, meine Eingangsworte korrigieren muss. Es war nicht der Grand Prix von China. Es war der UBS-Grand Prix von China. UBS? War mir nicht gleich geläufig, also googelte ich nach.

UBS, die „Union Bank of Switzerland“. Eine Investmentbank. Einer der großen Halunken der Krise 08 – der größte Verlustmacher in der Geschichte der Schweiz. Eine Bank, die es nicht mehr gäbe, wäre sie nicht vom Steuerzahler mit Milliardenbeträgen ausgelöst worden.

Es ist erst ein halbes Jahr her, seit der UBS-Rogue Trader Kweku Adoboli aufgeflogen ist, einer jener Adrenalin-Junkies, die den Weltmarkt für ein Casino halten und daher gelegentlich ein paar Milliarden Dollar in den Sand setzen.

Gut zu wissen, dass es der UBS wieder ausreichend geht, um am globalen Pokertisch zu sitzen. Wie der aussieht, hat der Schweizer Systemkritiker Jean Ziegler, eine rare Don Quijote-Figur der Gegenwart, als „Weltdiktatur des globalisierten Finanzkapitals“ definiert. Bekanntlich kontrollieren die 500 größten Konzerne der Welt über 50% des Weltbruttosozialprodukts, jenes Karussels, in deren Kabinen wir sitzen, ohne einen Schimmer zu haben, wie wir da reingerieten. Diese Macher, meint Ziegler, haben eine Macht, „wie sie kein König, kein Kaiser, kein Papst je zuvor besaß.“

Bernie

Somit zu Bernard Charles Ecclestone (alias „Bernie“, wie ihn Benzinköpfe liebevoll bezeichnen), dessen Formel 1-Zirkus lokale Spieler in globale Größen verwandeln kann und dort aufgestellt wird, wo die Summen sind (bis auf weiteres daher nicht im Alpenland, es sei denn, Mister Red Bull spielt „Bernie“ einen Joker).

Kommende Woche geht es in die Wüste. Ein kleines Fragezeichen existiert noch, vergangenes Jahr wurde das Spektakel abgesagt. Die „Unruhen“. Die „nicht gewährleistete Sicherheit“. Die 35 Demonstranten, die an der Perlenkreuzung niedergemacht wurde. Alles sehr bedauerlich. Wenn auch schwer vermeidlich. Wenn wenige Sunniten über viele Schiiten herrschen, wenn ein Regime für Menschenrechte nur den Mittelfinger hat – wenn also gewohnheitsrechtlich gehobelt wird … du verstehst.

Der Grand Prix wurde abgesagt, weil es den berühmten „öffentlichen Druck“ gab. Der heuer fehlt. Warum? Ist das Regime jetzt humaner unterwegs? Hat sich was geändert in der Wüste? Ja, verlautet das offizielle Bahrain, das Königreich sei heute „sicher“. Nein, meinen Sprecher der Menschenrechtsgruppe „Human Rights Watch“, in Bahrain nichts Neues. Menschenrechtskrise unverändert akut, Unruhen weiterhin Alltag, Folter und Unterdrückung obligat, siehe Amnesty-Report.

Vorgestern, zum Beispiel, wurde (neben anderen) der 15jährige Mohammed Ahmed Abdel Aziz niedergeschossen, von der „Anti-Unruhen-Polizei“, die bei den Begräbnisfeiern für den – ermordeten – Journalisten Ahmed Ismail Hassan (22) ein wenig in die Trauergastmenge ballerte.

Infos? Besuche die Facebook-Seite der „Jugend des 14. Februars“, die laufend Updates der Realität in Bahrain bringt. Zumindest bis auf weiteres. Der Staatsapparat – eine sogenannte „Telekommunikationsregulierungsautorität“ – arbeitet fleißig an einer „Kontrolle“ soll heißen Zensur der Webweltbewegungen in Bahrain. Die sind signifikant. Bahrain hat 1,2 Millionen Einwohner. 200 000 davon (zu 70% junge Bürger) verwenden Facebook. Wo unentwegt gegen die Zustände, die da sind, protestiert wird.

Tatsächlich ist die „Situation“ in Bahrain potenziell angespannter als im Vorjahr, heuer ist Jubiläumsjahr, das junge Königreich wurde zehn Jahre alt. Runde Sache. Vor zehn Jahren hatte der Emir von Bahrain die Idee, ab sofort König zu sein. Politische Stütze gab es von den USA, die fanden es nützlich, dass es dafür – eine Hand wäscht die andere – im Gegenzug Muslims gab, die voll des Lobes über das amerikanische Umackern des Irak waren.

10 Jahre

Zehn Jahre König Hamad bin Isa Al Khalifa, nebst Clan (Premierminister Khalifa bin Salman Al Khalifa, auch der F1-Verantwortliche ist ein Khalifa), das schreit dringender als üblich nach dem globalen Feelgood-Faktor nebst Imagepolitur, die so ein Rennspektakel verabreicht, das sah wohl auch „Bernie“ so – die FIA erklärte sich „zufrieden“, dass die Sicherheit in Bahrain heuer gewährleistet sei, dem Murren diverser Rennställe zum Trotz (wenn auch nicht seitens McLaren, der britische Rennstall gehört zu 40% dem Khalifa-Clan).

Die „Jugend des 14. Februars“ wiederum versprach via Twitter fürs kommende Wochenende „drei Tage der Raserei“, in der Hoffnung auf jenen „öffentlichen Druck“, der mitunter Sand ins Getriebe der Finanzdiktatur zu streuen vermag. Nur ist das mit dem „Druck“ so eine Sache. Er hat eine Halbwertszeit. Er kann lahmen. Man kann nicht ständig empört sein.

Außerdem ist dieser Druck habituell von Inkonsistenz geplagt. Was in Bahrain wenigstens vorübergehend in die öffentliche Debatte gerät, fällt in Abu Dhabi, wo die Formel 1 ebenfalls Gastspiel hat, unter den Tisch. Kein Hahn kräht dort für die versklavten Immigranten aus Afghanistan und Pakistan, die der Wüstenstadt gezwungen gratis Paläste in den Sand bauen.

Dass ein Unzustand, den alle Emirate der arabischen Halbinsel teilen – Unterdrückung der Frauen – nicht der Stoff ist, aus dem die Kompassion von Benzinköpfen gestrickt ist, versteht sich ohnehin von selbst. Was tun auch mit Menschen, die nicht einmal einen Führerschein machen dürfen? (Obwohl, in Bahrain existiert ein Frauenkonzil, geführt von, erraten, einer Khalifa, der Großtante des aktuellen Herrschers).

Bernie Ecclestone, ein gelernter Gebrauchtwagenhändler, fährt diesbezüglich allerdings schon immer eine eigenwillige Gedankenlinie („Frauen sollten weiß gekleidet sein, wie die anderen Haushaltsgeräte“). Für alles andere bleibt er beim abgegriffenen Standardsatz: „It´s just business“. Das man nicht mit politischen Umständen in Zusammenhang bringen dürfe.

Natürlich ist es nie korrekt, Sport lediglich auf das Niveau eines Geschäfts runter zu würdigen. Sport ist viel mehr, in großen Momenten kann er uns Ekstasen verschaffen, hin und wieder aber degeneriert er auch zum schnöden politischen Akt. Aber sag das mal einem Mann, der es mit der Formel Billig-einkaufen-teuer-verhökern zum Milliardär brachte. Warum soll so einer umdenken?

Aus dem Archiv »

Keine weiteren Posts zum Thema gefunden. Der Zufallsgenerator empfiehlt:
Girl Friday – Buch des Bösen 20. Kälte von Gabbi Werner

Schreiben Sie einen Kommentar / Leave a comment

Sie können diese HTML-Tags benutzen:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Dieser Weblog unterstützt Gravatar.

 

ZiB21 sind: unsere Blogger