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Der Fall Fabrice Muamba: Twitter und Tabu

Von | 01.04.2012, 18:01 | 2 Kommentare

Lapsus am Laptop: Wie ein Herzinfarkt am Fußballplatz zu einem Präzedenzfall für die Verkehrsregeln in Webwelt wurde.

Fabrice Muamba, „klinisch toter“ Fußballer am Weg der Genesung. Foto: @fmuamba

Es ist nicht jeder Erste April ein Sonntag, deswegen hatte ich für heute entsprechend was vor. Ich wollte die Erfindung der „Alko-Apps“ proklamieren, einer cleveren Software, die den Laptop vorbeugend abdreht, wenn du in alkoholisiertem Zustand netzwerken willst. Leider scheiterte das Vorhaben an akutem Erklärungsnotstand, wie sowas funktionieren könnte.

Ich muss zugeben, ich fände so eine vife App gelegentlich nützlich. Gelegentlich besucht mich ein russischer Bekannter, dann kann es leutselig werden und da gibt es immer eine gute halbe Stunde, in der ein genialer Spruch den anderen jagt. Und weil das der Umwelt nicht verborgen bleiben darf, wird eben großzügig getwittert und gesichtsbüchert.

Leider widerfährt obgenannter Genialität über Nacht gern ein mysteriöser Wandel, nüchtern gelesen würdest du die Ergüsse am liebsten ungeschehen machen. Dann fallen mir die Alko-Apps ein. Ihre Existenz könnte allerhand ersparen.

78 Minuten ohne Herzschlag

Somit zu Fabrice Muamba, 23, das ist jener nun weltberühmte Inselfußballprofi, der vor zwei Wochen während eines Cupspiel (Tottenham-Bolton) mit Herzinfarkt zusammenbrach und in der Folge laut Aussage seines behandelnden Kardiologen „klinisch tot“ war. 78 Minuten lang hat sein Herz nicht geschlagen. Dass er sich heute auf dem Weg der Genesung befindet, wird nun in der Abteilung Wunder archiviert bzw – saisonbedingt – als „Wiederauferstehung“ gefeiert.

So ein Zusammenbruch vor 40 000 Zeugen und laufenden Kameras ist, klar, der natürliche Stoff, aus dem die Twitter-Trends sind, dort war höllisch was los, zigtausende „Omygods“ und „betet für Fabrice“-Aufrufe wurden gepostet, aber nicht nur, ein 21jähriger, intellektuell vermutlich etwas herausgeforderter Student namens Liam Stacey (21) twitterte außerdem ein Zeugnis seines geistig verwahrlosten Zustands in die Webwelt:

„LOL. F*** Muamba. He’s dead!!!“

Müßig zu erwähnen, welch Welle der Empörung  der Sager triggerte, das versteht sich von selbst. Die Konsequenzen für Stacey jedoch entwickelten sich zu einem Präzedenzfall für den Verkehr in Webwelt. Stacey wurde ausfindig gemacht, verhaftet und in kurzem Prozess zu 56 Tagen Knast verurteilt. Wow.

56 Tage Haft. Für ein getwittertes Schimpfwort. Das in Verbindung mit, zum Beispiel, „Banker“ oder „Politiker“ generell ohne Echo im Äther verpufft wäre. Bei Fabrice Muamba aber drastische Konsequenzen hatte. Beeindruckend.

Ich hab aber kaum Schwierigkeiten, dafür Verständnis zu entwickeln, wenn auch ein simples, sag England und ich sehe eine gewachsene Kultur der Stämme. Stämme, die mit anderen Stämmen friedliche Co-Existenz beschlossen und dafür entsprechend soziales Rüstzeug entwickeln mussten – hier etwas Wie-du-mir-so-ich-dir („my hone is my castle, your home is yours“), dort etwas mutueller Respekt („fair play“). Das ermöglichte einerseits allfälligen, gesamtbritischen Schulterschluss, wenn mal der Franzose oder Spanier oder Deutsche von dummen Expansionsambitionen heimgesucht wird. Andererseits impft gerade das Prinzip des Fair Plays bei etwaigen Wickeln unter einander gegen die Gefahr einer zukünftigen co-existenziellen Unmöglichkeit.

Fußball in England läuft für mich unter Stammeskultur, Tribalism, der (hardcore) Fan eines Klubs ist Teil eines Tribes und Fair Play hat nicht nur am Rasen sondern auch auf den Rängen strikte Regeln. Sie können einander gern insultieren, ganz und gar unakzeptabel aber ist „to add insult to injury“. Ist ein Gegner verletzt, darfst du ihn nicht auch noch beleidigen, das wäre wie einem Wehrlosen einen Tritt versetzen, es wäre das Letzte.

Fabrice Muamba war vor zwei Wochen nicht nur verletzt, er war bereits (klinisch) tot. Der Tweet des Studenten war ein elementarer Tabubruch, die Verurteilung erfolgte denn auch wegen „Erregung extremen öffentlichen Ärgernisses“.

Das verrät erstens, dass der frisch gebackene Häftling im Kern vermutlich nicht mal Fußballfan war. Zweitens ist er eine arme Sau, dem nun auch der Rauswurf aus der Uni droht, er ist sozial out, er wusste vermutlich nicht einmal, was er tat.

Im subsequenten Berufungsverfahren pochte Staceys Anwalt auf genau letzteres, er setzte auf eine Strategie, die auch bei Unfällen im Straßenverkehr angewendet wird. An sich nachvollziehbar, Websurfen ist eine Teilnahme beim Verkehr am „Super-Highway“.

Der Anwalt bemühte ein – bei Verkehrsunfällen häufig erfolgreiches – Argument: Schuldunfähigkeit bzw verminderte Zurechnungsfähigkeit aufgrund von Vollrausch. Stacey, meinte er, war extrem hinüber und könne daher nicht für den Schmarrn, den er twitterte, verantwortlich gemacht werden, in Wahrheit sei er ohnehin ein kreuzbraver Bub, weder Rassist noch sonstwie von Übel.

Allerdings wurde der Einspruch abgelehnt. Weniger, weil Webverkehr was anderes ist als Straßenverkehr sondern vielmehr, weil der Student nicht beweisen konnte, dass er zum Zeitpunkt des Twitterns tatsächlich betrunken war.

Und so wurde Planet Twitter um ein weiteres Preisschild bereichert. Wenn der Tweet eines Inselfußballers das Image seines Vereins schädigt, kostet ihn das durchschnittlich 1000 Pfund pro Wort. Lächerlich, verglichen mit den 56 Tagen Knast, die das falsche Wort einen „Fan“ kosten kann.

2 Kommentare »

  • mare sagt:

    und was lernt man daraus? nicht zu allem seinen senf dazu geben und wenn alkoholisiert dann im intimen kreise!

    • Frater Gladius sagt:

      Ein Hoch auf die Stimme der Vernunft, mare. Und möge jeder Betrunkene ein offenes Ohr dafür haben …

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