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VintageSex. Undercover in Swingerland

Von | 29.03.2012, 17:32 | Kein Kommentar

Einsames Paar sucht Einsame zum Einsamen. Den Spruch kennt jeder, nur muss man es auch mal versucht haben. Unterwegs in Swinging Austria.

Swingpate: ÖKM-Boss Thomas Janisch, Model Anita. Alle Fotos: Erich Reismann

#80ies4u. Vergiss Webwelt und Gendering und Gaga. Denk stattdessen Print und G-Punkt und Prince. Let´s go  …

*

Eins steht für Stefan fest: „Aner, der heit nu ka Aids hat, is a Wixer.“ Und weil das Leben mehr ist als nur Onanie, entschied er sich für den Rückzug nach vorn, für die totale Lust. So, wie sich die Wähler nach einer kleinen für die totale Koalition entscheiden.

Wenn Stefan wild wird, wird er zur Stefanie. Er stülpt sich die Perücke über, schminkt sich und lackiert die Fingernägel, schnallt einen BH an und schiebt Einlagen vom Bständig in die Körbchen. Die immanente Schönheit seiner Beine küsst er mit Strapsen wach, ein Cocktailkleid seiner Gattin besorgt den Rest: Stefanie verlässt das Haus. „Unterwegs sein“, sagt er dazu.

Unterwegs ist er, wo die Szene ist. In der Lobau zum Beispiel. Oder auf den Parkplätzen der Südautobahn rund um Traiskirchen. Im Rathauspark und auf der Höhenstraße. Dort trifft er Gleichgesinnte. Paare, die einen Voyeur suchen, zum Beispiel.

Als Teenager, erzählt Stefan, „dachte ich immer, ‚wenn ich eine Frau wär, wär ich die größte Hur’.“ Die ist er heute, als Stefanie.

Stefan braucht sein Stefanie-Ich. Er ist Bankbeamter. Die Kollegen wissen nichts von der Stefanie in ihm, nicht einmal seine langen Fingernägel machen sie misstrauisch. Nur seine Frau ist eingeweiht, und wenn er frühmorgens um vier nach Hause kommt, schilt sie ihn, wenn er ihre neuen Stiefel verwendet hat.

Ich habe Stefan erstmals am Redaktionstisch liegen sehen. Als Foto, in einem Kontaktmagazin (ÖKM), das Bedürftige zusammenführt. Die Inserenten werben anonym, mit Genitalien an Stelle von Konterfeis. Mit Figuren, die an Onkels und Tanten erinnern, die jeder hat.

Nach Check mit Stefan, ob er eventuell krank sei, (Stefan: „Ich? Dann wär halb Österreich krank.“), schrieb ich als „sinnensfreudiges Paar“ (nebst Foto, Kollegin machte mit) anonym an 25 Inserenten des Kontaktmagazins. Wir boten Diskretion und bekamen 24 Antworten. Von Hobbyfotografen, zeigefreudigen Zofen und Voyeuren. Ein „geiler Zillertaler“ war auch dabei, vor allem aber Paare. Die ihrerseits einen Sinn für Videos und Strapse, Wichstreffs und strenge Erziehung, raue Zungen und Partnerschaft signalisierten. Also bissen wir an.

„Feminin?“ fragt Inge. „Probiert hab ich es noch nicht, aber vielleicht bin ichs. Mein Gott, ja, vielleicht bin ichs!“

Der Bahnhof von Braunau ist der Prellbock der Nation. Einsam wie die Station aus „Spiel mir das Lied vom Tod“ und wir fühlen uns auch ein wenig, als ob wir auf Charles Bronson warten.

Über dem Inserat hatte gestanden: „Ihr Gesicht erinnert mich an was …“. Aus dem Bild darunter hüpfte mir eine gemiederte Vagina ins Gesicht. Der Text setzte fort: „Gestatten, Fräulein Geilbold, Direktor Gliedig … Paar, beide 40, mit aktivem weiblichen Teil … sucht Pärchen oder Soloherrn …“

„Wie habt ihr es euch denn vorgestellt und was und wo und wann?“, hatte sie, ganz Sopran, am Telefon gefragt. Und hieß außerdem noch Inge.

Inge „Geilbold“ ist grün, rosa und lila im Gesicht. Untenrum in schwarzes Leder gehüllt, stiefelt sie auf uns zu. Sie freut sich über den Besuch, wie ein Kind über Cremeschnitten von der Tante. Inge bewohnt mit Mann und Kind ein Penthouse im Dach der Stadt, in etwa zwölfter Stock. Das ist toll ruhig, sagt sie, und man kann sich am Balkon nackt sonnen. Die Tochter hat sie auf die „Ranch“ geschickt, der Zweitbude, noch weiter draußen am Land.

Wir sind in der Welt der Verwöhner und Hengste. Im Inseratenabschnitt der „aktiven“ Ehefrauen, der Gattin als Pornostar, der Frau als Hobbyhure.

„Neulich waren wir auf einer frivolen Party“, beginnt Inge zu erzählen. „Das war Elite, nur Top-Leute mit Niveau.“

Inges Wohnung blitzt sauber und neureich. Der Vorraum aus dem Katalog. Wir bekommen Hausschuhe zum Überstreifen. Geraucht werden darf nur in der Küche. Mannerschnitten auch bitte in der Küche essen. Weil sie bröseln.

Wir sitzen also in der Küche. Direktor Gliedig namens Walter ist nicht da. Aber im Wohnzimmer ziert er in sportlicher Pose als Bild eine Wand. Walter war mal Kampfsportler. Leichtes Unwohlsein kommt in mir auf.

Als Walter das erste Mal vor ihren Augen mit einer anderen Frau schlief, was heißt schlief, „ins Bett hat sie ihn gezerrt!“, war Inge die Eifersucht in den Kopf gestiegen. Aber sie konnte sich beherrschen. Dann beschloss sie, dass auch ihr dieses Treiben Lust bereitete. Legte Mund an Lippen und Hand an Glied. Bis zum „Letzten“ ging sie vorerst nicht. Das „Letzte“ wär ein eindringender fremder Mann gewesen. Doch bald danach gab sie sich schon Gemeinderäten hin. Top-Leuten eben.

Neben Walter hängen im Wohnzimmer Stickbilder mit roten Rosen an der Wand. Sitzen muss man auf schwarzem Leder. In der Mitte stiehlt ein Tisch aus geschliffener Lava die Schau. Darauf legt Inge jetzt Stickdeckerl, auf die Deckerl stellt sie Gläser. Dann legt sie Udo Jürgens auf, via Fernsteuerung, und greift zur Fensterjalousie: „Wie wollt ihr´s denn – hell oder dunkel?“

Hell, Inge, damit wir dein Gesicht besser sehen.

Oh oh oh, kichert sie dankbar und legt ein Scheit zu. Sie ist, sagt sie, „immergeile Hausfrau. Aber unsere Ehe ist unglaublich harmonisch. Ich kann immer tun, wozu ich Lust hab. Mein Walter ist ja soo potent.“

Sie hatten zu inserieren begonnen, weil Walter seitenspringen wollte. Um die Ehe vor der Monotonie zu retten. Es hat geklappt. Auch wenn sie bei Liebhabern manchmal schummelt. Da stöhnt sie mehr als sie empfindet. Die Männer finden das gut. Sie auch, aber bei Walter sei sie Inge pur.

„Da ist er ja!“ Walter steht an der Tür und Inge schmiegt sich an ihn. Sie sieht knackig aus. Walter ist ein Prügel, sein Händedruck entsprechend. Sein Toupet klebt am Kopf wie angeschweißt. Er ist Verkaufsförderer für eine Firma. Direktor Gliedig hat sich hochgearbeitet.

„Hast du schon von der Party erzählt?“, fragt er. Sie hat.

„Ich bin feminin“, sagt die Frau von uns beiden. „Und du?“

„Was, du stehst auf Frauen?“ Inge saugt hörbar die Luft ein. Gott, ist das aufregend, jeder Tag birgt was Neues. „Probiert hab ich es noch nicht, aber vielleicht bin ich´s.“ Schließlich wisse Frau besser als Mann, wo es Frau guttut. Schließlich leben wir die Zeit der Begegnungen, der Selbsterfahrungen. „Mein Gott, ja, vielleicht bin ich´s.“ Inge zappelt vor Aufregung.

Walter isst, was sie ihm bereitet hat und blickt zufrieden. Wir verabschieden uns.

„Wollt ihr nicht noch was essen, ehe ihr geht? Sonst kriegt der Walter wieder vier Tage lang dasselbe. Ich koch ja soviel. Aber ein guter Esser ist er schon, mein Schatz.“

Inge bastelt Rosen aus Marzipan. Wenn sie Depressionen hat, geht sie zum Friseur. Demnächst wird sie Lederstiefel kaufen, mit Röhrln bis oben hin. Sie freut sich schon auf die nächste Party in Villach.

„Es ist total ungefährlich“, sagt er. „Man muss nur die lockere Haut mit zwei Fingern straffen und alles gründlich einseifen.“

Das zweite Inserat versprach „liebevolle Intimfrisuren vom Fachmann“. Der wohnt in Wien. Treffen an einem neutralen Platz. Ich wünsche einen Kundendienst an meiner Dame.

Wenn er bei Frau intim frisiert, hat er ein Messer in der Hand. Ein Rasiermesser. Ist das nicht gefährlich?

„Aber nein“, sagt er. „Man muss nur die lockere Haut mit zwei Fingern straffen und alles gründlich einseifen.“ Die Frisuren seien dann eine Frage des Geschmacks der Kundin. Und der Beschaffenheit des Vlieses.

Das „Vlies“ ist das Schamhaar.

Meine Kollegin will einen fünfzackigen Stern. Prinzipiell sehe er da keine Schwierigkeit, sagt er. Zur Not müsse man zwei Zacken ankleben.

Er heißt Richard und ist keine vierzig, aber früh ergraut. Er sieht Klaus Kinsky ähnlich. Er will nichts von sich erzählen, sehr wohl aber von einem Roman Bodo Kirchhoffs über die Einsamkeit der Haut. Wo der Protagonist fünf Seiten vor Buchende erstmals so richtig kommt, „bei einer Nutte aus Paraguay, die unten rasiert ist“.

Er hat den Blues, wirkt wie jener Einsame bei Hesse, der nach der Tagesroutine müde die Stufen zu seiner Wohnung raufgeht, oben dann Mozart auflegt und darauf wartet, dass nichts geschieht.

Er frisiert auch im Beruf. Sieht sich als Künstler, der allzu oft wie ein ordinärer Friseur behandelt wird. Sein Boss sei ein Typ, der mit Liebesentzug bestraft, „das trifft einen wie ein Blitzschlag“. Richard kommt „aus gutem Haus“, hat ein Geheimnis, das er nicht preisgibt. Er wirkt asexuell.

„Die Frau hat sich aufgführt, ich glaub, das war nicht ehrlich“, sagt Sigi. „So stöhnen muss man nicht, goi Traudl?“

Wir fahren ins tiefe Salzburg, weit hinter Bischofshofen, in einen wahrlich kleinen Ort. Die Freizeit alterniert dort zwischen Schifahren und warten, bis wieder Schnee liegt. Ist man dafür zu alt, bleibt das Fernsehen. Und der Sex.

Das Inserat war sachlich gehalten, es zeigte eine geköpfte schlanke Frau und offerierte „bei gegenseitigem Gefallen mehr“. Telefonisch stellte sich heraus, dass Dienstag ein schlechter Tag für ein Date sei. Da hätte die Gattin zwar ihren Kopf, dafür aber auch die Regel. Das war schmerzlich. Wir kamen trotzdem.

Sigi ist 50, Traudl 32, ihr Haus alt und ehrenwert. Alte Türen mit neuen Schnallen. Schad drum.

Wir kommen um acht, der Bub hatte vorher ins Bett müssen. Gewisse Sachen soll ein Kind nicht merken, es hat ein Bild der Eltern, das nicht verzerrt werden darf.

Sigi empfängt uns in Hemd, Krawatte und Schweiß unter den Achseln. Zur Tür hat er Traudl vorgeschickt, in gelbem Hosenanzug mit verwegenem Dekolleté. Burda 1981. Ihre Füße stecken in hochhackigen Sandalen.

Sigi und Traudl sind „ÖKM-Profis,  was wir schon erlebt haben, geht auf keine Kuhhaut“, sagt Sigi, ein Mann mit Sorgenfalten in einem seriösen Gesicht, so seriös in der Tat, dass es schwerfällt, sexuelle Wünsche in ihm zu vermuten.

„Einmal haben sogar unsere Nachbarn auf unser Inserat geantwortet. Seither muss ich immer lachen, wenn ich ihn seh. In Verdacht hatten wir ihn schon lange, weil sie ihr Licht oft bis spät brennen lassen, manchmal bis elfe, halb zwölfe.“ Traudl nickt nervös.

Der Nachbar, sag ich, das wär doch bequem.

„Na, um Gottes Willen“, lacht Sigi, „das hätt uns noch gefehlt.“ Am Land gibt es ein Gesetz: Es soll uns niemand was nachsagen können. Jedenfalls nix Anrüchiges. Aber Sigi und Traudl werden den Nachbarn nicht ausrichten. Sie verstehen ihn.

Traudl ist ganz Gastgeberin, was wollen Sie denn trinken, haben Sie schon gegessen? Es braucht Zeit, bis ihr ein „Du“ über die Lippen kommt.

Unlängst waren die beiden in Wien. Bei der Party einer Swingerbekanntschaft. „Das war a wilde Henn“ lacht Sigi. „Erst waren wir beim Heurigen, um ein bisserl bekannt zu werden. Als wir hinkommen, waren schon Leute da, alles Männer. Da haben wir gedacht, Herrschaftsseiten, was iss denn da los? Aber Damen sind dann auch gekommen.“

„Die Wohnung war ein Riesending. Es war ein Stöhnen, die ganzen Stockwerke runter. Sowas hab ich noch nie erlebt. Die haben sich die Stufen rauf die Krawattenknöpf aufgmacht und die Blusen aufknöpft und wie wir reinkommen, sind schon überall welche rumglegen. Die Tür hat man fast nicht aufbekommen. Die Hausherrin war eine ganz Wilde, ihr Mann hat aber nur zugschaut. Und die Frau hat sich aufgführt, ich glaub, das war nicht ehrlich. So stöhnen muss man nicht, goi Traudl?“

„Wir sind gleich wieder gangen und dann haben wir uns noch in Wien verirrt. Dreimal sind wir übern Gürtel gfahren. Die Traudl hat schon gemeint, ich fahr absichtlich immer wieder an derselben Stelle vorbei. Na, nach Wien fahren wir so bald nimmer.“

Sigi lacht sich frei. Das Wohnzimmer ist strategisch überhitzt, mit Wein am Tisch und Sigis Langlaufpokalen auf Stellagen. Sein Beruf tut nichts zur Sache, sagt er, aber es ist klar, dass er eine Respektsperson im Dorf ist, deswegen hat er auch die junge Traudl. Bei ihm hat sie ausgesorgt, materiell. Aus ihrem Klo, aber das war ohnehin klar, aus ihrem Klo kannst du essen, so blitzt es.

Der warme Weißwein löst Sigis Zunge. „Gott, man erlebt was beim Swingen. Einmal, ich lieg ganz entspannt, spür ich Lippen auf meinem Schwanz. Gar ned unangenehm. Auf einmal kommt mir was komisch vor – i schau auf und merk, es ist ein Mann! Jesusmaria, mit einem Satz war ich ausm Bett. Draußen ist mir dann fast schlecht worden.“

Jetzt hat auch Traudl was zu lachen: „Ich hab das ja schon vorher gsehn und hab mich zerkugelt. Weil ich ja weiß, wie dir davor graust. Das hab ich dir gegönnt.“

„Ja ja, man erlebt schon was beim Swingen“, meint Sigi versonnen. „Bereuen tu ichs nicht.“

„Na, Dirndl“, sagt Lois, „wir wissen alle, warum wir da sind. Willst mit mir altem Krauterer ins Bett?“

Wir steigen im Motel Mondsee ab, weil wir den Lois und seine Frau dort treffen wollen. Bei ihm zuhause wären die Kinder im Weg. Und die Enkerl.

Der alte Lois hatte am Telefon nicht recht gewusst, was wir von ihm wollen. Wir auch nicht. „Es ist wie eine Verbindung zur anderen Generation, eine Unterhaltung mit einer anderen Welt“, sagte ich. Das sei schon richtig, sagte Lois.

In Mondsee steigt ein schwer übergewichtiger Karl Malden aus dem Mercedes mit dreiziffriger Nummer und drückt herzhaft Hände: „Griaß euch, i bin da Lois!“

Seine pralle Hilde ist weniger überschwänglich, hat sich aber hübsch gemacht. Sie ist beim Friseur gewesen, trägt Faltenrock und ordentlich gefönte, graue Locken.

Im Restaurant wird situationsbedingte Peinlichkeit durch gewissenhaftes Studium der Speisekarte überbrückt, das Essen riecht nach Fernweh: Steak Madagaskar, Griechischer Salat, Zürcher Geschnetzeltes. Wir reden über das Wetter, den Gewerbebetrieb von Lois und die Kinder, alle zwischen 20 und 30.

„Jetzt“, sagt der Lois, „hat der Junior den Betrieb übernommen und ich will halt noch a wengerl das Leben genießen. Und damit die Hilde auch was davon hat, suchen wir halt andere Paare.“

Weil das die Hilde will?

„Ja, die will schon“, nickt der Lois, „ned woar, Hilde?“ Hilde meint, unseren Blicken ausweichend, sie könne darauf verzichten, nur ihm zuliebe …

Aber wandern würde sie schon gern gehen. Mit netten Leuten. Oder einmal, nach 30 Jahren, ohne Kinder auf Urlaub fahren. So wie der Lois voriges Jahr.

„Da war ich in Thailand, Dirndl, da hab ich eine gehabt, die war genau so jung wie du. Das hat der Reiseleiter arrangiert. Er hat sogar aufgepasst, dass die Mädchen für die österreichische Urlaubsgruppe ganz gsund waren.“

Sozusagen keimfrei, sage ich.

„Ja, sozusagen keimfrei“, lacht der Lois. Hilde sieht aus dem Fenster. Wie ist das denn mit dir, Hilde, spürst du auch Sehnsucht nach anderen Körpern?

„Ich spür nix“, sagt Hilde, „ich möcht a Ruah haben mit dem Blödsinn.“

„Aber ja, sie will schon“, widerspricht Lois, „sie braucht nur ihre Anlaufzeit.“ Lois isst sein ‚Madagaskar’ und sieht meine Kollegin gewinnend an. „Na, Dirndl“, seine Stimme ist plötzlich rau, „wir wissen ja alle, warum wir da sind. Kannst du dir vorstellen, mit mir altem Krauterer ins Bett zu gehen?“

Hilde sieht aus dem Fenster. Wenn die Kinder das wüssten, spränge sie in den Mondsee.

„Alfablocker einspritzen“, sagt der Doktor, „dann steht er dir, wie man so sagt. Gefährlich wird es nur, wenn er länger als drei Stunden steht.“

Aus einem Brief an die Kummertante des Kontaktmagazins: „Ich bin 80 Jahre alt und verheiratet. Leider schon impotent. Möcht aber auch noch so können wie meine Frau. Wissen Sie Rat?“

Ein Arzt aus Wien wüsste Rat. Am Telefon fragte er, wie er unseren Besuch empfangen soll, „konventionell oder deshabille?“

Konventionell also. Aber er will nicht lang bei Nebensachen bleiben, es gebe da diesen Witz: „Ein Russe kommt zu einer Österreicherin ins Abteil und fragt: ‚Soll ich das Fenster aufmachen?’ –‚Nein.’ – ‚Soll ich die Heizung aufdrehen?’ – ‚Nein.’ – Meint er: ‚Genug gefreit, zieh dich aus!’“

„ … “

Er sei, sagt der Arzt, endlich in Pension, verheiratet, habe seit 30 Jahren eine Freundin. Sein Gesicht ist studiobraun, die Augen stechend. Nach zwei Tabletten spricht er von seiner neuesten Errungenschaft – einem Herzschrittmacher. Der war nach einem sauberen Infarkt notwendig geworden, der Herzmuskel zu schwach, um dem Herz noch genug Digitalis zuzuführen.

Der Doktor mitten im Vortrag. Seine Erektion, sagt er, testet er penibel. Er nimmt den weißen Rand von Briefmarken und klebt ihn vor dem Zubettgehen um das Glied. Wenn dieser Ring am nächsten Morgen gerissen ist, heiße das Erektion positiv. Wenn nicht, ist er schon beim Freund, dem Urologen.

Der Doktor weiß, was dann zu tun ist: „Alfablocker einspritzen. Dann steht er dir, wie man so sagt. Gefährlich wird es nur, wenn er länger als drei Stunden steht. Dann muss ein Gegenmittel her. Hab ich auch.“

„Männer“, sagt er, „sind empfindlich. Wenn sie einmal nicht können, schlägt sich das auf ihre Psyche.“ Erigiert ist alles, schlaff ist tot.

„Ich werde streng sein“, sagt Franz, „ich werde dich fesseln, deine Brust abbinden, Wachs auf deinen Bauch tröpfeln und dich dann befriedigen.“

Franz aus Horn ist ein ganz Junger. Im Inserat hat er sich als „strenger Gutsherr“ bezeichnet. Als Treffpunkt schlug er das „Café Cappucino“ vor, eine Ottakringer Vorstadtperle, wo Boney M sich noch nach Babylon singen.

Sein Problem, sagt Franz, ist Horn. Der Alltag fordert dort zuwenig Energie. Was tun, wenn du horny in Horn bist?

Er ist Vermessungstechniker. Pragmatisiert. Er könnte zufrieden sein. Er ist nicht zufrieden. Darum geht er als Gutsherr. Wenn sich nur eine Zofe fände, der er befehlen könnte.

„Angenommen, ich mach die Zofe“, sagt die Kollegin. „Was wäre dann?“

„Ich werde streng sein. Ich werde dich fesseln, deine Brust abbinden, Wachs auf deinen Bauch tropfen lassen und dich dann befriedigen.“

„Und wenn ich nicht komm?“

„Wohin?“

„Na, zum Höhepunkt!“

„Dann mach ich es eben so lang, bis es hinhaut.“

„Omeingott.“

Franz ist klein und schmal, höflich und zuvorkommend. Am Amt macht er Dienst nach Vorschrift. Nach Dienst will er endlich das Sagen haben.

Es klappt nicht sehr oft. Schon gar nicht in Horn. Dort, sagt Franz, kannst du dir die Kugel geben. Mit Frau erst recht. Denn dann hat es sich mit dem strengen Gutsherrn. Es ist zum Weinen.

Die Swingerszene lässt ihn noch an seine Chance glauben. Das ist wie nach Amerika emigrieren. Dort glaubst du auch an deine Chance. Selbst wenn du keine hast.

PS. Memory Lane, the End. Timewarp: 25 Jahre.  Erstveröffentlichung: März 1987, Wiener – die Zeitschrift für Zeitgeist

Vintage Evidence by FJ Sauer

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