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Sex für Fortgeschrittene 47. Warum Männer Fremdgehen Müssen

Von | 22.03.2012, 16:23 | Ein Kommentar

Müssen sie? Natürlich nicht. Auch wenn ein Wissenschaftler in seinem neuen Buch vorgibt zu wissen, warum Männer fremdgehen müssen.

Im „Es“: Renee by Erich Reismann

Ausgerechnet. Ausgerechnet ein Professor der Universität meiner Wahlheimatstadt belebt diesen horizontalurbanen Mythos wieder. Dass Männer fremdgehen müssen. Weil Monogamie das falsche Konzept ist, eine „sozial erzwungene sexuelle Einkerkerung“, die nur zu einem „Leben in Zorn und Verachtung“ führt – und in der Folge eventuell zu Magengeschwüren oder noch Schlimmerem und wer braucht das heutzutage?

Der Professor heißt Eric Anderson, ist Amerikaner und als Soziologe an der Uni Winchester tätig. Sein Buch trägt den Titel The Monogamy Gap: Men, Love, and the Reality of Cheating (Oxford Uni Press) und er schrieb es, weil „ich wissen wollte, warum Männer Monogamie wollen, dann aber trotzdem fremdgehen.“

Er sagte natürlich nicht „fremdgehen“ (go alien?), er sagte „cheat“, das ist nicht ganz so schlimm wie „betrügen“, wenn auch etwas derber als lediglich „schummeln“. Und er sprach von einer männlichen „need to cheat“, einer Notwendigkeit.

Die Männer, deren „need“ er filterte, kamen aus seinem Campus, es waren 120 befragte Studenten – von denen 78% angaben, ihre PartnerInnen zu betrügen bzw fremd zu gehen. Ihn wiederum befremdete, dass sie das nicht etwa machten, weil sie ihre PartnerInnen nicht liebten, nein, sie gingen fremd, weil sie „Sex mit anderen haben wollen“.

Langweilige Monogamie

Also: Männer gehen fremd. Weil sie wollen. Weil sie können. Weil sich die Gelegenheit bietet. Das ist erstens nichts Neues, zweitens ist es für den Wissenschaftler aber die Basis für einen – online heftig geliketen und geteilten – Aufruf zu einem Re-Design des monogamen Konzepts, zumal in seiner institutionalisierten Form der Ehe. Weil Ehe und Sex einander nicht notwendiger Weise exklusiv einschließen. Das ließe zu viele Wünsche übrig.

Warum sie ihre Samen streuen müssen, will ihn nicht wundern: „Vor allem für die jungen Männer ist das wichtig, für die monogamer Sex langweiliger ist als für frühere Generationen, weil vorehelicher Sex und Pornografie viel leichter zu haben sind.“ (Anderson)

Die Männer in seiner Studie haben von einer starken Abnahme der Frequenz und des Genusses von Sex nach zwei monogamen Jahren berichtet. Was Anderson verstehen kann: „Sie wollen lieber bedeutungslosen – und heißen – Sex mit Fremden.“

Lieber als was – als bedeutungsvollen – und innigen – Sex mit dem Lebensmensch?

In der Tat, meint Anderson. Wenn plötzlich ein knackiges Wesen vor dem Mann erwächst, das ihn antörnt, will er nicht unbedingt bedeutungsvollen Sex. Aber er will. Und ist er gebunden, stehe er im Konflikt – aus dem ihn nur die Lüge befreit. Weil Untreue ein Scheidungsgrund ist. Und das sei falsch: „Nicht die Untreue zerstört eine Ehe, sondern die irrationale Erwartung, dass die Ehe den Sex exklusiv auf Ehesex zu reduzieren hat.“

So weit, so Prof. Eric Anderson.

Die Rede ist also von einem Bedarf an Re-Branding und nach Meinung des Soziologen ist es die monogame Beziehung, die überholbedürftig ist, das Fremdgehen brauche mehr offizielle Toleranz.

Dem Sex selbst – in seiner leichten Verfügbarkeit als fremder Happen (auswärts essen) oder Pornografie (Fastfood-Kette) – belässt er seine Konsumartikelhaftigkeit. Es sei wie mit Süßigkeiten, meint er: „Wenn du dauernd nur Snickers nascht, willst du auch mal einen Marsriegel.“

Konsumsex

Sex als Nascherei also. Nun gibt es zwar tatsächlich Studien, in denen Sex und Schokolade verglichen werden (siehe Sex für Fortgeschrittene: Nullbock After Eight), nur wird Sex damit unnötig verniedlicht. Zwar hat er sich schon lange von seinem originalen, biologischen Branding (Genpool-Transfer auf die nächste Generation) entfernt. Aber nur, weil wir in einer Konsumgesellschaft leben, dem Sex eine Konsumartikelhaftigkeit zu verpassen, ist so billig wie es klingt, es ist ein Verramschen.

Weniger trashig, dem Sex selbst ein Sexing-up zu gönnen, ihn als kommunikativen Akt zu akzeptieren, mit anderen Ausdrucksmitteln und einer Logik, die mit der rationalen wunderbar wenig am Hut hat. Als Kommunikation von Sexpartner mit Sexpartner, im heterosexuellen Fall ein kommunikativer Akt zwischen „Mann“ und „Frau“. Das ist elementarer als nur Konsum und entsprechend bewusst umgesetzt führt sie auch zu einer modifizierten Haltung – in der nicht die individuellen Persönlichkeiten der Sexpartner im Mittelpunkt stehen, sondern das Dazwischen. Das Tun. Der Sex. Das ist mal der Grundgedanke.

Das Problem, das Anderson denn auch mit der Monogamie hat, ist diese (omnipräsente) Subjektivität. Er kann nicht objektivieren. Er kann den Sexakt nicht von der Individualität des Gegenübers lösen, er hat Sex mit einer Anna oder Gabi oder wem, anstatt Sex mit „Frau“ zu haben (bzw, im homosexuellen Fall, mit „The Other“).

Ich persönlich nehme derlei subjektives Verharren beim Sex mit einer Prise Salz. Weil mir das – mit Freud gesprochen – wie der krampfhafte Versuch erscheint, das Soziale Ich dem Animalen Es aufzuzwingen. Das mag zivilisiert sein, sexuelle Haltung ist es nicht. Sex will Objektivität, so macht er Sinn, die objektive Frau bleibt länger faszinierend als die subjektive Ursula. Meint der Romantiker in mir. Der sieht auch die Chance, dem Sex – erster schöpferischer Akt – jenen Respekt zu erweisen, der ihm zusteht. Marsriegel, my ass.

Das ist auch der Punkt, der sämtliche Probleme Andersons lösen könnte. Wenn Mann objektiven Sex mit „Frau“ hat, erübrigt sich, welche Frau das nun ist (warum also nicht die seine?). Das kann nun natürlich einerseits ein (Gewissen beruhigendes) Rezept der Ebene „Wie Mann fremdgeht und dennoch treu bleibt“ sein, andererseits ist es auch nützliche Basis für funktionierende Monogamie – die eben etwas Disziplin erfordert: Wenn du mit ihr ins Bett gehst, Mann, ist Schluss mit Schatzi. Sie ist hier nicht mehr dein subjektiver Darling, sie ist Sexobjekt (- und möge das störende Korsett der Politkorrektomanie mit dem G´wand abgelegt werden, es ist die falsche Art Lingerie).

Die Verbindlichkeit von Liebe beim Sex wird maßlos überschätzt. Das sieht Anderson zwar auch so, außerdem sieht er etwas nicht. Er sieht nicht, dass entsprechende Entbindung im monogamen Konzept ebenso funktionieren kann. Du kannst mit Betreten des Lotterlagers raus aus dem Ich und rein in das Es. Ist noch dazu interessanter, ist wie eine Abkürzung zur Substanz von Sex. Wenn du willst. Es bietet sich an. Beim Seitensprung schöpfst du ohnehin nur den Rahm an der Oberfläche ab.

Selbstverständlich hilft es, wenn am Anfang der Beziehung auch die Erkenntnis stand, dass horizontale Harmonie gegeben ist.

Und wenn der Soziologe nun doch ein konsumgesellschaftliches Argument braucht, warum Fremdgehen gar nicht so attraktiv ist – wie wärs damit: Fremdgehen ist Teuersex, es kostet Zeit und Geld und Aufwand. Wer braucht sowas in Zeiten der Rezession? Dann schon lieber Spousonomics.

Quelle: Psychology Today

Ein Kommentar »

  • Marie_Helene sagt:

    Dann kann man ja so Plattformen wie wen datet er noch als Treuetestportal für Frrauen nur begrüßen. Als Frau.

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