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Die ÖsInnen 00. Wie geht Widerstand?

Von | 18.03.2012, 19:04 | 13 Kommentare

Es gibt Anblicke, die wecken den Rebellen in dir. Aber wie setzt du das um in einem Land, das daran gewöhnt ist, von hinten bedient zu werden?

Gladiusart

 Du kennst die Visage, nebst Kontrast zur Umwelt. Es ist Frühling, du bist bereit für den Seelenbaumel auf der Wiese – und dann grinst dich sowas an. Das Maul als Mittelfinger.

Klar, derlei Penetranz braucht keiner mehr. Reine Übersättigung, stell dir vor, du hast dich mit Süßzeug trostüberfüttert und dann kommt wer mit der Mutter allen Süßzeugs daher.

Meine Freundin, die Blasinstrumentalistin, war entsprechend unwirsch, als ich das Foto postete. „Das tut jetzt echt weh im Wohlfühlbook“, meinte sie.

Nebenan, bei meiner habituell ersten, weil habituell am Punkt befindlichen Anlaufstelle war die Laune schon im Saft: „Was gibt´s da blöd zu grinsen, du korruptes Arschloch. Glaubst das ist ein Spiel, oder was?“ Auch der Prototyp ist schneller gepostet, als du Lebensmensch sagen kannst.

Inzwischen, in Blogland, triggern die Grinser systemkritisches Mantra. „Dieses Land ist systemisch und strukturell korrupt. Moralisch verludert. Im tiefsten Inneren faul“, heißt es, in weiser Voraussicht, soll nie wer sagen, man hätt es nicht gesagt.

Es herrscht Ritual, andere Kulisse (gefräßige Computer), alter Hintergrund (morsch), verlässlicher Reflex (hilflos). Erinnerung an Ohnmacht. Impotenz. Weil: Was tun? Wie geht Widerstand?

Dennoch: Ich finde das, erstens, eigentlich eine gute Sache, weil sie nämlich, zweitens, immer häufiger Webwelt-Debatten zur österreichischen Identität anzettelt. Mit mannigfach Sprechblasen, wo etwa argumentiert wird, dass Österreich kein Land ist sondern immer eine Konstruktion war, dass es hier eine gute Handvoll von Mentalitäten (Magyaren, Slawen, Teutonen, Bajuwaren etc) gibt, die sich durch gegenseitige Begattung sozusagen verösterreicherten, und dass etwa die Engländer oder Dänen schon lange ihre Geschichte als Nationen hatten, als die Österreicher von ihrer Österreicherhaftigkeit noch nicht einmal wussten.

Ein geographisches Konzept

Damit kann ich, mit dem Zusatz, dass obgenannte Volksstämme Geschichte hatten, weil sie Chronisten hatten, so beginnt nun mal Identität. Es muss Erzähler geben. Die Insellegenden von Merlin und Arturius wurden schon seit Jahrhunderten weiter erzählt, als – 996 – die Region um Neuhofen an der Ybbs schriftlich erstmals als „Ostarrichi“ bezeichnet wurde. Merke: Die ÖsInnen begannen als geographisches Konzept. Und was anderswo in schillernden Farben von einer Generation zu nächsten weitergereicht wurde, verewigte sich im Donauraum immerhin als Aktvermerk.

Aber gut, ich drifte hier wohl ab. Ich will jetzt auch niemanden mit Babenbergern und Habsburgern quälen und mit Geschichte nur insofern, als sie mit Widerstand zu tun hat. Diesbezüglich stieß ich bei der üblich verdächtigen Quelle auf eine Eintragung des Foreign Office der Alliierten aus dem Jahr 1944: „Es gibt praktisch keinerlei Hinweise auf eine organisierte Widerstandsbewegung in Österreich. Man mag die Nazis zwar nicht, die Preußen schon gar nicht, aber die überwältigende Mehrheit der Österreicher ist nicht bereit, irgendein persönliches Risiko auf sich zu nehmen.“

Bekanntlich erhielt das „neue“ Österreich in der Folge jenen notorischen „Opferstatus“, man einigte sich auf „einvernehmliche Vergewaltigung“ durch die Nazis. Ein Umstand, der in Erich Kästner kongeniale Poesie hochkommen ließ, die es jedenfalls verdient, wieder mal geoutet zu werden:

„Ich habe mich zwar hingegeben, doch nur weil ich gemußt.

    Geschrien habe ich nur aus Angst und nicht aus Liebe und Lust.

    Und daß der Hitler ein Nazi war – das habe ich nicht gewußt!“

Dieses Opferkostüm erwies sich wohl als kammod, damit ließ sich viel unter den Teppich kehren, noch ein Kanzler Schüssel (das sollte man nie vergessen!) wollte „nie zulassen, dass man Österreich nicht als Opfer sieht“.

Leider hab ich es nie begriffen. Es wollte mir nie verständlich zwischen die Schläfen, welche Vorteile es haben könnte, Opfer einer Vergewaltigung zu sein. Ich meine, solche Opfer leiden traditionell an Knüllern wie Minderwertigkeitsgefühlen und Selbsthass – wer braucht das?

So ein Opferstatus schafft außerdem Haltungsprobleme. Für etwaige Anfälle von Widerstand, zum Beispiel, fehlt das Rückgrat. Ganz abgesehen vom unvermeidlichen Niveauverfall, den Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki in seiner bekannt diplomatischen Art mal so formulierte: „Das Niveau dort ist erbärmlich. Wir können seit vielen Jahren aus Österreich keine Gäste einladen.“

Dennoch wurden vor wenigen Jahren (2008) Zeichen eines verblüffenden österreichischen Patriotismus notiert. Die ÖsInnen, soll eine Umfrage gezeigt haben, seien überwältigend mehrheitlich stolz auf ihr Land, die nationale Frage war lediglich, ob es nun eine „Willensnation“ (wie die USA) oder doch eher eine „Kulturnation“ (wie bitte?) sei. Und zur Frage, was denn nun eine(n) „echte(n) ÖsIn“ ausmacht, hielten 52% der Befragten die ÖsInnenhaftigkeit der Eltern für Ausschlag gebend. Wenn das keine Qualität ist.

Allerdings traute etwa der Politologe Anton Pelinka, Onkel von Ehwissen, der Sache nicht: „Der neue Patriotismus … soll Verstand durch Wohlgefühl ersetzen; und die oft schmerzhafte Analyse durch dumpfe Nestwärme. Ich mag das nicht.“

Ich auch nicht. So ein Patriotismus hat erst meinen Respekt, wenn er wenigstens weiß, wie Widerstand geht. Aber was soll von Nichts kommen, außer nichts?

Wahrscheinlich muss das erst gebüffelt werden. Meinetwegen mithilfe von Filmen wie Andreas Hofer – Die Freiheit des Adlers. Oder vielleicht erzählt Ernst Molden mal was über seinen Vater Fritz, der mit O5 den Widerstand gegen die Nazis wenigstens versuchte. Außerdem möchte ich einen Thriller über Franz Jägerstätter sehen, der 1938 als Einziger seines Ortes (St Radegund, OÖ) gegen den Anschluss stimmte.

Überhaupt der Jägerstätter, für den hab ich Zeit. Weniger, weil er von einem Zug träumte, der in die Hölle fuhr, sondern natürlich deswegen, weil er diesen Zug mit den Nazis identifizierte – und sich infolgedessen den Kakerlaken entgegen stemmte, koste es was es wolle (in seinem Fall das Leben).

Außerdem stammt meine Mutter aus Radegund. Und leider nein, sie war nicht seine Tochter, ich hab das mal überprüft. Gott, hätt mich das gefreut …

Natürlich kannst du jetzt sagen, der Mann war doch bescheuert, wie kann man nur wegen eines Alptraumes sein Leben riskieren. Aber ich sag dir, es war Noblesse, und wenn solch noble Haltung mit dem Tod bezahlt wird, dann erwächst seinen Landsleuten die moralische Pflicht, die Legende nicht sterben zu lassen. Das sind die besseren Felsen für die Fundamente eines Landes.

Das Prinzip Widerstand braucht ein Sexing-up. Es muss attraktiv werden. Damit so Typen wie der Grinser da oben es sich dreimal überlegen, ehe sie sich uns nonchalant via Körperzonen nähern, die kein Sonnenstrahl erreicht.

13 Kommentare »

  • Arthur sagt:

    @„Was soll von Nichts kommen, außer nichts?“: nur was nicht ist, ist möglich.

    • Dani sagt:

      Alles kommt von nichts, mein lieber.

      • Arthur sagt:

        da bin ich mir nicht sicher. vom nichts kennen wir nur die oberfläche.

        • Dani sagt:

          dann ist nichts also die hülle vom alles? burschen, machts mich nicht schwach!!

          • Arthur sagt:

            keine sorge, das nichts ist mehr als wir uns vorstellen können, Wissenschaftler haben es entdeckt und meinen, dass es wie der Ozean ist und wir kennen nur die Oberfläche, vielleicht ist alles drinn oder auch nichts. aber eigentlich sind wir jetzt weit weg vom eigentlichen Thema

  • Fnf sagt:

    somehow hab ich den eindruck, dass die sprachkultur des fraters ein wenig gelitten hat. ich hätte eher „, ehe sie uns nonchalant griechisch bedienen.“ erwartet.
    naja.
    wo bleibt die zuversicht in die göttliche gerechtigkeit? „siehe, die werden ihr fett schon noch abkriegen und es wird heulen und zähneknirschen sein.“ oder so ähnlich steht ja da was in eurem corporate manual.
    und warum dieses plötzliche coming out des frater? da braucht man ja wirklich keine cia-ausbildung um die realid im wohlfühlbuch rauszufinden. oIoo *g*

    • Frater Gladius sagt:

      Kommt drauf an, zu welcher Stunde Sie dazu gestoßen sind, Fränk. An jener Stelle existierten vergangene Nacht im Lauf der Gläser die unterschiedlichsten Floskeln. Aber wahrscheinlich haben Sie recht …

      • Fnf sagt:

        vor einer stunde stand da noch „arschficken“. müssen ziemlich große gläser gewesen sein…

        • Frater Gladius sagt:

          Kann ich mir unmöglich vorstellen. Dementiere entschiedenst! Da käm ich ja vom Beichtstuhl nicht mehr hoch vor reuetriefender Scham. Aber dass ich vor etwa elf Stunden an nämlicher Passage auch mal symbolisch einen Billiard Cue in der Hand hielt, den ich, soweit ich erinnere, irgendwohin „rammen“ wollte, das muss ich wohl zugeben …

          • Fnf sagt:

            naja. gibt ja durchaus leute, die meinen, dass ich unter halunkinationen oder ähnlichem leide. letztlich verdien ich damit ja auch meinen lebensunterhalt…
            allerdings würde ich den gebrauch dieses volkstümlichen terminus als läßlichere sünde sehen als sich, wenn auch nur gedanklich, an vlad dem pfähler ein beispiel zu nehmen. der mann wurde nach seinem abgang vermutlich nicht mit harfe spielen betraut.
            aber ich will mal nicht so sein. wie wär’s mit fünf pater noster und schwamm drüber?
            also nicht das gedicht runterleiern, sondern fünf mal das, was der pater noster macht in einem zehnstöckigen gebäude. treibt auch die reste der glasinhalte aus.

  • Thomas sagt:

    Österreich ist kein Land. Es ist das Überbleibsel eines zusammengebrochenen Europäischen Reiches, das sich selbst als Weltreich verstanden hat. Also ist es nicht so verwunderlich dass sich die Opportunisten, Trittbrettfahrer, und Feiglinge, mit den Beamten und Günstlingen in diese Restregion zurückgezogen haben, als es am Ende war mit dem „Heiligen Römischen Reich“. Daher ist die „Kaiserliche“ Korruption und die augenfällige hohe Konzentration an frecher, arroganter Dummheit nicht erstaunlich. Aber es gibt hier trotzdem auch anderes. Ich erlebe jeden Tag Menschen, gerade hier, die reflektiert, stark und klar sind und die solche Arschgesichter nicht einmal ignorieren sollten (um Qualtinger zu zitieren). Denn dieses jämmerliche Raffgehabe kleingeistiger Psychopathen hat ohnehin ein bereits überdehntes Ablaufdatum. All ihre Gesetze und Spielregeln müssen nicht mitgespielt werden. Widerstand ist ein altes Wort. Wir müssen nicht widerstehen, wir müssen voranschreiten!!!

    • Frater Gladius sagt:

      Interessanter Gedanke, dieses Outing des Widerstands als altes Wort. Nur: Ich sähe „alt“ hier aber gern in Zusammenhang mit „abgenutzt“. Und so gesehen: Wie alt kann Etwas sein, das du nie versucht hast?

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