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Being Österreicher: Wer will, darf sich übergeben

Von | 18.02.2012, 7:23 | Kein Kommentar

Christian Wulff ist also zurück getreten. In der Faschingsrepublik Österreich wäre ihm so ein Unglück erspart geblieben.

Seit gestern ist er also weg, der Wulff. Er hat seinem Deutschland einen letzten Dienst erwiesen, wie es heißt. Immerhin wird gegen ihn ermittelt, immerhin soll er nicht die Wahrheit gesagt haben, immerhin gibt es auch noch so etwas wie Moral, Anstand und öffentlichen Druck, der diese Tugenden einfordert.

So weit, so hinten nach kommentiert. Doch dieser Artikel handelt nicht von Christian Wulff, er soll einmal mehr von Österreich erzählen. Oder genauer: vom vergangenen Donnerstag, der im Parlament begann und mit einer Parallelgesellschaft in der Wiener Staatsoper endete. An diesem Tag saß der Lobbyist Peter Hochegger im parlamentarischen Untersuchungsauschuss, um davon zu erzählen, welche Geldsummen während der schwarzblauen Regierungsjahre ohne nennenswerte Gegenleistungen in die Taschen von Entscheidungsträgern wanderten.

Keine Guten, keine Bösen, nur Grauzone

Die Causa beschäftigt das Land schon lange, alles ist furchtbar kompliziert, alle sind irgendwie verstrickt, es gibt keine Guten, keine Bösen, sondern nur eine Grauzone, in der sich keine Täter, sondern nur Opfer bewegen. Das kann zwar nur Lüge sein, aber im Zeitalter des Spinning sind Wahrheit oder Lüge keine Messgrößen. Es geht um Schuldzuweisungen und Unschuldsbeteuerungen, und wie man sie am besten platziert.

Hocheggers Aussagen wurden von anwesenden Journalisten eifrig via Twitter kommentiert und in die Welt geschickt. Parteimitarbeiter gesellten sich dazu. Wer wollte, durfte mitlesen, wie die Tricks aus dem letzten Krisenmanagement-Workshop in der Praxis angewendet wurden. Wer wollte, durfte sich auch übergeben.

Und das Perfide daran: Das Spinning funktioniert ja tatsächlich, immer schon. Der Skandal gerät zum Grundrauschen und mutiert so zum urösterreichischen Gemütsrausch: Ist eh wurscht. Sind eh alle gleich. Richten es sich eben. Und wären wir in Amt oder Position, wären wir genau so.

Generalverdacht am Staatsball

Und dann startet am Abend, Liveschaltung in die Staatsoper, der Opernball. Er wird gerne „Staatsball“ genannt und darum auch oft von Menschen besucht, die man nach einem Donnerstagvormittag wie diesem getrost unter den Generalverdacht stellen könnte, dass sie auch gerne mehr Geld einstecken als angemessen ist.

Die Einschätzung mag zwar nur eine persönliche Befindlichkeit sein, aber nach diesem Donnerstag scheint das Land so bei sich zu sein wie nie zuvor. Alles ist nur mehr Show, alles ist ein Linkswalzer, in dem sich an diesem Abend auch der rechte Populist dreht und dabei davon träumt, dass er sicher bald Kanzler wird.

Weil, wie gesagt, eh alles wurscht ist. Weil keiner zurücktritt, so schwer die Vorwürfe auch wiegen. Und weil Österreich ohnehin andere Sorgen plagen: Beim Staatsball nämlich, so stand es im Blatt „Österreich“, tanzten dieses Jahr sogar schon die Schwulen. Ob die so was dürfen, hat auch Niki Lauda schon einmal beschäftigt. So kriegt auch dieses Ereignis jenen skandalösen Spin, der einer Faschingsrepublik angemessen erscheint. Alles bleibt wie es ist.

Dieser Artikel erscheint auch auf The European.

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