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Die Deutsch-Italienische Freundschaft

Von | 29.01.2012, 19:24 | 2 Kommentare

Ein Kapitän verließ nicht als letzter sein Schiff, plötzlich wimmelte es von Klischeedeutschen und Klischeeitalienern. Zum Glück ist der Klischeeösterreicher nicht möglich.

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Alles ein Missverständnis, heißt es jetzt. Ziel der Stilübung, die Spiegel-Kolumnist Jan Fleischhauer Anfang der Woche in der Online-Ausgabe des Nachrichtenmagazins unternahm, war nobel. Was könnte nobler sein, als ein Grundproblem der „Eurozone“ an der Wurzel zu packen?

„Der Geburtsfehler des Euro war“, schrieb er, „sehr verschiedene Kulturen des Wirtschaftens in die Zwangsjacke einer gemeinsamen Währung zu sperren.“

Zuviel der Worte, finde ich, „des Wirtschaftens“ ist unnötig. Es wurden eben unterschiedliche Kulturen mit dieser Zwangsjacke beglückt, das „Wirtschaften“ ist nur Teilaspekt, wenn auch der für die Eurozonenmacher primäre. Es wurden wirtschaftliche Vorteile gesehen, der kulturelle Rest konnte sich mal brausen.

Aber das war nicht das Missverständnis. Letzteres wurde wohl aufgrund einer Format-Entscheidung offenbar. Fleischhauer schrieb, was er als „Satire“ verstand, also einen Freibrief, in den sich wunderbar alle möglichen kulturellen Stereotype und Klischees verbraten lassen, ohne als Autor sofort wie eine hysterische Dumpfbacke da zu stehen.

Deutsche Satire

 Zum Beispiel: „Hand aufs Herz: Hat es irgendjemanden überrascht, dass der Unglückskapitän der Costa Concordia Italiener ist? Kann man sich vorstellen, dass ein solches Manöver inklusive sich anschließender Fahrerflucht auch einem deutschen oder, sagen wir lieber, britischen Schiffsführer unterlaufen wäre?“

Auf erstes Lesen kommt man da fast mit, weniger mit der Referenz an deutsche „Schiffsführer“ (wen meinte er, die Kapitäne der Schlepper am Rhein?), aber der Hinweis auf die Briten ist logisch. Das ist eine Nation der Seefahrer, mit einem – kulturell in unzähligen Werken geouteten – Ehrenkodex für Kapitäne, die nun mal als letzte das sinkende Schiff verlassen und aus. Ein Manifest, das international fest verankert ist: Seit dem Sinken der Costa Concordia verzeichnen britische Kreuzfahrtunternehmen einen formidablen Buchungsboom.

Nur, kann man vom fehlenden Rückgrat des Kapitäns Francesco Schettino auch gleich auf die Menschen des Landes seiner Geburt schließen? Kann man natürlich nicht. Es sei denn, man macht eine „Satire“ draus. Also schrieb Fleischhauer: „’Bella Figura’ machen, heißt der italienische Volkssport. Auch Francesco Schettino wollte eine gute Figur machen, leider war ihm ein Felsen im Weg.“

Das war keine zimperliche Ansage – die der Autor denn auch unverzüglich relativierte, weil „hinterwäldlerisch“ und „rassistisch“. Nachsatz: „ … auch wenn, um im Bilde zu bleiben, nicht ganz klar ist, inwieweit das Italienische an sich schon eine eigene Rasse begründet.“

Nicht uncool. Als Germane einen Kulturkreis zu schmähen, der schon lange Toiletten benutzte, als die Germanen noch in den Wald pissen gingen, das hatte was, man konnte förmlich riechen, wo da der Mittelfinger stak.

Klar daher, dass sich italienische Gemüter etwas erregten. Nun, etwas sehr erregten. Allesandro Sallusti, Chefredakteur des Berlusconi-Blattes Il Giornale, rammte dem Deutschen gleich die Kehrseite ins Gesicht: „Wir haben Schettino“, schrieb er (am 27.1., dem Holocaust- Erinnerungstag), „aber Ihr habt Auschwitz.“ Um den Deutschen in der Folge alles an den Kopf zu werfen, was man den Klischee-Deutschen eben anlastet. So heftig, dass der englische Telegraph sich nicht verkneifen konnte, anzüglich zu fragen, „was vom europäischen Projekt noch übrig bleibt“.

Womit wir bei obigem Missverständnis sind, dem Geburtsfehler des Euro, der Zwangsjacke. Es braucht nicht viel, um den Europäer wie du und ich in Klischeedeutsche und Italostereotypen und was-weiß-ich-welche Griechen zu verwandeln.

Reale Satire

Eine Frage wäre, wie wohl der Bürger eines Landes dazu steht, das sich zwischen die hadernden Staaten schmiegt, wie sieht ein Österreicher die Sache, der ja laut einer Definition in der Times ein „Italiener (ist), der sich einbildet, Deutscher zu sein“? Noch so ein Klischee, aber …

Ich hab die Definition im Netzwerk gepostet, mitten in einen Thread, wo es darum ging, wie Österreich tickt. So hieß auch der dabei stehende Clip eines „Donnerstalk“ genannten Programms, wo ein Kabarettist namens Dorfer die Satire noch simpler realisiert als obiger Spiegel-Autor. Er lässt einfach heimische Politiker reden und fertig ist die Satire.

Der Thread war recht lebendig. „Ihr seid alle Deutsche mit komischem Dialekt“ und „Österreich gibt es nicht“ hieß es da, und selbstverständlich dauert es in solchen Fällen nie lange, bis einer die ewige Formel zitiert, Sie wissen schon, „die Kriege mögen andere führen / du, glückliches Österreich, heirate“.

Was Klischees anbelangt, steht dieser Satz ganz oben bei der Creme de la Cliché, nur wird angesichts des Videos (wo es um das Beziehungsnetz von SPÖ und Medien geht) überhaupt nicht klar, wo das Klischee endet und das moderne Österreich beginnt. Faymanns Land ist total Tu Felix.

Der moderne Österreicher hat mit seinem Klischee eine verblüffende Identität und weit weniger Probleme als Deutsche und Italiener mit ihren Klischees. Das sollte mal heraus gestrichen werden. Mögen die Deutschen gründlich bleiben und die Italiener Bella Figura machen. Bei uns, wie einer im Netzwerk meint, „wird halt viel gepudert“. Schlecht?

2 Kommentare »

  • Bernd sagt:

    Vielleicht sollte man mal weg von Schiffs, zu sprachlichen Katastrophen gehen
    http://schwabenkrawall.wordpress.com/2012/02/09/zwei-espressos-bitte/

  • saxo lady sagt:

    Dieses hysterische Journalisten-rumgezicke macht mir fast a bisserl Angst. Genauso, wie das rechts gegen links gezicke, das gerade einen Aufschwung erlebt. Ist mal wieder Ablenkung von wesentlichen Entscheidungen gebraucht? Bisserl die Nazi versus heimbeschmutzer- Keule anpacken, ein paar geschmacklose Klischees, uns schwups, die erregungskurve steigt und Kommunikation wird unmöglich. Kotz

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