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We Are ORF

Von | 22.01.2012, 16:56 | 2 Kommentare

Laut einem in ganz Österreich weltberühmten Videoclip gehört der ORF den „Österreicherinnen & Österreichern“. Klingt gut. Aber wie meinen sie das?

 

Foto: F. Gladius (screenshot)

Es ist fast ein Jahr, dass ich zuletzt in Österreich war und wir kommen gut ohne einander aus. Ich geh dem Land nicht ab und es geht mir nicht ab, im Gegenteil, Österreichlosigkeit hat was befremdlich Befreiendes, es lösen sich innere Klammern, von deren Existenz du zuvor nicht wusstest.

Eine Begleiterscheinung der Emigration ist, dass dir Österreich dort kaum in die Quere kommt, Österreich ist der Welt so egal wie die Welt Österreich egal ist.

Das österreichische Fenster zur Welt – der ORF – ist im Ausland abgemeldet, da ist nichts, was dem Rest der Welt sehenswert erschiene. Aber Ausnahmen gibt es, nämlich zwei.

Die eine – das Neujahrskonzert – hat damit zu tun, dass es in jedem Land auch Altersheime gibt. Die andere passierte gerade eben wieder. Kitzbühel. Ich hätte es fast nicht mitgekriegt, weil ich das, was sich als Schneesturm entpuppte, für einen Sendeausfall hielt. Dann machte mich die Stimme des Reporters hörig: „Sieh dir diese Leute in ihren Burberrys (Anm.: er meinte Loden) an“, sagte er zu seinem Co, „ist das nicht soo 20. Jahrhundert?“

Screenshot

Ich schaute hin und da war tatsächlich (fast) alles Ösistämmige versammelt, was in der Welt einen Namen hat: Arnold und … nun, Arnold.

Das Rest-Trio – der „Didi“ (The Good), der Judenjäger (The Bad) und der „Niki“ (The Ugly) – glänzte mit Abwesenheit.

Wiederholt im Bild dafür ein alter Mann mit gequältem „Immer-wenn-du-ein-Klo-brauchst-ist-keins-da“-Lächeln, der Reporter identifizierte ihn als Präsident. An Herrn Faymann huschte die Kamera quasi wegwerfend vorbei. Keine Ahnung, ob das an der internationalen Regie lag (die ihn nicht erkannte, woher auch?), oder ob der ORF-Kameramann einen boshaften Tag hatte.

There comes a time …

Somit zum ORF. Die Küniglberger waren Wochen lang thematischer Dauerbrenner im Netzwerk, getriggert von einem jungen Mann, der den ORF-Mitarbeitern von oben auf die Nasen gedrückt werden sollte, an sich also Business as usual, nur hatte der Typ was, das die Mitarbeiter kollektiv in „Jetzt reicht´s“-Modus verfallen ließ.

Resultat war ein allseits gelobter – und mittler Weile 500 000+ Zugriffe schwerer – Videoclip, in dem die ORF-Mitarbeiter nach Schema We-are-the-World (1985!) ungewohnte, daher schier umwerfende Haltung bezogen. Selbst die Stimmen machten mit, das waren Brusttöne der Überzeugung, nicht die üblichen,  im Kopf heimischen SchülerInnen-Stimmen. There comes a time when the ORF must come together as one, so-to-speak. Smarte Arbeit. Sie hat den oben erwähnten jungen Mann entsorgt und den traditionellen Hinter-den-Kulissen-Schacher auf die Bühne gezerrt, die widerlichen Drahtzieher standen kurz ohne Hosen da.

Und im Clip wurde dieser Satz verankert:

„Der ORF gehört den Österreicherinnen und Österreichern.“

Das stimmt. Aber wie geht es weiter? Wird GD Wrabetz, der wie ein angeschlagener Boxer rüberkam (think: Bashar-al-Assad), gesagt, wohin er sich den Filz stecken kann, kommt nun der pure „ÖsterreicherInnen-ORF“?

Von den freien ORFlern, die sich seither als „Prekariat“  (soll das eine Drohung sein?) outen, kam in der Folge Persönliches an den (imaginären) Verhandlungstisch, ihre – passend prekäre – Arbeitssituation,das fehlende soziale Sicherheitsnetz, die jämmerlichen 1000 Euro netto im Monat, für die sie nichts Geringeres als den „erfolgreichsten Kultursender Europas“ (sie meinten Ö1, Anm.) hinlegen. (Btw: Weiß Europa das? Und: Wie krieg ich den Sender in meiner Wahlheimat rein?)

Ja, das sind Missverhältnisse. Aber erstens, Kollegen: 1000 Euro im Monat? Willkommen im Klub! Diese kalte Ausbeutung ist nichts ORF-Spezifisches, sie betrifft die ganze freie Medienszene in Österreich. Reformbedürftig? Und wie. Wie wär´s mit Vernetzung und gemeinsamen Ansätzen zu Widerstand?

Zweitens ist das auch im ORF nichts Neues, das war vor einem viertel Jahrhundert nicht anders, ist mir vertraut (du arbeitest für einen Taglohn, musst aber eine Woche werken, wenn du willst, dass das Produkt auch qualitativ okay ist; Spesen? Sind deine Privatangelegenheit). Die Krot war schon immer die gleiche, warum trifft sie erst heute den Ventilator?

Drittens sind es Dinge, auf die du kommst, wenn du nicht über deinen eigenen Tellerrand hinaus blickst. Belange in eigener Sache. Per se nicht Dinge, die jene interessieren, denen „der ORF gehört“. Wenn diese Öffentlichkeit zunächst eingeladen wird, Zeuge deiner strammen Haltung zu werden und sie, die Kundin, in der Folge bestenfalls zweite Geige spielen darf, weil er, der Kundendiener, gerade betriebsintern busy ist, dann ist Schluss mit Rückenwind, ganz abgesehen von der Optik (die einen Hauch von „okay, gebt uns mehr Kohle und wir geben wieder Ruh“ hat).

Warum das wichtig ist? Weil der Satz „Der ORF gehört den Österreicherinnen und Österreichern“ eine Erwartungshaltung erzeugt. Er signalisiert „wir lassen den ORF nicht korrumpieren“. Nur: Er ist korrumpiert. Der ORF gibt ihnen nicht das Gefühl, ihnen zu gehören. Wie auch, bei so viel Schmarrn, der da läuft?

Ich meine damit nicht, man solle „die ÖsterreicherInnen“ fragen, wie sie den ORF gern hätten, die machen sich ohnehin via Quote bemerkbar und der Quoten-ORF ist mir ein Gräuel. (Das ist wie bei den politischen Wahlen, die Mehrheit ist nie meiner Meinung.)

Aber irgendwo in diesem pseudorebellischen Getöse, das sich langsam auf das Niveau simpler Gehalts-/Honorar-/Satisfactions-/Wasimmer-Verhandlungen runter schraubt, hätte ich gern auch eine Vision entdeckt. Etwa wie der ORF aussehen könnte, im besten aller Fälle. Für mich wär das natürlich ein ORF, der im Stande ist, ein Produkt vorzuweisen, das dem Rest der Welt ein anerkenndes Nicken abverlangt. Etwas, das nicht Neujahrskonzert oder Kitzbühel ist und trotzdem in meine Wahlheimat gelangt …

Dreaming is free …

Traumkino also: Ich hätte gern einen Polit-Thriller über die Lage im Land, der die Verhältnisse an der Regierungsspitze ebenso behandelt wie jene des Bürgers, in dem der Kanzler am besten eine Kanzlerin ist (die nicht Fekter heißt), in dem BürgerInnen aller politischen Lager repräsentiert werden und rational interagieren und in dem trotzdem keine Arschlöcher oder andere Baddies vorkommen (schwer vorstellbar, ich weiß), geschrieben von den besten Autoren des Landes, dargestellt von den besten Schauspielern des Landes und umgesetzt in einer Serie, die das ganze Land vor den TV-Schirm bringt.

Unmöglich? Ist es nicht. Genau das legt der dänische Staatssender seit Jahren hin. Es begann mit „Forbrydelsen“ (Kommissarin Lund – Das Verbrechen), der aktuelle Thriller heißt Borgen, wurde aus den TV-Gebühren finanziert und ist der ultimative Straßenfeger, den sich zwei Millionen der fünf Millionen dänischen Bürger nicht entgehen lassen.

Die Serie liefert auch den Beweis, dass sich Qualitätsarbeit über sprachliche Barrieren hinweg setzt, sie konnte weltweit verkauft werden (wenn auch nicht nach Österreich). Sie brachte entsprechendes Ansehen.

Die Umwegrentabilität eines Projekts wie Borgen (Clip!) besteht darin, dass es nur möglich ist, wenn sich die Macher radikal über Interventionen von politischen Parteien und anderen Interessensgruppen hinweg setzen – was für den ORF nichts anderes bedeuten würde als eine automatische Säuberung des Filzes von innen. Wer so ein Projekt umsetzt, ist „clean“. Im übrigen würde es transparent machen, wie gut die Kreativen im Land nun wirklich sind.

Okay, unmöglich. Abteilung naiv. Obwohl Dänemark weniger Einwohner als Österreich hat und deren TV-Sender ein kleineres Budget – HATTE, ehe der Rest der Welt sich in dänische Produkte verknallte. (Fact: Qualität erschöpft sich nicht an der Staatsgrenze.)

Bleibt also – für Emigranten wie mich – die übliche Kost. Das Neujahrskonzert. Und Kitzbühel. Mit Arnold. Dem Vorzeige-Ösi. Ein Ex-Governor, dem es nicht zu blöd war, seine Kennedy-Gattin mit einer Putzfrau bloßzustellen, der seither von Amerikas Gesellschaft geschnitten wird und deswegen dorthin ausweicht, wo ihm noch Liebe spendiert wird, die ORF-Kameras überallhin folgen, die Mikros an den Lippen hängen.

Soo peinlich. Soo 20. Jahrhundert. Soo ORF.

PS. Trailer „Borgen“ – laut Guardian die gegenwärtig beste TV-Serie der Welt.

2 Kommentare »

  • mare sagt:

    klar, deutlich und stimmig. das kann man sich auch nur leisten, da alle zwangsbeglückt zahlen müssen..
    wenn das nicht wäre, dann wären die zahlen so ernüchternd wie deren programm!

  • saxo lady sagt:

    liebster frater, was immer du inhaliert hast: ich will auch.
    herzlichst

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