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Das letzte Wort

Von | 04.12.2011, 18:10 | 8 Kommentare

Du bekommst keine zweite Chance, um einen letzten Eindruck zu machen. Das machte Steve Jobs´ letzte Worte – „OH WOW!“ – so wow.

Illu: gladius

Zeit für eine Rückblende. In diesem Fall ist das der beeindruckend realisierte Abgang von Steve Jobs, der am 5.10.2011 verstarb. Bekanntlich war sein letztes Wort „wow“, finale Sequenz einer Wortgruppe, die von seiner – am Totenbett anwesenden – Schwester, der Autorin Mona Simpson verewigt wurde:

„Steve’s final words were: OH WOW. OH WOW. OH WOW.“

Ein tadelloser Abgang und Anlass für viele Schreibsklaven, die Qualität des Mannes zu würdigen, selbst den letzten Momenten im Diesseits noch neue, offenbar erstaunliche Erkenntnisse abzugewinnen. Aber das war es nicht für mich. Mir imponierte sein Management der letzten Minuten.

Für mich ist das Meisterklasse in Momentanität. Der letzte Atemzug kann ein Hund sein, in  Arthur Penns „Little Big Man“ beschloss Häuptling Dan George, dass  „heute ein guter Tag zum Sterben (ist)“, hockte sich zum Zwecke Stunden lang auf den Berg – und verschob die Sache, als es zu regnen begann.

Für die letzten Worte brauchst du wahrscheinlich Glück. Das Glück einer sinnlichen Wachheit, die nicht von der Widerlichkeit etwa eines Herzanfalls überwältigt wird, wie beim unvergesslichen Wiener Poeten, der zwar auch staunte, nur halt anders („Warum ist mir auf einmal so schlecht?“).

Auch brauchst du das Glück, etwaige Schmerzen durchdrücken zu können, um nicht wie Sigmund Freud in der Pein des Krebses anzumerken, dass es „nichts als Folter (ist) und keinen Sinn mehr (macht)“ und zu verenden.

Oder das Glück eines Andreas Hofer, die erste Runde des Erschossenwerdens zu überleben und schlagfertig genug für ein paar Worte zu sein, die nicht umzubringen sind („Gott, wie schießt Ihr schlecht“).

Zweitens brauchst du Verbündete. Zeugen am Totenbett sind oft zu entnervt und konfus, um die letzten Momente richtig zu erinnern bzw redaktionell für die Nachwelt zu verfeinern. Jobs´ Schwester war eine feine Verbündete.

Ich hatte einmal ein Gespräch mit einer Zeugin, die kein Sterbender braucht. Sie hieß Monika Dannemann und war in den letzten Minuten von Jimi Hendrix an dessen Seite, allerdings so vom Hocker, dass sie nach seiner Ansage („I suddenly feel so sick“) Eric Burdon anrief – der ihr riet, dem Gitarrengott ein paar Ohrfeigen zu verpassen, um ihn wieder flott zu kriegen. Zu weiteren Worten („What the fuck, Monika!?“) ist Hendrix denn auch nicht gekommen.

Ja, du brauchst Verbündete und sie müssen nicht schlagfertig sein, nur wachsam dokumentieren. Als der amerikanischen Dichterin Gertrude Stein die letzten Minuten schlugen, fragte sie ihre Zeugen: „Was ist die Antwort?“ – Als keine Antwort kam, schaffte sie noch den Anflug eines Lachens und meinte: „Wenn es so ist: Was ist die Frage?“ Eine Sekunde später, berichteten ihre Verbündeten, war sie tot. Perfekt.

„Die Tapete oder ich – einer von uns zwei muss verschwinden!“

Es heißt, dass auch hart gesottene Atheisten in Todesnähe mit Gedanken an Gott und der Möglichkeit eines Lebens nach dem Tod liebäugeln. Walter Isaacson, Verfasser der aktuellen Jobs-Biografie, behauptet, dies sei beim Apple-Boss der Fall gewesen und natürlich ist es opportun, dessen finales „Oh wow!“ in diesem Licht zu sehen. Wahrscheinlicher, dass er das für seine – anwesenden – Kinder inszenierte. Respektabler sowieso. Und nicht halb riskant. Wie lange kann ein Kind dem Vater beim Sterben zusehen und Fassung bewahren?

Tatsache ist, dass auch hochkarätiges Kaliber nicht vor metaphysischen Fantasien schützt. Als Thomas Edison aus einem Koma erwachte, sagte er „Es ist sehr schön dort drüben“. Von Beethoven ist der letzte Satz „Im Himmel werde ich wieder hören können“ überliefert. Und bekanntlich hatte Jesus das (möglicher Weise zweifelhafte) Glück, vier Spindoktoren bei der Hand zu haben, die seinen letzten Satz „Eli, Eli, lama sabachthani?“ in Richtung „mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ gerade bogen. Andere Zeugen hatten einander nur „mal sehen, ob Elias tatsächlich kommt“ zugeraunt. Ein Disaster fürs Christentum, hätte nur letztere Version überlebt.

Allein, was Gott und Religiösität anbelangt, bin ich vom Geist Voltaires angetan, an dessen Totenbett ein Priester von ihm als letzten Akt verlangte, den Teufel zu verdammen – worauf Voltaire erwiderte: „Dies ist nicht die Zeit, um neue Feinde zu machen.“ Genialität bis zum letzten Atemzug, ein Geist, der auch Oscar Wilde zierte. Der irische Poet war cool genug, als letzten Akt mit der Hässlichkeit der Tapete in seinem Totenzimmer zu hadern: „Die Tapete oder ich – einer von uns beiden muss verschwinden!“ – Das ist Größe.

Zurück zu Steve Jobs. Warum ist Mister Apple mein Moment 2011? Es hat zum einen materielle Gründe, letztlich verwende ich gerade eine Maschine, die es ohne ihn vermutlich nicht gäbe.

Zweitens ist es eine Generationensache. Jobs war meine Generation, er war 50+ und eine Ikone meiner Generation, eine Rarität, die aus ihr hervor ragte wie ein vergoldeter Nagel.

Mit meiner Generation ist es so eine Sache. Gestern wurde am Netzwerk dieser Spruch gepostet: „Respektiere deine Eltern, sie schafften die Schule ohne Google und Wikipedia.“ Der Spruch hatte massives enthusiastisches Feedback, nur fehlte etwas. Diese Eltern – meine Generation – genossen auch Schulbildung, ohne dafür zahlen zu müssen.

Wir gingen schuldenfrei aus der Uni hervor, wir waren in Distanz zur Elterngeneration, wir wollten eine bessere Welt schaffen. Wir schufen nichts, wir haben nichts vorzuweisen, außer einem Coming Out in den 80er Jahren, per peinlichem Prototyp – dem Yuppie. Mit dem dann über Nacht alles in Talfahrt ging.

Gestern warst du mit der Linken Liste im Bund, heute mit den Fellners. Gestern hattest du kein Geld, heute massive Schulden. Gestern war Zappa, heute nur noch das Material Girl & Co. Und hatte einer großes Talent – Michael Jackson -, dann hatte er auch einen kongenialen Huscher.

Wer soll diese Generation 50+ respektieren –  verschuldete Uniabsolventen ohne Aussicht auf entsprechende Berufe?

50+ ist die Generation der Prokrastinanten, ewig kindische Genießer des Moments, immer darauf vertrauend, dass morgen auch noch ein Tag ist. Das macht iSteves Abgang für mich wichtig, er sagt, dass morgen eventuell kein Tag mehr ist (wenn auch in den Wind, die Gen 50+ hat es zu einer gewissen Meisterschaft gebracht, derlei Gedanken zu verdrängen).

Ich dachte lange Zeit, Luis Trenkers letzte Worte („I hob nix auslossn“) stellen eine perfekte Ansage für den finalen Abgang dar. Nur kann das für die Gen 50+ nicht stimmen, sie hat zwar nichts ausgelassen, dafür aber ein Disaster hinterlassen.

Bleiben die letzten Worte, nenne es einen Strohhalm, nenne es den Salon der letzten Chance. Und das ist der Punkt: Du bekommst keine zweite Chance, um einen letzten Eindruck zu machen.

PS. Dies war meine 100. Kolumne. Sie war auch bis auf weiteres meine letzte. Ich danke für Aufmerksamkeit und Feedbacks und wünsche Euch alles, was man am Jahresende so wünscht.

8 Kommentare »

  • roswitha zeininger sagt:

    trotz des eher ernsten themas höchst unterhaltsam. toller artikel.

  • Maschka sagt:

    Mich würde interessieren, wieviel Autoren die Kolumne regelmäßig beliefert haben, ich gehe von zwei aus: M. Sax und einem zweiten Autor, der allerdings in letzter Zeit nicht mehr geschrieben hat. Der Schreibstil hat sich jedenfalls stark unterschieden. Das eine mehr Pfeffer, das andere mehr Tiefgang. Finde es interessant wie Journalisten solche Texte produzieren. Wie auch immer… Hat mich gefreut und alles Gute für die Zukunft
    Maschka

    • Frater Gladius sagt:

      Danke für die Grüße, Maschka. Und nein, der Frater ist immer ein – und derselbe (es wurde kein zweiter gefunden, der ähnlich ratlos ist, wenn es um Alternativen zur Frage „was tun am Sonntag“ geht).
      Herzlichst, FG

  • saxo lady sagt:

    hmpf. wie kannst du es wagen, wertester frater, mir so ein weihnachts“geschenk“ anzudrohen. dabei war ich gerade dabei, miss gladiola ins rennen zu schicken. ach seufz. wenn, dann hätte ich schon sowas wie: ihr könnt mich mal alle…als letzte online-worte erwartet. aber um der wahrheit die ehre zu geben, ich glaubs nicht. wenn man sich zu früh zur ruhe begibt, fangen die untoten an, rumzugeistern. kann mir nicht vorstellen, dass dem frater das behagen würde.

    herzlichst

    • Frater Gladius sagt:

      Ach, wärst Du so lieb, saxo, und vertraust Ms Gladiola meine künftige Adresse an: Candolim si mer, Parapat, Goa, der erste Bauernhof nach der Bushaltestelle links und knapp 100 Meter weiter. Es ist kaum zu verfehlen, es gibt nicht viele Höfe dort. Ich habe das Gefühl, Ms Gladiola und ich haben einander einiges zu erzählen.
      Herzlichst, Dein FG

  • mare sagt:

    danke, wichtige gedanken!;-) du hast viel getan, du mann von 50+;-) vier großartige jungs verdanken dir ihr leben … das ist unschlagbar!!! weiters viele schmunzler bei deinen lesern ausgelöst und wie ich weiss, viele frauen glücklich gemacht! meine letzten worte sollen sein- hinausblickend auf´s meer zum horizont, wenn geht mit 88 jahren – bin reisefertig für die nächste dimension!!;-))

    • Frater Gladius sagt:

      Du solltest die Jungs sehen, von denen ich nicht weiß, mare …

      • mare sagt:

        oh frater, du hast das gebot „seid fruchtbar und vermehret euch“ genüge getan! ein platz an seiner seite ist dir gewiss!

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