Jetztzeit

Reality-Check: die Gegenwart in Wort und Bild

Netzzeit

Geschichten aus dem Leben mit dem Netz

Sexklinik

Alle Zeit bereit: Quality Time zum Thema Nummer Eins

Auszeit

Kultur & Freiheit: Doping zur Bewältigung des Alltags

Denkzeit

Die Welt ist kompliziert. Reden wir darüber

Sie sind hier: Home » Netzzeit » Failmanns #fail
Share

Failmanns #fail

Von | 25.11.2011, 14:39 | 2 Kommentare

Anfangs fand ich Werner Failmann, zugegeben, amüsant. Die Schwächen des Social Media-Auftritts unseres Bundeskanzlers mittels ironischer Persiflage gnadenlos aufzuzeigen, war unterhaltsam. Doch der Witz ist inzwischen gegessen.

Und jetzt alle: Failmann für die Skihütte.

Gleich vorweg: Ich bin niemand, der die eher tapsigen Gehversuche des Bundeskanzleramts auf dem eigenwilligen Terrain des Web 2.0 verteidigt. Zwar wurde mir von meinen Eltern beigebracht, dass jeder Mensch das Recht hat, Fehler zu machen, aber manche Schnitzer sollten Profis einfach nicht unterlaufen. Darum habe ich diverse Versäumnisse des @teamkanzler auch mehrfach öffentlich kritisiert – z. B. in einem Kommentar in der Zeitung medianet oder in einem Interview mit der ZiB2.

Ich schreibe diesen Beitrag also nicht, weil ich mir um Werner Faymann Sorgen mache, sondern weil ich es inzwischen bedenklich finde, wie zahlreiche „Core User“ der sozialen Medien (um das Wort „Social Media-Elite“ zu vermeiden) auf das Phänomen „Failmann“ reagieren.

Schädliche Schadenfreude

Eine dominante Rolle scheint dabei die Schadenfreude einzunehmen. Schadenfreude ist eine zutiefst menschliche Reaktion, die gerade dann, wenn es um die Bestrafung von Normverstößen in einer Gesellschaft geht – und auch die Social Media-Community kann inzwischen diesen Status beanspruchen – besonders offen ausgelebt wird.

Keine Frage, das Bundeskanzleramt hat einige Normen der Netzgesellschaft (meines Erachtens aufgrund schlechter Beratung und nicht aufgrund mangelnden Willens) missachtet und muss dafür nun auch ein gewisses Maß an Häme in Kauf nehmen. Doch offene Schadenfreude ist weder besonders sympathisch, noch sonderlich konstruktiv. Es gibt gute Gründe, warum sie in manchen Wertesystemen sogar geächtet wird – denn die Grenze zum Mobbing kann dabei schnell überschritten werden.

Fünf Fragen

Wer die sozialen Medien schätzt, sollte daher mal kurz mit dem Spotten aufhören und sich ein paar grundlegende Fragen stellen:

  • Ist „Failmann“ wirklich das, was wir uns von den sozialen Medien erwarten?
  • Einen anonymen Schattenkanzler der Republik Twitterreich, hinter dem irgendwelche Unbekannten stehen?
  • 1, 2 oder 3 Personen, die – aus welchen Gründen auch immer – nicht willens sind, ihre zum Teil berechtigten, aber zum Teil auch rufmörderischen Vorwürfe persönlich zu vertreten?
  • Ist eine Initiative, die in jeder Hinsicht noch unpersönlicher auftritt als das „Team Bundeskanzler“, tatsächlich die „wahrscheinlich erfolgreichste Social-Media-Kampagne der vergangenen Jahre“, wie „Der Standard“ so euphorisch schrieb?
  • Ein glühendes Vorbild für die Art und Weise, wie wir künftig die Möglichkeiten der (gar nicht mehr so) neuen Medien nutzen wollen?
Schmäh ohne

Wo bleiben die Grundregeln jedes demokratischen Diskurses? Müssen wir die vom boshaften Double Werner Faymanns nicht ebenso einfordern wie vom Bundeskanzler auch? Oder wollen wir lieber fröhlich schunkelnd mitklatschen, wenn eine demokratische Institution unseres Landes nachhaltig beschädigt wird?

Seit „Failmann“ dazu übergegangen ist, mit dumpfen Skihüttenrhythmen seine „15 minutes of fame“ künstlich zu verlängern, stellt er Eigeninszenierung offensichtlich über Anspruch. Darauf angesprochen, rechtfertigt er sich damit, dass sein „geschmackloses Volk“ das so will. Wem, außer sich selbst, hält „Failmann“ damit noch einen Spiegel vor?

Werner „Failmann“ war ein paar Tage lang ein unterhaltsames Satireprojekt – doch sein Witz hat sich inzwischen aufgebraucht. Übrig bleibt ein bedenklicher Cocktail aus schenkelklopfendem Humpta-Humpta-Humor und gehässigen Unterstellungen, die zum Teil auf FPÖ-Niveau (wer sagt uns eigentlich, dass „Failmann“ nicht von einer Partei unterstützt wird?) und im Schatten der Anonymität ventiliert werden.

Wenn es das ist, was wir von den sozialen Medien wollen, haben wir wirklich nichts besseres verdient. Ich will und kann mich damit nicht abfinden. Herr Failmann, bitte treten Sie zurück.

2 Kommentare »

ZiB21 sind: unsere Blogger