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Wanted: der Geist von Robin Hood

Von | 20.11.2011, 18:49 | 2 Kommentare

Es ist offiziell: Demokratie ist vorbei, Merkozy endgültig Schoßhunde der Banken. Da hilft nur noch eines: den inneren Robin Hood entdecken.

Russell Hood by Matt Carman, Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0

Wenn es um Die Krise geht, bin ich beim verblichenen Ex-Kanzler Fred Sinowatz: Es ist alles so kompliziert. Ich habe viele Fragen, aber keine Lösung. Ich hab nur einen Instinkt für Gerechtigkeit und diesbezüglich bin ich beim Lauth von gestern: „Die Welt ist ungerecht – und es gibt keinen Grund das zu akzeptieren“, heißt es da. Und: „Darum gibt es die Occupy-Bewegung. Und darum sind Politiker die wahren Weltfremden.“

Die „Weltfremdheit“ der Politiker kann ich nur bedingt unterstreichen, sie vemurksen ja die Welt zu der, die sie ist. Aber gut,  wenn „die Welt“ wir – die Wähler der Politiker – sind, dann sind Merkozy, Cameron & Co in der Tat weltfremd. Weil sie sich in ihrer Arsch-auf-Grundeis-Eurozonen-Panik um den demokratischen Prozess einen Scheiß scheren.

Beispiel Griechenland: Der frisch gebackene Ex-Premier George Papandreou wurde kurzer Hand abmontiert, weil er die griechischen Wähler in Sachen „Rettungspaket“ mitentscheiden lassen wollte. An seine Stelle wurde ein gewisser Lucas Papademos schnellbefördert. Der konnte gleich einmal das Pensionsalter anheben und die öffentlichen Ausgaben kürzen, ohne eine Wählerstimme zu brauchen.

Oder Italien: Als Silvio Berlusconi endlich gegangen werden konnte, brach auch auf diesem Portal Euphorie aus (Alexander Görlach: Es lebe Italien). Nicht, dass ich ihm nachweine. Aber sein Nachfolger Mario Monti hat eine Regierungsbank bestellt, auf der kein einziger demokratisch gewählter Politiker Platz nehmen durfte.

Den Grund für derlei Ellbogentaktik hat der Luxemburgische Regierungs-Chef Jean-Claude Juncker einmal scherzhaft so formuliert: „Wir alle wissen, was zu tun ist, aber wenn wir es tun, werden wir nicht wiedergewählt.“

Gestern Banker von Goldman Sachs, heute Regierungs-Chefs von Griechenland und Italien

Klingt fast löblich, no, „wir würden den Bürger ja gern mitentscheiden lassen, leider ist er zu blöd für die richtige Entscheidung“. Zum Teil hab ich sogar Verständnis für den Sager, mir ist auch immer mulmig, wenn Österreich wählt.

Aber der Referenzpunkt zum Thema Griechenland/Italien liegt letzlich in dieser Frage: Was haben die neuen Regierungs-Chefs Papademos und Monti im gemeinsamen Nenner? Nun, beide sind Ex-Banker von Goldman Sachs. Ehemalige Mitglieder von Protagonisten jenes Systems, das für den 2008er Crash gesorgt hatte, ohne jemals dafür gerade stehen zu müssen.

Vor sieben Sonntagen hab ich den privaten Spekulanten Alessio Rastani zitiert, der da meinte: „Die Regierungen beherrschen die Welt nicht. Goldman Sachs regiert die Welt.“ Lächerlich, oder? Mitnichten. Im englischen Independent fand ich diese Grafik von den „Masters of the Eurozone“ – acht Goldman Sachs-Leute in europolitischen Toppositionen. Wahnsinn? Methode! (Zum Text nach unten scrollen)

8 Goldman Sachs-Banker in Euro-Spitzenpositionen. Quelle: Independent

Nämlicher Rastani trat übrigens gestern bei einer Kundgebung von Occupy London auf. Die Occupy-Insulaner haben unlängst ein leeres Gebäude der Schweizer UBS-Bank besetzt und in „Bank der Ideen“ umgetauft. Der vielbelächelte Rastani ist nun vielbeachtet (HIER gehts zum Video seiner Rede).

Die Occupy-Bewegung. Premier Cameron verhöhnt sie, in den USA meinte gestern der Republikaner Newt Gingrich, die Besetzer sollten ein Bad nehmen und einen Job suchen … aber die Bewegung wächst. Weil der Bürger zwar weitgehend ignorant ist, aber die Schnauze voll hat; weil es um Demokratie geht, die Merkozys aber „nur auf Goldman Sachs hören“ (Rastani); weil die Banken – per neuerlichem „Rettungspaket“ – nun weiterhin mit dem Steuerzahlergeld spekulieren, es verlieren und sich selbst Boni auszahlen dürfen – und meinen, das zu verdienen.

Vor ein paar Wochen hieß es, die Banken könnten sich nicht an der Behebung der Misere beteiligen, weil sie „pleite sind“ (Bob Geldof). Damit, dass einfach ein paar Banker in Regierungs-Chefs umfunktioniert werden – und somit an die Rettungsmoneten gelangen – , konnte nicht einmal der coole Bob rechnen.

Bleibt der bürgerliche Sinn für Gerechtigkeit. Mit der Minimalauflage, dass die Großbanken wenigstens irgendwie zur Kasse gebeten werden müssen. Möglich, dass die Banken „nicht an allem schuld“ sind, wie mein FB-Guru meint. Aber sie haben sich vom Geld des Steuerzahlers, mit dem sie gerettet wurden, Boni auszahlen lassen. Das war die Transparentmachung der Bankerseele.

Tobin Who? Robin Hood!

Es gibt Ansätze, wie man den Banken wenigstens auf die Finger klopfen kann. Einer ging davon aus, gezielt und gleichzeitig und au masse das gesparte Geld von Großbanken abzuheben. Selten sowas Dummes gehört. Welches Geld? Bin ich der einzige, der keines hat?

Wesentlich bessere Chancen hat ein Konzept, das seit ein paar Jahren diskutiert wird und langsam Oberwasser gewinnt: die „Finanztransaktionssteuer“ bzw die „Tobinsteuer“ bzw der „Solidaritätsbeitrag des Finanz – und Bankwesens 4 all“. Ja, find ich auch zum Lachen. Nicht die Idee dahinter, die ist in Ordnung. Eine Steuer auf börsliche Transaktionen oder internationale Devisengeschäfte, eine Steuer auf Aktionen von Bank zu Bank klingt fein, auch wenn die kolportierten Steuersätze von 0.01% bis 0,05% mickrig erscheinen, aber gut, angeblich soll das Milliarden bringen und den Bedürftigen und der Umwelt zugute kommen. Das ist in Ordnung.

Aber die Namensgebungen sind bescheuert. Solidaritätsbeitrag des Bankwesens? Da lacht der Banker. Finanztransaktion? Tobin? Kennt wer Herrn Tobin? Wie soll sich für etwas breite Unterstützung einstellen, das kein Normalbürger auf der Reihe hat?

Die beste verbale Lösung wurde auf der Insel manifest, dort heißt das Ding bekanntlich (seit 2010) Robin Hood-Steuer und hat in der Bevölkerung heute eine Unterstützung von 65%. Zwei von drei Bürgern sind dafür. Weil jeder mit dem Geist von Robin Hood vertraut ist, das ist von den Geldsäcken nehmen und den Armen geben. Das ist nobel.

Robin Hood ist unsterblich weltbekannt, mit Österreich verbindet ihn sogar ein Stück Geschichte. Stichwort Kreuzzüge – Synonym für eine gesamteuropäische Finanzkrise, anlässlich welcher jeder Steuerzahler ausgeblutet wurde, um das Christentum zu „retten“. Klingt vertraut, ersetze „Christentum“ durch „Eurozone“ und du hast die Gegenwart.

Unter anderem hatten im dritten Kreuzzug (12. Jh.) auch der Brite Richard Löwenherz und der Ösi Leopold V mit einander Wickel, laut Legende landete Löwenherz im Häfen von Dürnstein und kam erst gegen massives Lösegeld wieder frei – das Englands Reservekönig John seinen Bürgern rauspresste. Und so entstand – es reicht! –  der Mythos von Robin Hood („Sich erheben, immer und immer wieder, bis die Lämmer zu Löwen werden“).

Robin Hood ist eine Idee. Eine Idee der Gerechtigkeit, deswegen hat sie bis heute überlebt. Und darum geht es heute. Es geht darum, Ungerechtigkeit nicht zu akzeptieren. Mit Robin statt Tobin ist das nicht ganz so unmöglich.

Video: Bill Nighy (Fluch der Karibik), Sprachrohr der Robin Hood-Kampagne, als Banker.

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