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Ein Schilling für deine Gedanken

Von | 13.11.2011, 16:38 | Ein Kommentar

Zehn Jahre ohne Schilling. Kein Grund, ihm nachzuweinen. Aber er bot etwas, das sein Nachfolger nie hatte.

Wertseite einer österreichischen 1 Schilling-Münze, Lizenz: gemeinfrei

Kennt jemand das „Sperrsechserl“? Ich auch nicht, aber ich habs nachgeschlagen. Als Sperrsechserl wurde einst eine Münze gehandelt, die „20 Heller“-Münze – die auch „Sechserl“ hieß. Von 1892 bis 1924 (die „große Inflation“) regierte in Österreich die „Krone“ als Währung, das waren 100 Heller.

Für ein Sechserl kriegte der Österreicher ein halbes Kilo Brot, aber das war nicht alles. In Wien war das Sechserl auch ein Schlüssel. Wer nach der „Sperrstund´“ in seine Wohnung wollte, musste dem Hausbesorger ein Sechserl blechen, damit dieser ihn reinließ. Das war das „Sperrsechserl“ – eine Münze mit weit mehr Content als nur sein materieller Gegenwert. Da sind Menschen mit Geschichten drin, der Komponist Robert Stolz schreib dem Sperrsechserl eine ganze Operette.

Die Währung eines Landes reflektiert traditionell auch Identität und Kultur seiner Bürger. Mein Favorit war immer der hedonistische französische Franc. Der Dollar ist mir zu freimaurerschlau; ein absurd rarer Fall das englische Pfund, mit dem seit über sechzig Jahren gleichbleibenden Konterfei dieser unantastbar diskreten Queen. Mein Lieblingsnote ist der Zehner, da ist auf der Rückseite der zeitlos wesentliche Charles Darwin drauf, das ist irgendwie erhebend. Auch ganz brauchbar, wenn du nur noch diesen einen Zehner hast, in der Not freut dich ein Strohhalm.

Erwachsene Österreicher teilen mit dem österreichischen Schilling einstweilen noch mehr Jahresringe, als sie mit dem Euro teilen. Am Jahresende 2011 werden es erst zehn Jahre sein, dass mit dem Schilling außer Erinnerungen genau nichts zu holen ist. Hab ich auch nachgeschlagen – und am Netzwerk per (obigem) Foto einer Schillingmünze markiert.

Das triggerte ein paar Reaktionen – „schon mal zum Wiedereinstimmen?“, „gute alte Zeiten“, „der Schü, den i ned wü“. Und dann waren da noch die Propheten. „Mehr demnächst in diesem Theater“, der eine, „keine Chance, kommt nicht wieder“ der andere.

Ich brauche hier übrigens keinen Diskurs, warum eine Re-Integration des Schillings wirtschaftlicher Wahnsinn wäre und daher undenkbar ist und so weiter. Geht mir an der Körperstelle vorbei. Aber es gibt eine kulturelle Ebene, die „Roots“, wenn du so willst, und diesbezüglich hat der Schilling – anders als der Euro – was zu sagen, in all der verdrängungsmanischen Unbeholfenheit, die „das Nachkriegsösterreichische“ (von 1938 bis 1945 zahlte die Reichsmark, ab 30.11.45 wieder der Schilling) nun mal ausmacht.

Der Schilling war nie mein Fall, er hatte was notorisch Binnenländisches, aber er bevölkerte meine Hosentasche (wenn auch nie ausreichend) und ist bis heute für Assoziationen gut. Zeig mir einen Schilling und ich erzähl dir die Story vom Kollegen, den mal ein Punk anlaberte („Alter, hast einen Schilling, ich muss einen Freund anrufen.“ –  „Hier hast zwei Schilling – ruf alle deine Freunde an.“).

Die Episode ist in mir zementiert, sie ist historisch präzise – prädigital, prä-Handy -, sie ruft den Münzautomaten wach, für den der Schilling ein Sperrsechserl sein konnte.

1000 österreichische Schilling, Lizenz: gemeinfrei

Am anderen Ende des Spektrums stand lange der „Blaue“ – die 1000 Schilling-Note –, auf dem ab 1970 die legendäre Bertha von Suttner prangte, Österreicherin und erste weibliche Friedensnobelpreisträgerin.

Der eine „zeitgenössische“ Banknotenstar war der Freud-Fünfziger, der Ende 1987 unters Volk geriet, wohl als Memento des 50. Jahrestags seiner Emigration nach England, ein zögerliches Outing für versuchte Vergangenheitserhellung.

5000 Schilling-Note by Robert Kalina, Lizenz: gemeinfrei

Nach dem Filmerfolg von „Amadeus“ (1984) erinnerte auch die Republik ihren größten Vorzeigesohn. Mozart gelangte Ende 1989 auf den Fünftausend Schilling-Schein – der unter anderem als Folge des Yuppie-Crashs gedruckt wurde, als Banknoten und Preise immer höher stiegen, das Durchschnittseinkommen des Österreichers denoch langsam, aber sicher nicht mehr mitzog.

Und das war der Schilling. Klein, aber mein. Und ich weine ihm nicht nach. Aber der Euro war mir von Anfang an unsympathisch. Die Banknoten sind hässlich und wirken hastig hingeschmissen. Ich könnte nicht sagen, wer oder was auf welcher Note zu sehen ist, auf dem 20-Euro-Schein, den ich grad vor Augen habe, sind ein paar anonyme Kirchenfenster drauf. Gebäude statt Persönlichkeiten, humane Ikonen erhielten vorbeugend das Prädikat heikel, was dem einen ein Idol ist, könnte den Nachbareuropäer provozieren. Sollen solch tote Noten die vielfach beschworene europäische Identität anwärmen? Ist mir der Grieche heute näher als prä-Euro? Na gut, das schon.

Der Euro war und ist eine Funktionswährung ohne Herz, die gewachsene Kultur und Identität unzimperlich mittelfingerte, um paneuropäisch ein paar Mäuse mehr zu machen. Eine Währung für Buchhalter. Es fällt mir schwer, für sowas Respekt zu empfinden.

Ein Kommentar »

  • Saxo Lady sagt:

    naja wenn zeit der bestimmende faktor ist, müssen wir halt noch ein bisserl warten, bis uns der euro auch ans herz wächst. meine söhne kennen übrigens nix anderes. dieses rührselige nachtrauern ist ja besonders bemerkenswert für mich. kann es damit zu tun haben, dass wir dem Geld mehr zutrauen wollen, als es kann? Geld ist Tauschmittel. Punkt aus ende. und wenn das eine tauschmittel nicht mehr reicht, weil das Vertrauen darin verloren ist, dann wird es ersetzt. der Wert dahinter ändert sich nicht. ich kann immer noch saxophone spielen, ob in dollar, euro oder schilling oder von mir aus wurstknödel und sauerkraut gewechselt.
    genau diese seltsame personifizierung und emotionalisiserung des geldes hat uns genau daher geführt, wo wir jetzt sind. da haben wir uns, gut aufbereitet von wirtschaft und politik, einreden lassen, dass „geld kein mascherl hat“ und es demnach überhaupt keinen Zusammenhang zwischen Zinszugewinnen einerseits und völliger Zinswucher und Ausbeutung in Entwicklungsländern andererseits gibt. dass es nämlich so ist, das das geld, wenn es von den richtigen leuten wohlbehütet ist, im warmen tresor eier legen kann. und dann sind wir reich. jö schön.
    und plötzlich…hoppala…nix eierlegen? tja, und dann kommt natürlich die selbstverantwortung ins spiel. weil bitte, die bankberater, die vorher genau zu diesem konstrukt geraten haben können natürlich keine Verantwortung dafür übernehmen. das muss schon der kunde in selbstverantwortung. nicht, dass der kunde von der materie eine ahnung haben muss oder kann. aber wenns schief geht, auf jeden fall die verantwortung übernehmen. weil die banken sind, wie wir jetzt endlich alle wissen, too big to fall. also, was sie uns vor 4 5 oder sechs jahren geraten haben, was wir natürlich getan haben, dafür können die netten experten leider nix. da kann man sie auch nicht zur verantwortung ziehen. weil, wo bliebe denn da die selbstverantwortung? also, nicht die der banken und experten natürlich.

    ups, da bin ich wohl wo abgebogen. herzlichen dank für die nette predigt, verehrtester.

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