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Keine Alternative in der Krise? Es gibt doch uns – das Volk!

Von | 11.11.2011, 10:24 | 4 Kommentare

Das Euro-Krisenmanagement ist weder zeitgemäß noch adäquat. Der Schlüssel zum Erfolg liegt bei Europas größtem Talente-Pool.

„Gibt es denn eine Alternative zum Sparkurs?“ fragte händeringend ein hoher EU-Kommissionsbeamter vor wenigen Tagen in Brüssel und fügte hinzu: „Wir bekommen höchstens ein Prozent Wachstum zusammen.“

Die Aussage ist exemplarisch für das bemühte, aber falsche Euro- bzw. EU-Krisenmanagement. Es steht unter der Devise: „Es gibt keine Alternative.“ Da werden Wälle um Märkte hochgezogen und Milliarden ins System gepumpt. Brüssel versucht den Riss zwischen den EU-27 und Euro-17 zu kitten. Deutschland braucht einen reformierten EU-Vertrag, Griechenland und Italien beben. Wir wissen, dass wir wenig bis gar nichts über die Konsequenzen und Spätfolgen derzeitiger politischer Handlungen wissen.

Wir stehen vor einer komplexen Systemkrise. Die zentrale Herausforderung scheint daher weniger die mittelfristige Rettung des Euro zu sein. Eher sind eine profunde Zwischenbilanz der europäischen Integration, eine Wertedebatte (inklusive Verteilungsdebatte) und schließlich eine Anpassung von Europas Prinzipien, Regeln und Zielen an die nächsten Jahrzehnte gefragt.

Die Soft Power geht vom Volk aus 

Die wichtigsten Berater für so einen Prozess aber blieben bisher ohne Auftrag: das Volk. Es gibt heute in Europa mehr gut ausgebildete Menschen und mehr partizipative Bereitschaft denn je zuvor. Hunderttausende Individuen und Gruppen erzeugen auf hohem Niveau gesellschaftlichen Mehrwert. 60 bis 75 Millionen Europäerinnen und Europäer sind laut dem Soziologen Neil Fligstein nur zwei Generationen seit den Römischen Verträgen bereits aktive Europazugpferde: Sie leben und arbeiten multilingual und mobil.

Das Phänomen heißt „Soft Power“. In der Weltpolitik bedeutet Soft Power, dass ein Land mit gutem Beispiel vorangeht und andere Länder gewaltlos zu Verbündeten werden, weil sie das Erfolgsgeheimnis ihres Idols nachahmen. Innerhalb der EU geht die Soft Power heute vom Volk aus. Sehen Angela Merkel, Nicolas Sarkozy & Co. nicht, welche Anziehungskraft vom prallen Leben außerhalb der Politik ausgeht? Warum denken heute sämtliche Akteure systemisch, vernetzt und innovativ, nicht aber Spitzenpolitik-Akteure?

Das Volk hält einen großen Erfahrungsschatz für die EU-Krisenmanager bereit: die Auflösung traditioneller Kategorien, die Drosselung der Geschwindigkeit, zyklisches und kühnes Denken.

Einige Innenstadtplaner etwa sagen: „Schluss mit der Segmentierung, wir vermeiden Unfälle, wenn wir die Trennung in Straße, Bahntrasse und Gehsteig aufheben.“ Ihre Lösung: die gemeinsame Straße („shared space“).

Gourmets verabschieden sich von Hektik und Masse, um sich auf Regionalität und Qualität zu konzentrieren. Sie sind Teil der Slow-Food-Bewegung. Kommunalverwalter sagen: „Schluss mit der Verschwendung. Wir wollen das Kreislaufdenken perfektionieren.“ Ihr Trumpf: Energiegewinnung aus Abfall („waste to energy“).

Agronomen bringen die Landwirtschaft energieeffizient mitten unter die Leute („urbane Landwirtschaft“), Telekom-Pioniere organisieren ganze Gesundheitssysteme per Mobiltelefonie („m-health“).

Auch multinationale Unternehmen hätten Tipps für die EU parat. Nicht nur haben sie im Diskurs zu guter Menschen- und Organisationsführung die Nase vorn. Auch wollen sie Meister, nicht Opfer, der Veränderung sein. Die Firma Volkswagen etwa präsentiert in einem Szenario für den Alltag im Jahr 2028 ihre Rolle als Mobilitätsdienstleister. Autos für den individuellen Besitz sind gar nicht mehr Teil der Rechnung. Oder der Shell-Konzern: Er sieht sich übermorgen als Energieversorger – und Öl ist gar nicht mehr Teil der Rechnung.

Millionen krisenerprobte Bürger

Gebildete Nicht-, Frust- und Protestwählerinnen und -wähler wiederum verhandeln in den „Occupy“-Zeltstädten jene Werte, Gesetze und Institutionen, die aus der Krise gestärkt hervorgehen sollen. Andere denken in renommierten Instituten oder Denkfabriken hauptberuflich nach vorn. Und schließlich sind Millionen von Bürgern krisenerprobt. Stichwörter: ungute, instabile oder gar keine Arbeitsverhältnisse, veränderte Dörfer und Städte, Patchwork-Familien.

Die vielfältigen Anstrengungen des Volkes weisen den Kanzlerämtern und den EU-Institutionen eigentlich den Weg zu Alternativen. Denn an schier unlösbare Probleme gehen Krisen- und Komplexitätserprobte heran, indem sie bisherige Annahmen infrage stellen. Sie sind offen für Überraschungen, bereit zum Scheitern, fähig zum Lernen. Sie entdecken neue Handlungsketten. Sie stellen die Eingabevariablen für den Erfolg zeitgemäß und relevant zusammen (ein Beispiel ist die Debatte um die Erweiterung des Systems der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Sie soll auch Zusammenhänge zwischen Umwelt und Wirtschafts- und Sozialsystem beschreiben).

Eine Inventur der Integration

Und die Euroretter? Die meisten insistieren, dass sie jetzt Wichtigeres zu tun hätten – nämlich den Euro und die EU zu retten. Ihre Berater tendieren weder zur Interdisziplinarität, noch würden sie die sinnvollen Empfehlungen des EU-Weisenrats (dem auch der Architekt Rem Koohlhaas und der Demograf Rainer Münz angehörten) in die Unterlagen zu den Krisengipfeln legen. Das könnte sich als fatal erweisen. Denn wie man gutes Geld nicht schlechtem Geld nachwerfen soll, scheint es wenig ratsam, einer von vielfältigen Wechselwirkungen geprägten EU- plus Eurokrise mit linearem Denken begegnen zu wollen.

Ein profundes und angstfreies EU-Krisenmanagement würde einen modernen Dialog mit dem Volk mit sich bringen. Die Aufgabenstellung wäre die Inventur des Integrationsprozesses. Man würde sich dadurch neue Integrationsdividenden erschließen – etwa die Verbindlichkeit von Institutionen, strenge Rechtsstaatlichkeit, innovative Vielfalt, humanistisches Erbe.

Man käme wohl darauf, dass der „europäische Fußabdruck“ einer individuellen Laufbahn, einer Firma oder einer Stadt weitaus mehr beinhaltet als die angeblich „konsumierten“ Ziele Friede, Euro und Schengen. Man würde verstehen, dass modernen Bürgerinnen und Bürgern auch ein Weg als Ziel zugemutet werden kann.

Europäisches Gemeingut

Man würde das europäische Gemeingut identifizieren, also eine Liste europaspezifischer immaterieller und materieller Werte, Normen und Praktiken („European Commons“). Man würde den europäischen Vertrag für jede Bürgerin und jeden Bürger definieren, sodass klar ist, welche Rechte und welche Pflichten ein Leben in der EU – im Gegensatz zu einem Leben in Russland, China, Nigeria oder den USA – mit sich bringt.

Die Bevölkerung ist Europas bester Talente-Pool. Sie bietet heute so viele Fähigkeiten und so viel Bereitschaft, dass lediglich ein paar Anrufe die politischen Entscheider von etlichen Alternativen trennen. Es gibt keine Alternativen? Es gibt doch uns!

Dieser Artikel erschien auch als Gastkommentar in der Tageszeitung Die Presse.

4 Kommentare »

  • Verena Ringler sagt:

    Mare, Claus:
    Ich insistiere: in Europa stehen relativ gesehen am meisten Menschen die Wege zum Handeln offen. Mehr Menschen als in Indien, China, den USA, Russland oder Afrika arbeiten noch dazu mit solider aufklärerischer Erziehung und Überzeugung im Kleinen oder im Großen am Fortkommen dieses geeinten Europas. Umso weniger lasse ich mir einreden, eine Finanzkrise könne den schieren Überlebenskitt dieses Kontinents (nämlich die EU) einfach eliminieren.

    Trotzdem und noch einmal: es geht drum, daß wir „da draussen“ jetzt mit jenen Politikern ins Reden & Handeln kommen, die wir derzeit haben. Wenn das gut geht, dann, irgendwann können wir den nächsten Schritt gehen und über „Truth & Reconciliation Commissions“ zur Finanzkrise sprechen.

  • Claus Hampel sagt:

    Nun, die Ideen und Worte sind sehr gut.
    Und, was machen wir jetzt damit?
    Gibt es Ansätze, wie wir das den „Politikern“ beibringen?
    Wollen wir überhaupt, dass uns diese Leute sagen, was zu tun ist und es auch durchsetzen, ohne uns zu fragen?
    Oder wollen wir lieber selbst mit-bestimmen, was aktuell wichtig ist?
    Ich denke, die neuesten Entwicklungen gehen in diese Richtung.
    Wir dürfen die „lieben“ Politiker nicht lange fragen, ob wir ihnen helfen dürfen. Wir müssen Wege finden, um uns interessant zu machen (ohne Gewalt)

    Es bleibt auf jeden Fall spannend.

  • mare sagt:

    liebe frau ringler, danke für diese zeilen, ich bin begeistert! welch klare ansage an uns alle!
    in der hoffnung, dass all die erwähnten voller zuversicht, kraftvoll und umsichtig beispielhaft weitermachen. meinen beitrag leiste ich gerne dazu.

  • Verena Ringler über das lahme Krisenmanagement Europas: Keine Alternative in der Krise? Es gibt doch uns – das Volk! http://t.co/SzoqXvCc

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