Jetztzeit

Reality-Check: die Gegenwart in Wort und Bild

Netzzeit

Geschichten aus dem Leben mit dem Netz

Sexklinik

Alle Zeit bereit: Quality Time zum Thema Nummer Eins

Auszeit

Kultur & Freiheit: Doping zur Bewältigung des Alltags

Denkzeit

Die Welt ist kompliziert. Reden wir darüber

Sie sind hier: Home » Wort zum Sonntag » Gender Gap 2011. Drama in der Damensauna
Share

Gender Gap 2011. Drama in der Damensauna

Von | 06.11.2011, 17:03 | 5 Kommentare

Wie gleichberechtigt stehen Frauen in Österreich da? Nicht so gut wie die Frauen in Uganda. Aber was hat das mit dem Treiben in einer Sauna in Spittal an der Drau zu tun?

„Drautal Perle“, Screenshot

Du weißt, was ein Aufguss ist. Heiße Kammer, glühender Ofen, Wasser auf die Glut – das ist ein Aufguss.

Aber was ist ein „Erlebnisaufguss“? Das können eigentlich nur Besucherinnen einer Damensauna wissen. Genauer gesagt: die Besucherinnen der „Ladys Night“ im städtischen Hallenbad in Spittal an der Drau, auch „Drautal Perle“ genannt. Diese Perle steht im Ruf, das modernste Hallenbad Österreichs zu sein.

Im September umwehte es vorübergehend auch ein Hauch von Avantgarde. Da überkam die Betreiber eingedenk der dienstäglichen „Ladys Night“ (17-22 Uhr) ein Anfall von Mitleid. Was tun die Damen eigentlich in diesen langen Stunden, so ganz allein in der Sauna?

Du kennst das ja. Es gibt Männer, für die sind Frauen nie unter sich. Frauen sind dann immer allein, so ganz ohne Mann, egal wie viele sie sind.

Sowas kann nur trostlos sein, in Wahrheit. Also stellte man den Damen ungefragt – und gratis! – einen nackten männlichen Spittaler in die Kammer, der den Aufguss übernahm. Und das ist also ein „Erlebnisaufguss“. Großzügige Geste, no? Man gönnt den Frauen ja sonst nix.

Ich hatte mir die Episode notiert (unter Stichwort „Dritteweltland“) und gestern fiel sie mir wieder ein – als ich im neuen Report zur Geschlechterkluft – Gender Gap 2011 – schmökerte.

Gleichstellung der Geschlechter 2011

Dieser Report macht alljährlich transparent, wie es global um die Gleichstellung der Geschlechter steht. Zentrale Frage: Hat sich was gebessert oder gähnt zwischen Frau und Mann noch immer die bekannte Kluft? Gemessen wird in 135 Ländern und zwar nach den Kriterien „Lohngerechtigkeit“, „Bildungs-Chancen“, „Gesundheit/Lebenserwartung“ sowie „politische Ermächtigung“. Und am Ende gibt es ein Ranking.

Am „gleichsten“ stehen, wie gehabt, die Frauen von Nordeuropa da, Island auf Platz eins, gefolgt von Norwegen, Finnland und Schweden. Österreich rangiert auf Platz 34, das könnte einerseits schlimmer sein, immerhin stehen die Frauen in gezählten 101 anderen Ländern noch bedienter da. Andererseits herrscht im Alpenland „enormer Handlungsbedarf“, meint Judith Schwentner, die nicht nur Frauensprecherin der Grünen ist, sondern auch „Entwicklungspolitik“ zu ihren Agenden zählt. Macht einen gewissen Sinn. Die Ressorts „Frauen“ und „Entwicklungspolitik“ haben viel Gemeinsames im Nenner.

Ich selbst muss an dieser Stelle wohl Abbitte leisten. Die Verwendung von obigem Stichwort „Dritteweltland“ ist im Zusammenhang „Gender Gap 2011“ eigentlich überholt. Warum? Weil „Dritteweltland“ dieser Tage ein Synonym für „Entwicklungsland“ ist und Länder wie etwa Uganda und Mozambique meint, das sind arme blutjunge Demokratien mit haarsträubend tyrannischer Vergangenheit. Und die Frage ist ja auch, ob man diese Staaten aus alpenländischer Sicht noch ohne weiteres als Entwicklungsländer abhaken darf, immerhin rangieren Uganda und Mozambique im Gender Gap-Report an 26. respektive 29. Stelle. Soll heißen: Die Frauen dort stehen in der Gesellschaft gleichberechtigter da als die Frauen in Österreich.

Verblüffend, oder? Details schaffen Transparenz: Im modernen Mozambique gibt es noch immer Zwangsheirat und hohe Müttersterblichkeit, die Demokratie hat erst vier Wahlen am Konto. Für Uganda gilt Ähnliches, Frauen dürfen – nach Gebären von sieben Kindern – mit 48 Jahren Lebenserwartung rechnen und Lesben werden gesetzlich verfolgt.

Andererseits findest du beim Check des Personals der ugandischen Regierung eine für unsere Verhältnisse verblüffende weibliche Beteiligung. In den Ministerien für Erziehung, Wasser & Umwelt, Landwirtschaft & Fischerei, Energie, Mikrofinanz und anderen (!) sitzen Frauen in oberster Funktion. Macht in Summe den 29. Platz der Gender Gap-Liste, weit vor Österreich.

Wie ist das möglich, zumal ja die Österreicherin mit 30 Jahren mehr Lebenserwartung rechnen kann als die Frau in Uganda? Politikerin Schwentner ortet die Abteilung „Lohngerechtigkeit“ als heraus ragenden Sündenbock, da steht Österreich an 116. Stelle (ich persönlich komm da nicht mit, für mich ist jede Frau bescheuert, die für weniger Geld arbeitet als ich).

Aber gut, auch ich hab noch Firmen in vager Erinnerung, wo alte Ordnung herrschte und Männer das Wort hatten und Richtung „unersetzliche Sekretärin“ Sager losließen wie „Scheißerl, bringst mir einen Kaffee?“ und das Scheißerl reagierte erstaunlicher Weise nicht per Mittelfinger sondern mit „ein Löffel Zucker oder zwei?“ –

Nur reicht mir das nicht, um die unangenehme Gender Gap-Optik auf mangelnde Lohngerechtigkeit zu reduzieren. Die Sache geht tiefer, insbesondere am Land, wo sich der Horizont selten in irgendeine Himmelsrichtung ausbreiten kann, no na, bei so vielen Bergen.

Ich finde, dass dem heimischen Mann bis dato ganz einfach was abgeht. Etwas, das er nie hatte. Es mangelt ihm an Konzeptbewusstsein. Über Basisrespekt – für die Frau als Persönlichkeit auf gleicher Augenhöhe und mündige Bürgerin; als Mensch mit Rechten. Es hat weniger mit Boshaftigkeit zu tun, mehr mit unterschiedlicher Wellenlänge. Versuch mal jemanden anzurufen, dessen Telefonnummer du nicht hast.

Überhaupt fehlt ihm jegliches Vokabel, wenn es um Dinge wie ihre Individualität und Bandbreite oder gar Privatsphäre geht, wozu auch, sie ist ohnehin dazu prädestiniert, ihn zu bemuttern, das sollte reichen (und immerhin, sie genießt kraft dieser Rolle im Mutterwinkel lebenslang das Privileg, ihn mit Bubisprache zu beglücken, sie darf ihm alljährlich zum „Burtsltag“ gratulieren, bis ins hohe Alter. Und lässt er mal die Hose runter, sieht sie auch schon sein „Wulli-Anti“). Somit zurück zur „Drautal Perle“ in Spittal an der Drau.

Erlebnisaufguss 2011

Diese Perle ging Ende 2008 in Betrieb, die 120 Personen fassende Sauna war anfangs ausschließlich gemischt. Womit kein Mann ein Problem hatte. Frauen allerdings stellten bald den berühmten Baum auf, „die fehlende Damensauna ist ein Affront gegen Frauen“, meinten sie. Bei den Betreibern stießen sie damit zwar auf taube Ohren, aber Bürgermeister Gerhard Köfer besann sich letztlich seiner amtlichen Pflichten und so existiert in der Drautal Perle seit 13. Jänner 09 eine wöchentliche „Ladys Night“.

Das lief fast drei Jahre lang praktisch klaglos, keine Frau regte sich darüber auf und vorstellbar, wie es in den Gemütern der männlichen Saunisten der Draustadt ob der Ladys Night gespukt haben muss. Männer verboten? Wieso? Haben Frauen ohne Männer ein Leben? Sind das Emanzen?

Es gibt Fragen, die erzeugen im Mann nur Unbehagen. Was weiß ein Fremder? Das „Perle“-Management war bewegt genug, den nunmehr berüchtigten „Erlebnisaufguss“ zu etablieren. Motiv? Wahrscheinlich Menschenliebe, Abteilung Licht ins Dunkel, man sorgt sich halt, wenn Frauen allein sind, nenn es Beschützerinstinkt.

Dumm nur, dass die Ladys zur Night die nette Geste sofort als „Zwangsbeglückung“ brandmarkten, den Erlebnisaufgießer boykottierten und sogar die lokale Zeitung informierten: „Wenn man uns nicht haben will, sollte die Geschäftsführung den Mut haben, das zu sagen und nicht versuchen, uns auf hinterhältige Art zu vertreiben“ , sagten sie. Mit Erfolg. Der Erlebnisaufgießer ist jetzt wieder Perle-History. Das hat mann von seiner Menschenliebe.

Verstehe einer die Frauen. Aber welcher Ösimann soll das drauf haben, bei so einer Gender Gap?

5 Kommentare »

  • Dani sagt:

    gefällt mir zwar nicht, aber was soll ich machen. den kampf gegen windmühlen überlass ich lieber donna quichota…falls es so eine nach dohnal noch gibt in österreich…

  • Peter R sagt:

    Möchte aber doch hoffen , dass wir Männer uns darauf einigen können, dass wir Gleichberechtigung gut finden – denn mit Heimchen am Herd kann man weniger anregende Gespräche führen – was auch zu ..xueller Abregung führen kann … (und wenn wir einmal arbeitslos sind gibt es ein zweites Einkommen im Haushalt!).

ZiB21 sind: unsere Blogger