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Wall Street Brennt

Von | 05.11.2011, 15:14 | 4 Kommentare

Wie fair und unschuldig kann der Finanzsektor sein, wenn er von einer Polizisten-Armee beschützt werden muss? Schriftstellerin Ana Tajder live von der Wall Street.

 

Occupy Wall Street by David Shankbone, Lizenz: CC BY 2.0

Ja, ich war dort. Ich musste. Ich bin für Änderung. Ich habe schon über Dinge geschrieben, gegen (und für) die die Occupy-Leute kämpfen (in meinem Aufsatz über die Finanzkrise von 2008, siehe auch „Ana Almighty“ in der Vienna Review, Dezember 08). Ich schrieb darüber in meinem zweiten Buch „Knockout“, hoffentlich wird es bald veröffentlicht.

Es war aufregend, Zeugin von Occupy Wall Street zu sein. Aber es machte mich traurig.

Erstens ist es so, dass die ganze Nachbarschaft blockiert wird, es gibt mehr Polizisten und Sicherheitsbeamte als Börseleute. Ein Spaziergang durch die Wall Street fühlt sich wie ein Spaziergang durch Zagreb in den Kriegsjahren an – nämlich während eines Luftangriffs. Und zwar schon vergangenes Jahr, vor Occupy. Jetzt ist es noch schlimmer.

Wie fair und unschuldig kann der Finanzsektor sein, wenn er von einer Polizisten-Armee beschützt werden muss?

Zweitens ist Occupy Wall Street in Wahrheit Occupy Zucotti Park – die Demonstranten sind in einem winzigen Park abseits der Wall Street eingepfercht, umgeben von McDonalds und Burger King und einer Million Polizeiautos. Es sind mehr Polizeiautos als Demonstranten. Man hat den Eindruck, dass der Protest dort abgestellt wurde, wo er nicht stört und dort wird er abgestellt bleiben, bis keiner mehr Bock drauf hat und schließlich geht. Und genau das wird passieren.

Es erinnerte mich an „Uni Brennt“, jenen Protest, der 2009 an der Uni Wien begann und sich auf Europa ausbreitete. Universitäten waren Monate lang besetzt. Es gab Workshops und Arbeitsgruppen; prominente Intellektuelle hielten unterstützende Reden, Medien berichteten darüber. Und die Studenten wurden ihrem Protest überlassen, bis sie ihre Motivation verloren. Nichts hat sich geändert.

Frag mich nicht, wie man eine Änderung schafft. Ich weiß es nicht. Vielleicht sollten wir alle gleichzeitig unsere Arbeit hinschmeißen.

Leider steckt in den Aktionen auch eine immanente Gefahr: Mit jedem Protest, der lediglich in langsamem Absterben endet, verlieren die Leute auch Hoffnung. Hoffnung auf ihre Macht und Hoffnung auf ihre Fähigkeit, Dinge ändern zu können. Wenn wir die Hoffnung verlieren, können wir gleich unsere Dosis Anti-Depressiva verdreifachen und zu Robotern werden. Zufällig genau das, was das System braucht.

Drittens und letztens fand ich gestern einen langen Artikel über den großen Occupy-Protest in Oakland – auf der Homepage der österreichischen Tageszeitung Der Standard. Dann blickte ich in die LA Times. Die NY Times. Auf Huffington Post … Niemand berichtete darüber. Für die US-Medien und die amerikanische Bevölkerung gab es keine Proteste.

Ja, ich bin traurig. Andrerseits: Die Tatsache, dass so viele Leute die Probleme erkennen und ein kritisches Bewusstsein haben und Lösungen finden wollen und „jetzt reicht´s“ sagen – das gibt Hoffnung.

Dieser Artikel ist auf Ana Tajders Blog in englischer Originalfassung zu lesen.

4 Kommentare »

  • Mlle sagt:

    Super geschrieben!
    Bravo!
    Weiter so!
    lg

  • Oliver sagt:

    „Wie fair und unschuldig kann der Finanzsektor sein, wenn er von einer Polizisten-Armee beschützt werden muss? “

    Der Satz impliziert dass jeder, der von der Polizei beschuetzt wird, faktisch eines Verbrechens schuldig ist. Das heisst zum Beispiel dass jeder, der in ein Flugzeug steigt, eines Verbrechens schuldig ist. Oder die Rebellen in Lybien. Oder ganz Europa, weil die Aliierten im 2ten Weltkrieg gegen die Nazis kämpften.

    Achtung: Ich sage nicht, dass de Demonstationen gegen die Banken grundlos sind. Aber der Rückschluss, dass ein Polizeischutz die Schuld der beschützten beweist, ist schwachsinn.

    Der Satz ist so demagogisch wie G.W.Bush’s „If you are not with us, you are against us“.

  • kratky sagt:

    ana, keep on writing.
    k from vienna, t

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