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Eurodämmerung: Egoismus hilft also doch

Von | 03.11.2011, 9:18 | 2 Kommentare

Was, wenn die Griechen gar nicht gerettet werden wollen? Weil Rettungspakete nur leere Versprechen sind? Dann zeigt sich, wie wenig Europa und der Euro miteinander zu tun haben.

50 Euro Schein im Abfluss eines Waschbeckens

Zugegeben, ich habe keine Ahnung von „den Finanzmärkten“. Und je öfter einem von vorgeblich Klügeren erklärt wird, wie die Finanzmärkte angeblich funktionieren, dass die Vorgänge dort ohnehin zum Gutteil von von der Psyche gesteuert werden, von Zuständen wie Panik, Gier und Streben nach Glück, das sich in Vermögenszuwachs abbildet, desto mehr gehe ich davon aus, dass ich nicht der einzige Ahnungslose bin.

Es gibt ja auch keine Wissenschaft, die den Mechanismen der Märkte gerecht wird. Keine Medizin, die sagt: Wir haben Euro-Krise, also schütten wir diesen oder jenen Medikamentencocktail in den Patienten, schneiden ihn hier auf, nähen ihn dort zu, und dann gute Besserung.

Die Wissenschaft, die zur Genesung der Märkte beitragen könnte, müsste die Ökonomie sein. Doch die kennt keine Rezepte, sondern nur Weltanschauungen. „Ob mehr Staatsausgaben oder rigorose Sparprogramme – die Ökonomie hat für jeden etwas dabei“ – es gibt keine Gründe der Welt, dieses unlängst schon zum Ausdruck gebrachte Unbehagen zu revidieren.

Krugman schreibt den Euro ins Grab

Trotzdem sei hier noch Paul Krugman erwähnt, Träger des Wirtschaftsnobelpreises 2008. Der hat sich in seinem Blog bereits vom Euro verabschiedet. Keine Ahnung, ob er recht hat (siehe oben), aber abgesehen davon, dass ich mich für den Titel dieses Artikels bei ihm bedient habe, bietet Krugmans kurzer Text eine gute Überleitung zum griechischen Ministerpräsidenten Giorgos Papandreou, der sich entschieden hat, ein Referendum über das Rettungspaket für sein Land anzusetzen. Krugman geht davon aus, dass sich die Griechen dagegen aussprechen werden.

Warum auch nicht? Sie haben – wie ich – sicher in der Mehrzahl keine Ahnung von „den Finanzmärkten“. Doch es hat ihnen ja auch bis heute keiner schlüssig erklären können, warum das Wohl der Finanzmärkte, das Wohl der Banken, das Wohl des Euro, das Wohl Europas auch das ihre ist. Und es kann ihnen auch keiner erklären, warum dieses Rettungspaket, dieses wackelige, mit dem Steuergeld kommender Generationen finanzierte Versprechen, besser sein soll, als es mit dem Euro einfach bleiben zu lassen.

Brüskiert sind die Schnürer des Pakts, Sarkozy und Merkel nun wegen dieser angeblichen Verantwortungslosigkeit, steht überall zu lesen. „Griechen raus!“, geifert der Boulevard, der seit Jahr und Tag nichts anderes tut, als aus chauvinistischen Gründen gegen das Projekt Europäische Union zu kampagnisieren. Das ist dann nur eine weitere absurde Wendung in diesem Spiel, das zeigt wie wenig Europa und der Euro miteinander zu tun haben.

Und noch einmal: Ich habe keine Ahnung von „den Finanzmärkten“. Aber wenn dort die Psychologie tatsächlich eine so große Rolle spielt, dann möchte ich diesem Spiel auch mit einer Einschätzung begegnen, die sich hauptsächlich aus Gefühlen speist. Wir leben heute in Staaten, die sich von „den Finanzmärkten“ abhängig gemacht haben – und damit auch ihre Bürger in diese Abhängigkeit gezwungen. Am Ende entscheidet also die Psychologie der Märkte. Staaten haben dabei nur mehr theoretisch das Monopol der Geldschöpfung. Wenn sie Geld wollen, müssen sie trotzdem Banken – oder: „die Finanzmärkte“ – darum bitten und dann auch noch die Zinsen dafür zahlen.

Egoismus und Demokratie

Marktwirtschaft, so heißt es ja immer, funktioniert immer dann am besten, wenn sich Egoisten ohne die Fesseln des Staates um ihren persönlichen Vorteil bemühen. Dieser Zustand, so die Theorie weiter, fördert nicht nur Wohlstand, sondern auch Demokratie. So gesehen ist das von Papandreou angekündigte Referendum nicht nur ein Akt der Demokratie (siehe Frank Schirrmacher) in einer Oligarchie des Geldes. Es ist auch Egoismus – und gleichzeitig auch ein Aufruf zu kollektivem Egoismus via Volksabstimmung.

Man solle so wichtige Entscheidungen trotzdem nicht dem Volk überlassen, heißt es nun auch immer wieder. Es sei doch zu keiner rationalen Entscheidung fähig. Mag sein, doch dass an „den Finanzmärkten“ keine rationalen Entscheidungen möglich sind, konnten diese in den vergangenen Jahren eindrucksvoll unter Beweis stellen. In diesem Sinne: Es ist mir eine große Freude, dass endlich mehr passiert, als Gemauschel und Gezerre in Hinterzimmern, das dann einmal mehr als Rettungsschirm in der Not daher kommt. Spürt doch jeder, dass das eine Lüge ist.

Foto: Images of Money, Lizenz: CC BY 2.0

2 Kommentare »

  • […] Derzeit stehen unsere Gesellschaften doch vor allem vor einem Problem: Auf der einen Seite manifestiert sich in einem großen Teil der Gesellschaft – nennen wir sie der Einfachheit halber die “99 Prozent” – das Gefühl, dass etwas nicht stimmen kann an einem System, das Ungleichheiten schürt und so lange aus Nichts Geld erschafft, bis daraus eine globale Finanzkrise wächst. Auf der anderen – der Seite der radikalen Minderheit wird nicht über Alternativen nachgedacht, sondern weiterhin der Status Quo zementiert. Mit Schuldenschnitten, Rettungsschirmen und anderen abstrakten Konstrukten, die einen vor allem erahnen lassen, dass sie auf wackeligen Beinen stehen. […]

  • Ich habe keine Ahnung vom Euro, aber @michelreimon findet das nicht schlimm. Immerhin. http://t.co/p6eIUQr6

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