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Tee mit Terry Pratchett

Von | 30.10.2011, 17:30 | 5 Kommentare

Tee und Painkillers beim Talk mit Sir Terry Pratchett über Gott und den Zorn auf das Universum.

 

Sir Terry Pratchett by Jutta, Lizenz: CC BY-SA 2.0

Cuius testiculos habes, habeas cardia et cerebellum.

(Hast du sie mal bei den Eiern, werden ihre Herzen und Köpfe folgen.)

Sir Terry Pratchett

*

„Wo waren wir?“ fragt Sir Terry Pratchett. Dieses eine Mal folgt er der Klischeevorstellung, die ich von seiner Krankheit hatte (Alzheimer = Verlust von Erinnerung). Aber es hatte nichts damit zu tun. Unsere Unterhaltung war unterbrochen worden, ein Fan hatte um ein Autogramm gebeten, das ist ein Prozess, der nicht mehr so leicht von der Hand geht wie früher („Ich schreibe keine Widmungen mehr, zu schmerzhaft“).

Wir waren beim heute legendären „Outing“ seiner Krankheit und dem Umstand, dass er daraufhin mit tausenden eMails eingedeckt worden war. „Mittler Weile sind es hunderttausende“, sagt er. „Sie kommen in Wellen, immer nach einem öffentlichen Auftritt.“

Derlei Auftritte hatte Terry Pratchett in jüngerer Vergangenheit öfter. Mal ging es um das Recht, den Zeitpunkt des eigenen Todes selbst zu bestimmen, andermal um einen Protest gegen den Inselbesuch des Papstes, dann wieder schlug ihn die Queen zum Ritter. Und da ist auch noch sein neuer Roman „Snuff“, der sich gerade auf Platz Eins der Inselcharts eingenistet hat.

So kam es, dass Sir Terry Pratchett auch in meine Stadt geriet. Nicht wegen des Romans, sondern wegen der Eröffnung eines Observatoriums. („Ist ganz nett, aber mein privates Observatorium ist größer.“) Ein Großereignis. Ereignisse kommen in meiner Stadt nicht größer daher.

In meiner (jungen) Verwandtschaft ist Pratchett ein Riese, größer als Tolkien und JK Rowling. An mir ging der Schriftsteller fast spurlos vorbei. Ich hab mal ein Buch der Scheibenwelt-Serie begonnen, da war eine Schildkröte, auf der vier Elefanten standen und diese Scheibenwelt hielten … das wars für mich. Buch mit einem höflichen „danke, aber nein danke“ retour an den noblen Verleiher. Etwaige Neugier auf weitere Scheibenwälzer für immer gestillt. Andererseits: Der Mann hat 67 Bücher geschrieben, die sich bis dato 75 Millionen mal verkauften. Das sind Zahlen jenseits von Für und Wider.

Mit seinem Alzheimer-Outing vor vier Jahren war ich auf die Persönlichkeit hinter dem Fantasy-Erzähler aufmerksam geworden. Er hatte die Krankheit als „Embuggerance“ bezeichnet, für mich ein neues Wort, das ich in die Nähe von „pain in the ass“ rückte. Damit kann ich was anfangen.

Und jetzt sitzt er also neben mir, im Planetarium der Stadt mit dem neuen Observatorium. Ich trinke Tee, er trinkt Wasser, in das er eine zerstoßene Schmerztablette aufgelöst hatte. Er ist klein und ganz in schwarz gekleidet, trägt einen riesigen Hut und hält einen Stock mit Silberknauf in der Hand (der laut meinem jungen Verwandten in der Scheibenwelt eine Rolle spielt, nur hab ich vergessen welche).

„Embuggerance“, sage ich, „ist das eine Erfindung von Ihnen?“

„Es ist ein geflügeltes Wort in Militärkreisen. Es meint ein verdammtes Ärgernis, so sehe ich Alzheimer. Weil es mein Schreiben stört.“ Im übrigen störe es ihn nicht, dass ich mehr an seiner Befindlichkeit als an seinen Büchern interessiert bin. „Fragen Sie nur, ich bin hier um zu antworten.“

Das Outing also. Warum?

„Weil es die ganze Sache binnen Tagen dynamisierte. Als ich jung war, starben die Leute immer ‚nach langer Krankheit’. Eines Tages starb eine bekannte Persönlichkeit und seine Familie sagte, er starb an Krebs. Es war ein wenig wie ‚huch, der hat Krebs gesagt’. Und plötzlich war es okay, darüber zu reden. Und in dem viertel Jahrhundert seither wurde der Kampf gegen Krebs zwar nicht gewonnen, aber er hat was gebracht. Es gibt Wege, mit Krebs zu leben. Aber Alzheimer wurde immer unter den Teppich gekehrt. Weil es eine Krankheit alter Leute ist. Und wer kümmert sich um alte Leute?“

„Meine Oma“, sage ich.

„Eben. Aber die Sache ist: Menschen werden heute viel älter als früher. Die Zahl der Alzheimer-Patienten wird sich binnen einer Generation verdoppeln. Mehr und mehr Menschen werden damit umgehen müssen. Wer Alzheimer hat, kann es nicht ignorieren.“

Ich fühle nun den Drang, meine – notorisch naive – Theorie zu präsentieren. Eine Theorie zum Thema ‚Verlust der Erinnerung’: „Alzheimer wird immer mit Erinnerungs-Schwund gleichgesetzt. Haben Sie je daran gedacht, Orte aufzusuchen, mit denen Sie keine Erinnerung verbindet? Dann haben Sie nichts zu verlieren.“

„Ich habe keinen Erinnerungsverlust dieser Art. Es gibt Dinge, die ich vergesse, das ist normal in meinem Alter. Und für einen, der in den Sechziger Jahren aufgewachsen ist, gehört Erinnerungsverlust fast zum guten Ton. Aber ich weiß, wo ich heute bin und ich weiß, dass meine Frau dort drüben steht. Ich bin noch weit davon entfernt, das zu vergessen.“

Sein Alzheimer sei eine rare Form, erzählt er, „sie ruiniert den hinteren Lappen des Gehirns, das heißt, mein Reden ist vollkommen okay, aber meine visuelle Wahrnehmung ist korrumpiert.“ Und, das Schlimmere: die Finger-Koordination. Pratchett kann nicht mehr tippen. Sein letzter Roman entstand bereits mit Hilfe von Voice-Recognition-Software.

Die Schwierigkeiten beim Tippen brachten ihn auch früh zum Arzt. „In der Tat wurde anfangs diagnostiziert, dass ich eben nicht Alzheimer habe, nur wusste ich, dass etwas nicht stimmte. Ein Gehirn-MRI brachte es dann zu Tage.“

Zu Tage brachte es auch eine Besonderheit des englischen Gesundheitssystems. Dort wird Alzheimer als etwas verbucht, das man erst ab 65 Jahren bekommt. „Ich bin 63 und habe es seit Jahren. Aber die Spitäler wollten mich erst behandeln, wenn ich 65 werde.“

Es ist bekannt, wie Pratchett darauf reagierte: Er sponserte die Alzheimer-Forschung mit einer Million Dollar. „Eine rationale Entscheidung“, sagt Pratchett. „Ich wollte die Krankheit bekämpfen. Ich weiß, dass es zu meinen Lebzeiten kein Heilmittel geben wird. Aber ich wollte nicht kampflos untergehen.“

„Hat sich seit der Diagnose für Sie etwas geändert, was die Lebensweise anbelangt? Wurde alles dringender?“

„Es hat mich stärker ans Schreiben klammern lassen. Ohne Schreiben wär ich wahrscheinlich schon lange in die Schweiz gereist (in Sachen Freitod, Anm.), ohne Schreiben hat meine Existenz keinen Sinn.“

Aber am Anfang kam was anderes hoch: „Ich wurde unsagbar zornig. Kennen Sie Paradise Lost? (John Milton, Anm.) Da gibt es eine nette Szene, wo Luzifer in die Hölle geworfen wird und er zornig auf Gott ist. Im Vergleich zu meinem Zorn war Luzifers Zorn ein Ausdruck milder Enttäuschung.“

„Haben Sie Ihren Zorn gegen jemanden gerichtet?“

„Ja, gegen das Universum. Das Dumme ist, dass ich ein Humanist bin. Das heißt im Kern ein Atheist. Obwohl, ich ziehe vor zu sagen, dass Gott nicht relevant für die Diskussion ist. Als Menschen haben wir uns Menschen. Und aus. Es mag so etwas wie eine Intelligenz hinter dem Universum stecken, aber sie hat nichts mit Pilgern in der Wüste zu tun, es ist ihr egal, ob du Fisch am Freitag hast.“

„Erinnert mich ein wenig an Ovids Amor, mit dessen Kreation die Götter auf die Menschen eifersüchtig wurden, weil die Menschen plötzlich keine Götter mehr brauchten, sie hatten auch ohne Überirdische genug am Hals  … “

„Ich meine mehr eine Intelligenz, die das Universum für logische Erforschung öffnet. Die ist weit weg von einem im Himmel wohnenden Rauschebart, der per Donner Anordnungen zu uns runter schickt. Ich glaube nicht an Märchen.“

Letzteres brachte ich meinem jungen Pratchett-Fan schonend bei. Die Story vom Fantasy-Erzähler, der nicht an Märchen glaubt. Plus natürlich die Antwort auf eine Frage, die zu stellen er mir befohlen hatte: „In Ihren Scheibenwelt-Büchern tritt auch die Figur des Todes auf. Spielen Sie tatsächlich Schach mit ihm?“

„Ich trag ihn immer mit mir herum. Aber mit ihm spiele ich kompliziertere Spiele als Schach.“ Wie er das meinte? Beats me. Aufschlüsse eventuell im folgenden Pratchett-Monolog „Shake Hands mit dem Tod“.

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