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Isabella NittnerCiao SuperSic!

Von | 24.10.2011, 23:05 | 4 Kommentare

Motorsport-Fans haben es derzeit wirklich nicht leicht. Nach Dan Wheldon in Las Vegas verunglückte vergangenes Wochenende der italienische MotoGP-„Badass“ Marco Simoncelli tödlich.

Kennen Sie das? Sie stehen in der Früh auf, schauen aus dem Fenster, es ist neblig und verregnet und Sie denken sich: Dieser Tag kann nur scheiße werden. Genau so ein Tag war vergangener Sonntag. Ein paar Minuten später sollte sich herausstellen wieso.

Fernseher aufgedreht, Sport1 (bei allem Respekt, aber ATV ist in diesem Fall wirklich keine Alternative) eingeschalten, Start des MotoGP. Auch wenn diese Saison aufgrund der bereits entschiedenen Weltmeisterschaft nicht mehr spannend ist, ist das Rennen für einen eingefleischten Motorradfan Pflichttermin. Und dann, in den ersten Runden: Crash. Und was für einer!

Ist der Helm einmal ab…

Marco Simoncelli, aufstrebender und vor allem furchtloser Jungspund, verliert in der Kurve den Grip, rutscht aus und fällt. An sich ist so etwas keine Seltenheit, immerhin küssen die Fahrer beinahe den Boden, wenn sie sich mit 100 km/h in die Kurven schmeißen. Im Normalfall wären ein paar blaue Flecken die Konsequenz gewesen.

Aber was Millisekunden danach passiert, wird Marco Simoncelli zum Verhängnis. Der Amerikaner Colin Edwards, in seiner langen Karriere auch nicht immer von Verletzungen verschont geblieben, und MotoGP-Superhero Valentino Rossi können nicht ausweichen und fahren ihn beide – beinahe simultan – nieder. Der Helm löst sich und kugelt wie ein Strohballen im Wind ins Gras.

Auf der Strecke liegt ein bewusstloser Marco Simoncelli. Und jeder, der diesen Sturz live gesehen hat weiß, dass das kein normaler Sturz war, bei dem der Fahrer wieder aufsteht und ins Publikum winkt.

Rote Flagge. Das Rennen wird unterbrochen. Zur Überbrückung der Zeit sieht man Bilder aus den Boxen. Die Motorräder stehen fahrbereit davor, die Fahrer warten. Marco Simoncellis Freundin Kate starrt auf den Bildschirm und weint bitterlich. Casey Stoner, Weltmeister 2011, sitzt wie versteinert auf seinem Stuhl, kreidebleich im Gesicht. Karel Abraham, selbst erst 21 Jahre alt, sieht verweint in die Kamera.

Valentino Rossi, der nicht bloß einmal „das hier ist die MotoGP, kein Kindergarten” gesagt hatte, verzerrt sein Gesicht. Zu diesem Zeitpunkt weiß niemand außer den Ärzten, wie kritisch Simoncellis Zustand ist. Aber man kann es in den Augen der Fahrer sehen – sie ahnen es alle. Sie ahnen, dass Simoncelli kaum Chancen hat.

Als die Rennleitung durchsagt, dass das Rennen abgesagt und ersatzlos aus dem Rennkalender gestrichen ist, wissen sie auch, dass er es nicht geschafft hat – auch wenn die offizielle Bestätigung von Simoncellis Tod noch eine halbe Stunde auf sich warten lässt.

Wer mit dem Leben spielt…

Flapsig formuliert könnte man sagen, dass Marco sein Schicksal heraus gefordert hat. Es gab diese Saison keinen Fahrer, der so viele Kontroversen ausgelöst hatte wie er. Er fuhr bei jedem freien Training, jedem Qualifying, jedem Rennen, jeder Geraden und Kurve konstant am Limit.

Viele Freunde hat er sich damit nicht gemacht. Dani Pedrosa, Mini-Spanier, musste sich nach einem üblen Schlüsselbeinbruch am Tag seines Comebacks ein drittes Mal an eben diesem Schlüsselbein operieren lassen. Marco Simoncelli hatte ihn von hinten abgeschossen. Mit dem Motorrad, versteht sich. War zu schnell dran. Wollte zu viel auf einmal.

Als Simoncelli Pedrosa einige Wochen später zu seinem Podiumsplatz gratulieren wollte, verweigerte der Spanier den Handshake. Verständlich, immerhin hatte ihm der Wahnsinnige aus Übermut die Saison versaut. Jorge Lorenzo, ebenfalls Spanier und Weltmeister 2010, durfte Marco Simoncellis rücksichtslose Art zu fahren einige Wochen später spüren. „Meister Jorge” ließ sich das nicht gefallen und drohte Simoncelli beim Interview nach dem Rennen, das würde beim nächsten Mal Konsequenzen haben. Marco antwortete in gebrochenem Englisch: “Willst du mich verhaften lassen?”

Genau diese unverbrauchte Frechheit machte Marco Simoncelli aus.

Sein guter Freund Valentino Rossi schrieb Stunden nach seinem Tod, auf Drängen der Fans, auf Twitter: “(…) so strong on track and so sweet in the normal life (…)”

Badass wollte es wissen

Marco Simoncelli war der Badass der MotoGP. Nachdem er 2008 den Weltmeistertitel in der 250ccm-Klasse gewonnen hatte (tragischerweise genau auf dieser Strecke in Malaysia) kam er in die Königsklasse des Motorradsports und mischte alles auf. Er brachte frischen Wind.

Ich persönlich hätte ihn in spätestens zwei Jahren als Weltmeister gesehen. Er war der neue Valentino Rossi – mit derselben Frisur, demselben Schmäh, derselben Härte Motorrad zu fahren.

Doch der Sport bleibt gefährlich, auch wenn die Sicherheitsmaßnahmen ständig verbessert werden, die Technik ausgeklügelt ist und beim Material, mit dem die Fahrer ihren Körper schützen, nicht gespart wird. Bei einer Verkettung unglücklicher Zufälle wie an diesem Sonntag nützt all das nichts.

Und selbst wenn Marco Simoncelli sein Schicksal mit jeder Fahrt herausgefordert hat, so hätte er die Lektion, dass man mit seinem Leben nicht spielen soll, doch nicht unbedingt  so lernen müssen. Wie schrieb der Rennfahrer Nicky Hayden auf Twitter: “Sometimes life just doesn’t make sense.”

He’s right. Addio Marco.

Foto: motoracereports, Lizenz: CC BY 3.0

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